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Heißer Kopf und kalte Füße! Dies Universal¬ 
leiden der bewegungslosen Leute sucht man immer 
nur einseitig zu vertreiben und zu verhüten durch 
Erwärmung der Füße; man gehe dem Übel doch 
mal am andern Ende zu Leibe, indem man den 
Kopf kühl hält. Hut ab! Ein erfrischendes Luftbad 
genommen, wo und wann immer die Gelegenheit 
sich bietet, auf der Schattenseite der Straße oder 
im herrlichen Baumschatten, bei trübem Wetter 
oder nach erquickendem Gewitterregen. Die viel 
verbreitete Erkältungsfurcht ist ganz töricht und nur 
künstlich anerzogen. Die Natur selbst hat schon für 
genügende Erwärmung des Kopfes durch gewaltigen 
Blutzufluß gesorgt, indem sie ihn von innen her mit 
vier Fünfteilen der ganzen Körperwärme heizt,' und 
diese Wärme wird vom Gehirn wie in einem Vlut- 
schwamm festgehalten. Außerdem ist ja der Kopf 
noch mit einer angeborenen Pelzhülle von Haaren 
versehen. 
Freilich nimmt der dichte und volle Haarwuchs, 
dieser natürliche Schuß und Schmuck des Menschen, 
bei den zivilisierten Rassen immer mehr ab und 
droht mit der Zeit ganz zu verschwinden, wenigstens 
bei den Männern. Daran ist zum großen Teil das 
fortwährende Huttragen schuld. Durch zwei ver¬ 
schiedene Einflüsse schädigt der Hut den Haarwuchs. 
Erstens schafft er um den Kopf eine stickige, feucht¬ 
heiße Atmosphäre, die das Durchdringen der bak¬ 
terientötenden Lichtstrahlen und eine reinigende 
Lüftung verhindert. Andrerseits übt der Hut, da 
er nur infolge von Reibung und Festdrücken auf 
dem Kopfe hält, einen zweiten schädlichen Einfluß 
aus, indem er die Arterien und Venen zusammen¬ 
drückt, den Kreislauf des Blutes und infolgedessen 
die Ernährung der haarerzeugenden Organe hemmt. 
Ein klassischer Ausspruch über den ursächlichen 
Zusammenhang von gewohnheitsmäßiger Kopf¬ 
bedeckung und Kahlköpfigkeit findet sich schon bei 
dem altgriechischen Geschichtsschreiber Herodot, 
welcher im zwölften Kapitel seines dritten Buches 
von einem Besuche der Umgegend von Pelusium, 
wo Jahrzehnte vorher eine Schlacht zwischen Per¬ 
sern und Ägyptern stattgefunden, ohne daß die 
Leichen der Gefallenen beerdigt wurden, folgendes 
berichtet: „Die Schädel der Perser sind mürbe, weil 
dieser Stamm bei Lebzeiten von Anfang an be¬ 
deckten Hauptes geht; die Schädel der Ägypter 
dagegen sind steinhart, weil dieses Volk von Kindes¬ 
beinen an baarhäuptig gewöhnt". Wie weit in 
Wirklichkeit der Haarwuchs mit dem knöchernen 
Unterboden und der Zustand des letzteren mit der 
Kräftigung und Abhärtung von Haut, Muskeln und 
Nerven des ganzen Kopfes zusammenhängt, sei 
dahingestellt; aber jedenfalls muß jahrhunderte¬ 
lange Gewöhnung in guter oder schlechter Hinsicht 
von Einfluß sein. 
Die Kahlköpfigkeit unter Männern nimmt heut¬ 
zutage unbestreitbar bedeutend zu. Man zähle mal 
in Versammlungen, Theatern, Konzerten, Restau¬ 
rationen die gelichteten Schädel: 60 Prozent un¬ 
gefähr beträgt fast stets deren Zahl. 
Ganz unhygienisch ist es auch, daß der Jurist im 
Gerichtszimmer, gerade, wenn er warm wird und 
sich „ins Feuer redet", offiziell bedeckt bleiben muß. 
Von den mit gelichtetem Schädel „bedachten" Per¬ 
sonen behalten viele deshalb gerne den Hut auf, 
weil dadurch ihr Mangel an Überfluß nicht sichtbar 
wird. Den gleichen Grund hat meistens das Tragen 
einer Perücke. Wußte doch selbst ein Julius Cäsar 
es durchzusetzen, daß er auf Senatsbeschluß seine 
Glatze mit einem Lorbeerkranze verbergen durfte. 
Nichts einwenden kann man, wenn bei Hantie¬ 
rungen, welche viel Schmutz und Staub erzeugen, 
das Kopfhaar vor Verschmutzung in acht genommen 
wird. Deshalb trägt der Anstreicher bei der Arbeit 
eine Papiermütze, der Bildhauer sein Barett, der 
Schornsteinfeger die Kappe oder den Zylinderhut. 
„Werdet wie die Kindlein 1" Sobald das Kindchen 
so weit gediehen ist, daß es seine Glieder frei be¬ 
wegen kann, duldet es nichts mehr auf dem Kopfe, 
sondern reißt alles herunter, was aber meistens als 
Unart bezeichnet wird, während es die berechtigte 
Äußerung gesunden Naturtriebes ist. Auch später 
machen es die Kinder beim Spielen am liebsten 
noch ebenso, bis sie sich schließlich der hergebrachten 
Unsitte der Großen fügen. 
Licht und Luft sollen recht viel und oft den Haar¬ 
boden befruchten. Licht wirkt haarwuchsfördernd. 
Es ist eine bekannte Tatsache, daß Rasieren und 
Haarschneiden im Sommer öfter notwendig ist, als 
im Winter, und daß es viel leichter ist, sich in den 
südlichen Zonen einen Vollbart zuzulegen, als in 
den nördlichen. 
Daher „Hut ab" so oft wie möglich! Wer sehr 
verweichlicht ist, oder an Kopfschweiß leidet, ge¬ 
wöhne sich allmählich daran und härte seine Kopf¬ 
haut so ab, daß sie jede Witterung unbeschadet er¬ 
trägt, wie es mit der Eesichtshaut der Fall ist. Das 
wird nicht nur seinem Haarwuchs sehr förderlich, 
sondern auch seinem ganzen Wohlbefinden höchst 
dienlich sein. 'Denn: 
Mit dem Hute in der Hand 
Kommt man ins Gesundheitsland! 
Or. mecl. T. 
Rätsel: 
Die Jugend osl „Emszweidrei" führt, 
Daß ihr zu „zwei" die Arbeit sei, 
Im Alker man „Einszweidrei" spürt, 
Auch wenn die Arbeit nicht mehr „zwei".
	        
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