Full text: 60.1932 (0060)

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hatte nach ihrem Untergange am Himmel rote 
Dünste hinterlassen, deren Widerschein dem 
Wasser eine rosige Farbe gab; die Bäume der 
Terrassen saßen voll Nachtigallen, die einander 
antworteten. Ich wandelte in einer Art Ver¬ 
zückung dahin, indem ich mein Herz und meine 
Sinne dem Genusse dieser Dinge hingab. In 
meiner süßen Träumerei versunken, dehnte ich 
meinen Spaziergang bis tief in die Nacht aus, 
ohne zu merken, daß ich müde war; endlich 
merkte ich es. Wollüstig streckte ich mich in 
einer. Art Nische oder Arkade nieder, die sich 
in der Mauer einer Gartenterrasse fand; der 
Himmel meines Bettes wurde von den Kronen 
der Bäume gebildet; eine Nachtigall saß gerade 
über mir; bei ihrem Gesänge schlief ich ein. 
Mein Schlaf war süß, mein Erwachen noch 
süßer. Es war heller Tag; als meine Augen 
sich öffneten, sahen sie die Sonne, das Wasser, 
das Grün, eine wunderbare Landschaft. Ich 
erhob mich von meinem Lager und schüttelte 
mich; ein kräftiger Hunger regte sich, und ich 
schritt wohlgemut der Stadt zu. 
(Bekenntnisse) 
* 
Das Ziel der Erziehung. 
Das Ziel, das man sich in der Erziehung 
eines angehenden Menschen setzen muß, besteht 
darin, sein Herz, sein Urteil.und seinen Geist 
zu bilden, und zwar in der Reihe, wie ich sie 
nenne. Die meisten Pädagogen, zumal die 
Pedanten, betrachten die Erwerbung und Häu¬ 
fung von Wissen als die einzige Aufgabe einer 
guten Erziehung, ohne zu bedenken, was 
Moliöre sagt: 
„Ein schlimm'rer Narr ist, wer gelehrt, als 
wer nichts weiß". 
Freilich darf das Wissen nicht vernachlässigt 
werden. Aber es darf nicht der Erziehung 
voraufgehen, zumal bei einem lebhaften und 
feurigen Jünglinge, der bis zu einem gewissen 
Alter der Aufmerksamkeit wenig fähig ist und 
dessen Charakter sich schon früh entschieden hat. 
Wozu dient einem Menschen das Wissen eines 
Varro *), wenn er im übrigen nicht richtig zu 
denken versteht! Wenn er nun das Unglück 
hat, sein Herz verführen zu lassen, so ist das 
Wissen in seinem Kopfe, je größer es ist, eine 
sozusagen um so schlimmere Waffe in den 
Händen eines Rasenden. 
Die Gradheit eines Herzens ist, wenn sie 
durch die Überlegung gefestigt wird, die Quelle 
des richtigen Urteils für den Geist. Ein ehren¬ 
hafter Mensch denkt fast immer richtig; und 
wenn man von Kind an gewohnt ist, nicht das 
*) Römischer Gelehrter. 
Nachdenken in den Wind zu schlagen und sich 
dem Vergnügen der Gegenwart erst hinzugeben, 
nachdem man seine Folgen bedacht und seine 
Vorteile und Nachteile abgewogen hat, so be¬ 
sitzt man bei einiger Erfahrung alles, was 
nötig ist, um das Urteil zu entwickeln. Es 
scheint in der Tat, daß der gesunde Verstand 
noch mehr von den Gefühlen des Herzens ab¬ 
hängt, als von der Erleuchtung des Geistes, 
und man macht die Erfahrung, daß die ge¬ 
lehrtesten und klügsten Leute nicht immer die¬ 
jenigen sind, die im praktischen Leben am besten 
handeln. 
(Plan zur Erziehung des jungen 
Herrn de Sainte-Marie.) 
* 
Das Zeichnen beim Kinde. 
Die Kinder sind große Nachahmer und ver¬ 
suchen sich alle im Zeichnen. Ich möchte, daß 
auch mein Kind diese Kunst pflegt, nicht so sehr 
wegen der Kunst selber, sondern um einen rich¬ 
tigen Blick und eine biegsame Hand zu bekom¬ 
men. Ich würde mich daher hüten, ihm einen 
Lehrer zu geben, der es nur nach Zeichnungen 
zeichnen ließe: ich wünsche, daß es keinen an¬ 
dern Lehrer hat als die Natur und kein anderes 
Muster als die Gegenstände. Ich will. daß es 
das Original selber vor Augen hat und nicht 
das Papier, welches jenes vorstellt, daß es ein 
Haus nach einem Hause zeichnet, einen Baum 
nach einem Baume, einen Menschen nach einem 
Menschen, damit es sich gewöhnt, die Körper 
und deren Aussehen richtig zu beobachten. Ich 
weiß wohl, daß es auf solche Art lange Zeit 
pfuschen wird, ohne etwas Vernünftiges zu 
leisten, und daß es erst später die Zierlichkeit 
der Umrisse und den leichten Strich der Zeichner 
erreichen wird. Dafür wird es sich ganz gewiß 
einen richtigen Blick aneignen *) 
(„Emil oder über die Erziehung".) 
Gedanken. 
Es gibt ein köstliches Buch, das vor 
aller Kugen offen liegt: es ist das Buch 
der Natur. 
* 
Ein Haus, worin die Frau fehlt, ist 
wie ein Körper ohne Seele. 
*) Rousseau fordert hier dasselbe wie der moderne Zeichen¬ 
unterricht.
	        
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