Full text: 64.1936 (0064)

Trauer und des großen Schmerzes, unter denen 
ine Bevölkerung leidet, werden die Städte und 
Ortschaften schnell festlich geschmückt. Auf keinen 
Fall sollen unsere braven Truppen unter der 
großen Enttäuschung, die die Kapitulation der 
Regierung bei dem Saarvolk hervorgerufen hat, 
leiden. Fahnen, Girlanden und Ehrenbogen sind 
allenthalben zu sehen. Dicht gedrängt stehen die 
Menschenmassen von früh bis spät, ja auch in 
der Nacht, auf den Bürgersteigen, Plätzen und 
Wegen, um die zurückmarschierenden Truppen 
zu begrüßen. Dankbaren Herzens gedenken sie 
der großen Heldentaten, die mehr als 4 Jahre 
den Feind vom Saarlande fernhielten. Alles, 
was irgendwie an Liebesgaben aufzutreiben ist, 
wird unseren Soldaten freudig gereicht. Aus 
Wiedersehen! klingt es unter Tränen der 
Rührung immer wieder aus aller Munde. 
Dichtauf wollen die Franzosen ernmarschieren. 
Offenbar ist es ihre Absicht, in» ein festlich ge¬ 
schmücktes Saarland einzuziehen, um durch ent¬ 
sprechende Photos der Welt bildlich zeigen zu 
können, daß die französischen Truppen und 
Frankreich an der Saar festlich begrüßt wurden. 
Das soll, das darf nicht sein. In aller Eile 
wird daher sämtlicher Schmuck entfernt. Und als 
der Einmarsch der Franzosen mit klingendem 
Spiel und mit großer Aufmachung erfolgt, ist 
das festliche Gewand verschwunden, keine Fahne 
oder sonstiger Schmuck mehr zu sehen. Fast alle 
Läden sind geschlossen; die Straßen sind mit 
einem Schlage menschenleer geworden. Keiner¬ 
lei Kundgebungen oder Begrüßungen erfolgen. 
Auch nicht in Saarlouis, auf das die Franzosen 
besonders große Hoffnungen gesetzt hatten. Hier 
unterbleibt selbst der von dem französischen 
General Lecomte ausdrücklich gewünschte Emp¬ 
fang durch die Behörden der Stadt. Das Er¬ 
staunen der Franzosen ist groß. Bei Besprechun¬ 
gen mit den Behörden beschweren sie sich über 
den „kühlen Empfang", wie sie sagen. Später 
erklärten sie selber, daß sie bei ihrem Einmarsch 
den Eindruck gehabt hätten, als ob sie in ver¬ 
lassene Städte und Ortschaften eingezogen seien. 
Erster gemeinsamer Widerstand 
März 1919: Alle Bemühungen der Fran¬ 
zosen, die Bevölkerung für ihre Bestrebungen zu 
gewinnen, bleiben vergeblich. Ihre Versuche, 
auch für die Volksschulen den französischen 
Sprachunterricht einzuführen, scheitern an dem 
gemeinsamen Widerstand der Lehrpersonen, 
Eltern und Kinder. Auch all ihre sonstigen Be¬ 
strebungen auf kulturellem Gebiete bleiben ohne 
Erfolg, obschon mit stärkstem Druck vorgegangen 
wird. Bestrafungen. Amtsenthebungen und Aus¬ 
weisungen lösen erst recht schärfsten Widerstand 
bei der Bevölkerung aus. Als in Saarlouis 
der Bürgermeister im Anschluß an eine Stadt- 
verordneten-Sitzung der zahlreichen vor dem 
Rathause harrenden Menge mitteilt, daß die 
französische Forderung einer sranzosenfreund- 
lichen Erklärung abgelehnt worden sei, ant¬ 
wortet die Bevölkerung mit einem stürmischen 
„Hurra" und mit dem Singen des Deutschland¬ 
liedes. Größtes Erstaunen bei den Franzosen. 
Gegen das Versailler Diktat 
Juni 1919: Die Verhandlungen in der 
Weimarer Nationalversammlung werden an der 
Saar mit besonders großer Aufmerksamkeit ver¬ 
folgt. Weiß man hier doch, daß dann, wenn die 
in Versailles unter den Alliierten getroffenen 
Vereinbarungen in Kraft treten, das Saar¬ 
gebiet wenigstens für 15 Jahre von Deutsch¬ 
lands getrennt und einer Fremdherrschaft unter¬ 
stellt wird. Daher ist die Bevölkerung — aber 
nicht allein aus diesem Grunde — gegen die 
Annahme des Versailler Vertrages. Die im 
Saargebiet wohnenden vier Mitglieder der 
Nationalversammlung stimmen auch gegen seine 
Annahme. Nie sollen sich die Franzosen daraus 
berufen könen, daß auch die Abgeordneten von 
der Saar sich mit der Abtrennung des Saar¬ 
gebietes vom Reiche einverstanden erklärt 
hätten. 
Die Völkerbundsherrschaft beginnt 
2an.-Febr. 1 92 0: Das Versailler Diktat 
tritt in Kraft. Damit wird das Saargebiet auf 
15 Jahre der Verwaltung des Völkerbunds¬ 
rates unterstellt. Die Saar-Kohlengruben gehen 
schulden- und lastenfrei in den Besitz Frank¬ 
reichs über. Nach Ablauf der 15 Jahre soll eine 
Volksabstimmung darüber stattfinden, ob die 
Bevölkerung vom Völkerbund weiter regiert 
werden oder zu Frankreich oder zu Deutschland 
will. Der tiefe Schmerz über die Abtrennung 
vom Vaterlande ist an der Saar allgemein. 
Ebenso fest ist aber auch der Wille, dem deut¬ 
schen Vaterlande treu zu bleiben und dafür zu 
sorgen, daß diese Volksabstimmung der ganzen 
Welt zeigen wird, daß das Saarvolk deutsch ist 
und stets deutsch bleiben will. Besonders schwer 
werden es unsere Bergleute haben; denn der 
französische Staat ist ihr Arbeitgeber geworden. 
Trotzdem werden auch sie bleiben, was sie sind: 
Deutsche? 
Obschon die Presse unter strenger Zensur steht, 
verleiht sie doch diesem Willen der Bevölkerung 
mutig Ausdruck, solange sie kann. Sehr freudig 
begrüßt wird auch das Erscheinen der ersten 
Nummer des „Saar-Freund" in Berlin, der von 
dem ausgewiesenen Stadtverordneten T h. 
Vogel herausgegeben wird. Man weiß, daß 
der „Saar-Freund" in erster Linie ein Sprach-
	        

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