Full text : 64.1936 (0064)

ließ  man  ihn  wieder  laufen.  Doch  wehe,  wenn  er
sich  weigerte,  mitzutun!  In  diesem  Falle  bezog
er  eine  Tracht  Prügel  und  durfte  froh  sein,  wenn
er  nicht  halbtot  geschlagen  wurde.
Oft  entwickelten  die  Marokkaner  einen  recht
eigentümlichen  Geschmack.  Besonoers  gern  tranken
  sie  Ziegenmilch.  Wo  sie  diese  herbekamen,
das  war  ihnen  völlig  gleichgültig.  Eine  Frau
in  Lauterbach  wunderte  sich  des  öfteren,  daß  ihre
beiden  Ziegen  an  manchen  Abenden  so  wenig
Milch  gaben.  Durch  einen  Zufall  kam  sie  aus
die  Lösung  dieses  Rätsels.  Ein  findiger  Gelber
pflegte  den  Ziegenstall  aufzusuchen  und  sich  seine
Milch  mit  dem  Munde  frisch  vom  Euter  zu
zapfen!
Honig  und  Marmelade  durfte  niemand  unverschlossen
  stehen  lasien,  sonst  waren  sie  plötzlich
verschwunden.  Einen  großen  Streich  spielten  die
Marokkaner  in  ihrer  Gefräßigkeit  einer  Bäuerin
in  Lauterbach.  Sie  hatte  zwei  Mann  Einquartierung
  in  ihrer  Scheune  liegen.  Die  Leute  benahmen
  sich  nicht  besser  und  schlechter  als  sonstwo.
  Abgesehen  davon,  daß  sie  des  öfteren  das
Stroh  und  Heu,  das  zur  Streu  und  Fütterung

des  Viehes  diente,  mit  den  „Produkten  ihn:
Trunkenheit"  versauten  und  unbrauchbar  niG
ten,  benahmen  sie  sich  zeitweise  merkwürdic
ruhig.  Von  der  Scheune,  in  der  die  beider
Leute  nächtigten,  führte  eine  Leiter  zur  Körnt
kammer  unmittelbar  unter  das  Dach.  Hier  bq
wahrte  die  Bäuerin  zwei  große  Töpfe  Einlegt
eier  auf.  Wiederholt  hörten  nun  die  Bauen
leute  dort  Geräusche,  maßen  diesem  Umstand  je»
doch  keine  besondere  Bedeutung  bei;  denn  i|
einem  Bauernhaus  sind  meistens  Mäuse  ujcj
Als  aber  im  Herbst  die  Marokkaner  fortgezogr!
waren,  und  die  Bäuerin  zu  Beginn  des  Winten
die  Einlegeeier  verbrauchen  wollte,  mußte  sie?
ihrem  nicht  geringen  Schreck  feststellen,  daß  vk
den  gut  300  eingelegten  Eiern  keine  30  mef
vorhanden  waren.  So  hatten  die  nächtlich
Geräusche  aus  der  Kornkammer  eine  späte  m
wenig  erfreuliche  Aufklärung  gefunden,  und  n«
heute  wundern  sich  die  Leute  darüber,  wie  iii
Marokkaner  diese  zum  Rohtrinken  nicht  geeigM
ten  Eier  mochten.  Aber  über  Geschmack  läßt  ft
bekanntlich  nicht  streiten  —  am  allerwenigst^
mit  Vertretern  einer  solchen  Raste.

Der  Bergmannskalender  in  der  Franzosen;  eil
Bon  Dr.  H.  Baldanf,  Piittlim

Bei  der  großen  Rolle,  die  der  französischen
Grubenverwaltung  von  Anfang  an  im  Saarkampf
  zugeteilt  wurde,  war  es  selbstverständlich,
daß  sie  alle  Werbemittel  ausnutzte,  die  ihr  zur
Verfügung  standen.  Sie  übernahm  deshalb  von  der
alten  preußischen  Behörde  nicht  nur  die  gesamten
technischen  Erubeneinrichtungen,  sondern  nutzte
auch  alte  Sitten  und  Bräuche  für  ihre  Machenschaften
  aus.  Mit  Konzerten,  Grubenfeiern,  Bescherungen
  und  ähnlichen  Dingen  wollte  man
Einfluß  auf  die  Bergleute  gewinnen.  Besonders
geeignet  schien  für  diese  Werbetätigkeit  der  alte
„Saarbrücker  Vergmannskalender",  den  die  neuen
Machthaber,  ungeachtet  seiner  Aufgabe  und  Vergangenheit,
  im  Jahre  1920  in  ihren  Dienst
nahmen.
Um  irgend  eine  Aussicht  zu  erhalten,  das  gesteckte
  Ziel  zu  erreichen,  mußten  die  französischen
Herausgeber  allerdings  Wege  gehen,  die  für  den
Leser  des  neuen  Bergmannkalenders  nur  schwer
zu  erkennen  waren.  Umso  mehr  entsprach  die  gewählte
  Methode  den  Forderungen  der  „Penetration
  pacifique",  der  friedlichen  Durchdringung,
wie  die  Losung  der  französischen  Propaganda
nach  den  anfänglichen  Fehlschlägen  lautete.  Der
Kalender  warb  nicht  unmittelbar  für  Frankreich,
enthielt  keine  politische  Forderung  und  stellte  sich
auch  nicht  offen  auf  die  Seite  irgendeiner  frankophilen
  Partei  oder  Gewerkschaft,  etwa  des  Saarbundes.

  Man  stellte  Abhandlungen  über  Sf
französische  Geschichte,  Kultur,  Wirtschaft,  Tech
und  Geographie  in  den  Vordergrund  und  zvr
so  stark,  daß  der  Kalender  für  die  Zeit  mit  em
Schrift  verglichen  werden  kann,  die  irgendein
Kolonie  für  das  sie  beherrschende  Reich  giitli:
und  friedlich  begeistern  und  gewinnen  soll.  D
neuen  Herausgeber  schlugen  bewußt  zwei  M
ein:  einerseits  mieden  sie  geflissentlich  Da!
bietungen  deutschen,  nationalen  oder  patriotisch!
Inhaltes  sowie  Aufsätze  über  deutsche  Wirtschch
deutsche  Technik  und  Geschichte.  Andererseits  dvorzugten
  sie  solche  Beiträge,  die  die  franzöW
Technik,  besonders  die  Entwicklung  des  Sac
bergbaues  unter  ihrer  Verwaltung,  behände!
oder  große  Loblieder  auf  die  Geschichte  und  Kr
lur  Frankreichs  singen.  Reiseschilderungen,  8j
schreibungen  von  Land  und  Leuten  führen  (<¡1
immer  in  den  Westen,  zeigen  die  romantisch!
Schlösser,  Städte  und  Burgen  der  Normand
oder  der  Champagne  oder  behandeln  Kolonie
gebiete,  die  unter  der  Trikolore  angeblich  gn
und  reich  wurden.  v  Mit  zahlreichen  Bildern  woll!
man  dem  Leser  die  dargebotene  Speise  schm'
Hafter  und  mundgerechter  machen.  Ganz  auf  dir
ser  Linie  bewegte  sich  auch  der  sehr  beträchtlii
Anzeigenteil,  der  zu  einem  großen  Teil  vr
französischen  Firmen  bestritten  wurde.
Fragt  man  nach  der  Absicht,  die  die  HeM

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