Full text: 64.1936 (0064)

wieder ist es feucht, die Sohle quillt, wird mo¬ 
rastig, die Schwellen liegen bloß, Gefahr des 
Hängenbleibens mit den Hufen besteht. Aber der 
Gaul kennt die Stelle, hebt rechtzeitig seine Beine 
höher als anderswo. Genau kennt das Tier die 
Lage der einzelnen Wettertüren, vor denen es 
haltzumachen hat. Diese Türen kann oft nicht 
der stärkste Mann öffnen, so gewaltig drückt der 
durch die Grube fegende Luftstrom dagegen. Erst 
mutz der Pferdejunge ein Schiebefenster öffnen, 
durch das die Luft wie ein Sturmwind pfeift. 
Solange das dem Gaul wohlbekannte Rauschen 
tönt, rührt er sich nicht vom Fleck. Hört es auf, 
dann weiß er, die Tür ist offen, die Bahn ist 
frei. 
Nicht jeder Gaul taugt zur Arbeit unter Tag. 
Das gleichmütige Tier ist für sie am geeignet¬ 
sten. Solchen Gäulen ist gutes Futter und aus¬ 
reichende Ruhe die Hauptsache. Und das haben 
die Pferde unten in den Gruben. Denn gut ge¬ 
nährt, gepflegt und kräftig verlangt sie der 
Grubenbetrieb. So verrichten sie durch viele 
Jahre ihren Dienst und kommen meistens erst 
dann wieder ans Tageslicht, wenn ihre Beine 
altersschwach geworden sind. 
Das dankbare Tier 
Es war Liefe, eine prächtige Fuchsstüte, lamm¬ 
fromm und seinem knirpsigen Pferdejungen, der 
sie gut pflegte und schonte, fast innig zugetan. An 
einem Abend, kurz vor der Zehnuhrschicht, blieb 
Liese in einem engen, eingleisigen Stollen plötz¬ 
lich stehen. Der Junge, rasch vom Wagen ab¬ 
gesprungen, sah einen durchgebrochenen Stempel 
(starkes Rundholz zum Stützen der Decke des 
Stollens) in der Fahrbahn. Er schob sich vor, 
um den Stempel wegzuräumen, als über ihn d:e 
Kappenschiene, die quer unter der Decke des Stol¬ 
lens lag, herunterkam. Er hatte gerade noch 
Zeit, unter das Pferd zu schlüpfen, da brach auch 
schon das Hangende zusammen. Gestein und 
Schienen fielen auf das brave Tier, das, der 
Gefahr bewußt, nicht einen Zentimeter wich. 
Laut stöhnend trug es seine ungeheure Last, bis 
auf den Hilfruf des Jungen Bergleute herbei¬ 
kamen, um Pferd und Jungen zu befreien. Das 
Pferd folgte mit Verständnis und Geschick den 
Rettungsarbeiten. Kein Mensch konnte ver¬ 
nünftiger den Anweisungen der Knappen folgen, 
als dieses Grubenpferd. Als der letzte Fels¬ 
brocken vom Rücken des Pferdes entfernt, die 
Bahn wieder frei war, spielte sich eine Szene ab, 
die den Bergleuten, die ihr beigewohnt hatten, 
unvergeßlich blieb. Sie versicherten, der Junge 
habe seine Dankbarkeit und Freude nicht stürmi¬ 
scher geäußert als das Pferd, das ihn gerettet 
hatte. 
Der schlaue Dieb 
Nackt bis zum Gürtel arbeiten die Männer 
oft bei 28 und mehr Grad Celsius an den Bohr¬ 
hämmern. Dicke Staubwolken und höllischer Lärm 
erfüllen den engen Arbeitsort. Manchmal sekun¬ 
denlange Stille, dann bricht wieder die Hölle 
los: ein Brüllen, ein Heulen und ein Winseln. 
Die Bohrer graben sich knirschend in den Fels. 
Die Löcher sind fertig, werden mit Dynamit ge¬ 
laden, und nun schreit dröhnend der Orts- 
ältefte: „Es bre—e—e—nnt!" Die Leute hinter 
dem Schießfchutz horchen. Plötzlich ein dumpfer 
Krach, ein Donnern, die Luft fegt voraus, ein 
Steinhagel schlägt gegen den Schießschutz, hinter 
denen die Leute nun „buttern", wie die Brotzeit 
beißt. Dabei wird „Bergamt" abgehalten, ein 
alter Brauch,' bei dem über Frauen, Vorgesetzte 
und Politik gesprochen wird. Die Kaffeepullen 
werden geöffnet und dem Brotbeutel die Butter¬ 
brote entnommen. „Verdammt noch mal," schreit 
einer, dem sein Butterbrot fehlt. Schon mehr¬ 
mals waren Butterbrote fortgekommen, dem 
Bergmann in der Grube ein empfindlicher Ver¬ 
lust. 
Um diesem Aergernis ein Ende zu bereiten, 
hängten die Knappen neben ihren Sachen im 
Querschlag eine Grubenlampe und lauerten in 
einiger Entfernung auf den Dieb, den man in 
einem jüngeren Lehrhauer vermutete, den seine 
„Kostmutter" schlecht verpflegte. Zur allgemeinen 
Ueberraschung erschien „Wilhelm", ein schwarzer 
Teufel von einem Pferd, aber klug und berech¬ 
nend. Wilhelm horchte, hielt Umschau, weitete 
seine Nüstern, ging ganz langsam zu den Klei¬ 
dern, machte sich an den daneben aufgehängten 
Brotbeuteln zu schaffen und zog aus einem ein 
Butterbrot heraus, steckte den Kops in einen 
Kohlenwagen, entledigte sich des Papiers und 
futterte. Ein unbeschreibliches Hallo entstand. 
Mit diesem Dieb hatte man nicht gerechnet. 
Wilhelm war recht betrübt, daß er erwischt 
wurde. Die Brotbeutel blieben ihm in Zukunft 
unerreichbar. 
.)Tur fürs NTilirär 
Ein sonderbares Pferd aber war Grete, eine 
Braunstute, die in ihren jungen Jahren unter 
den preußischen Fahnen gedient hatte, ehe sie als 
Reservist zur Grube einrückte. Grete zog nur 
dann, wenn sie ein bestimmter Treiber befehligte. 
Befehligte ist richtig. Denn dieser Treiber, 
ein früherer Unteroffizier der ... . Ulanen, 
brüllte den ganzen lieben Tag seine früheren 
Kommandos. Ein alter Treiber ist in der Grube 
eine Seltenheit, da meist ganz junge Burschen 
dazu verwendet werden. Grete zog nur aus 
Kommando. Sobald ein Kohlenzug zur Abfahrt 
fertig war, brüllte der Treiber: „Stillgestan¬ 
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