Full text: 64.1936 (0064)

Volksvertretung wählen lassen mutz. 2m März 
kommt eine Verordnung heraus über die Ein¬ 
richtung eines Landesrates und eines Studien- 
ausschusses. Hiernach ist für den Landesrat die 
Wahl von 30 Mitgliedern vorgesehen und für 
den Studienausschutz die Ernennung von 8 Mit- 
gliedern. Die Presse lehnt die Verordnung ein¬ 
mütig ab; denn was gewährt wrrd, ist nur ein 
„Scheinparlament". Immerhin bedeutet diese 
Einrichtung gegenüber dem bisherigen Zustand, 
bei dem als Vertretung die Kreistage gelten, 
eine Verbesserung; schon deswegen, weil der 
Landesrat in einem Wahlgange von den Wahl¬ 
berechtigten des ganzen Gebietes gemeinsam ge¬ 
wählt wird, während die Kreistage für jeden 
Kreis gesondert gewühlt werden. Der Landesrat 
kann sodann auch einheitliche Beschlüsse fassen, 
während die Kreistage in getrennten Sitzungen 
verhandeln und beschlietzen müssen. Daher geben 
die Parteien auch die Parole zur Wahlbetei¬ 
ligung aus. 
Die Regierungskommission tut alles mögliche, 
um in dem Landesrat ein ihr möglichst will¬ 
fähriges Werkzeug zu erhalten und durch eine 
grotze Zersplitterung der Stimmen die Aus¬ 
schaltung besonders prominenter politischer saar¬ 
deutscher Führer zu erreichen. Sie schreibt zum 
Beispiel das System der freien Listenwahlen 
vor; in der Erwartung, datz die Führer von den 
Listen gestrichen werden. Auch kann nur der ge¬ 
wählt werden, der im Saargebiet geboren ist. 
Am 25. Mai findet die Wahl statt. Ergebnis: 
Alle aufgestellten Führer der deutschen Parteien 
werden gewählt. Die von der Regierungskom¬ 
mission, den Franzosen und Französlingen be¬ 
günstigten Listen gehen völlig leer aus. Die er¬ 
hoffte Zersplitterung tritt nicht ein; denn die 
Wähler üben strengste Disziplin und geben ihre 
Stimmlisten ohne Streichungen ab. So wird 
diese Wahl zu einem großen Sieg der deutschen 
Sache. Der gewählte Landesrat protestiert in 
seiner ersten Sitzung (19. 7. 22) gegen die 
Schaffung eines „Scheinparlaments" unter dem 
Namen Landesrat und fordert die für ein Par¬ 
lament selbstverständlichen Rechte. In einer be¬ 
sonderen Erklärung legt der Landesrat ein feier¬ 
liches Treuegelöbnis zum deutschen Vaterlande 
ab und verlangt, daß die Regierungskommission 
dafür sorgt, daß die bisher an der Saar be¬ 
triebene Verwelsthungsarbeit aufhört. 
Widerrechtliche Einkührung 
der Frankenwährung 
Mai 1 92 3: Die Negierungskommission ver¬ 
ordnet, daß ab 1. Juni als alleiniges gesetzliches 
Zahlungsmittel im Saargebiet die französische 
Währung gilt. Damit findet ein langer Kamps 
um die Währung durch einen vertragswidrigen 
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Machtspruch seinen vorläufigen Abschluß. 2mm, 
wieder versuchten die französische Bergverm 
tung und die Regierungskommission, die SB 
völkerung dahin zu bringen, datz sie die (fr, 
sührung der Frankenwührung forderte. 2n erst 
Linie wurde hierfür die Markinslation ausx 
nutzen versucht. Den Arbeitern, Angestellten m 
Beamten der Gruben sowie den Beschäftig 
bei den Behörden werden die auf Grund fc. 
steigenden Markentwertung notwendigen Lch 
bzw. Gehaltserhöhungen in Mark verweis 
und gesagt: „Fordert Erhöhung in Frank« 
Währung, die wird bewilligt." Die Rot i 
Bevölkerung steigt daher immer mehr. Trotzd, 
wird — abgesehen von Ausnahmen — es imm 
wieder grundsätzlich abgelehnt, Frankenzahlu, 
zu fordern. Weite Kreise hungern lieber, i 
daß sie sich zur Forderung der französisch, 
Währung bringen lassen. Sie haben später an 
die große Genugtuung, daß, als kurz darauf) 
Frankeninflation einsetzt, auch die, die sich it| 
dem Franken gesehnt oder ihn gar cjeforbe 
haben, erklären: „Hätten wir das gewußt" u[n 
ganz abgesehen davon, daß das Festhalten an fc 
deutschen Währung in der schwersten Notzeit« 
sich schon eine innere Genugtuung verleiht. Pol 
tisch und wirtschaftlich genutzt hat den Franzost 
die Verdrängung der Mark aus dem Saa 
gebiet nicht im geringsten. 2m Gegenteil, d, 
Währungsexperiment hat ihnen allerlei gekost, 
und man darf wohl annehmen, daß. hätten s 
den Ausgang der Abstimmung geahnt, sie st 
„schwer gehütet hätten," der Saarbevölkerm 
die französische Währung aufzuzwingen. 
Hundert Tage Bergarbeiterstreik 
Anfang 1 92 3: Die willkürliche Besetzm 
des Ruhrgebietes löst an der Saar eine ungt 
heuer grotze Entrüstung aus und das Saarvo 
protestiert mit allem Nachdruck dagegen. Zu' 
Zeichen des Protestes wird am 15. Januar st 
die Zeit von 11 bis 11.30 Uhr die gesam 
Tätigkeit eingestellt. Wieder stehen alle Räd, 
still. Vielfach kommt es während dieser halb, 
Stunde zu spontanen vaterländischen Kun! 
gebungen, bei denen immer wieder patriotist 
Lieder gesungen werden. 
2m Saarbergbau spitzen sich die Verhältnis 
mehr und mehr zu. Die von den Arbeitern ü 
stellten Forderungen werden von der französisch 
Bergverwaltung abgelehnt oder die Entsch 
düng immer wieder hinausgeschoben. Schließ 
reißt den Saarbergleuten der Geduldsfaden. 4 
4 Februar treten sie geschlossen in den Stu 
Rund 72 000 Bergleute, d. h. 99 Prozent i 
Belegschaft, beteiligen sich daran. Ein Riest 
kämpf hat seinen Anfang genommen. Die D 
zösische Vergverwaltung gibt am 9. Februar k
	        

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