Full text: 58.1930 (0058)

„Ich wüßte 
nicht, warum ich 
dir das abschla¬ 
gen sollte, lieber 
Martin; setze dich, 
wir wollen zu¬ 
sammen nach¬ 
sehen." 
Und der heilige 
Petrus nahm sein 
dickes Buch, 
schlug es auf und 
brachte seine 
Brille in Ord¬ 
nung: 
„Nun laß uns 
einmal sehen. Cu- 
cugnan, sagst du. 
Cu... Cu... 
Cucugnan. Da 
haben wir's. Cu¬ 
cugnan ... Mein 
lieber Martin, 
die Seite ist ganz 
leer. Nicht eine 
Seele... Nicht 
mehr Cucugna- 
ner, als Gräten in einer Truthenne." 
„Wie? Niemand wäre hier von Cucugnan? 
Niemand? Das ist nicht möglich! Sieh noch ein¬ 
mal zu, heiliger Petrus." 
„Niemand, Verehrtester. Sieh doch selbst nach, 
wenn du denkst, daß ich scherze." 
Außer mir, flehte ich mit gefalteten Händen 
den Himmel um Erbarmen an. Drauf Sankt 
Peter: 
„Aber, lieber Martin, das mußt du dir nicht so 
zu Herzen nehmen, es könnte dich ja darüber der 
Schlag rührent Du bist ja nicht daran schuld, 
das ist die Hauptsache. Sieh mal: deine Cu- 
cugnaner werden höchstwahrscheinlich eine kleine 
Quarantäne im Fegefeuer halten müssen." 
„Ach um Gottes willen, großer heiliger Pe¬ 
trus! Hilf mir doch, daß ich sie wenigstens sehen 
und trösten kann." 
„Gern, mein Freund ... Da, zieh schnell diese 
Sandalen an, denn die Wege sind nicht beson¬ 
ders gut... So, das ist gut... Nun gehe ganz 
gerade aus. Siehst du, da unten, im Grunde, 
an der Ecke? Da wirst du eine silberne-Türe fin¬ 
den, mit schwarzen Kreuzen bedeckt... da, rechter 
Hand ... Dort klopfe an, man wird dir öffnen ... 
So, nun halte dich brav und sei guten Mutes!" 
* 
* 
Und ich wanderte und wanderte! Was war das 
für eine Treibjagd! Mich überläuft eine Gänse¬ 
haut, wenn ich nur daran denke. Ein schmaler 
Fußpfad, voller Brombeerfträuche, leuchtender 
Karfunkelsteine und zischender Schlangen führte 
mich bis an die silberne Tür. 
„Poch, poch!" 
„Wer klopft!" fragt eine rauhe Stimme. 
„Der Pfarrer von Cucugnan." 
„Woher?" 
„Von Cucugnan." 
„Ah so!... Tritt ein." 
Ich trat ein. Ein großer, schöner Engel, mit 
Flügeln so düster wie die Nacht, mit einem Kleide 
glänzend wie der Tag, mit einem diamantenen 
Schlüssel am Gürtel, schrieb eifrig in ein großes 
Buch, noch dicker, als das des heiligen Petrus .. - 
„Nun, was hast du? Was willst du denn 
eigentlich?" fragte der Engel. 
„Schöner Engel Gottes, ich möchte wissen, wenn 
ich nicht etwa zu neugierig bin, ob hier die Cu- 
cugnaner sind?" 
„Wer?" 
„Die Cucugnaner, die Leute von Cucugnan.. _ 
ich bin nämlich ihr Pfarrer." 
„Ah, der Abbü Martin, nicht wahr?" 
„Zu dienen, Herr Engel." 
„Du sagst also Cucugnan ..." 
Und der Engel öffnet sein Buch und blättert 
darin herum, indem er den Finger mit Speichel 
netzt, damit die Blätter sich schneller umwenden 
lassen...
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.