Full text: 57.1929 (0057)

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Eine bekömmliche Prise. 
Herr Pastor und der gestrenge Herr Bürgermeister, 
kurzum, jeder Bürger von Reputation besaß bald 
seine schön ausgestattete Dose, aus der er mit spitzen 
Fingern gar zierlich seine Prise nahm. Wir wissen, 
daß Friedrich der Große ein so leidenschaftlicher 
Schnupfer war, daß er keine Dose brauchte, sondern 
den Tabak lose in einer ledergefüllten Westentasche 
trug, und von Napoleon I. ist uns das gleiche über¬ 
liefert. Die Herstellung von Schnupftabaksdosen 
wurde zu einer besonderen Industrie*); man hatte 
*) Damals entstand auch die Dosenfabrikation in Ensheim, 
erst aus Holz geschnitzt, dann in Lackpappe angefertigt. Sie purde 
durch Matthias Adt zu einer überaus lohnenden Hausindustrie, der 
fich nach und nach fast die ganze Bevölkerung von Ensheim und 
auch eines Teils der Umgegend widmete. Besondere Beliebtheit er¬ 
langen namentlich in den Zeiten-der Revolutionskriege und des Empire 
die Dosen mit aufgedruckten oder in Gold- und Silbergrund radierten 
kriegerischen Darstellungen, die sogenannten «Troph6s> (Haßlacher, 
„Das Industriegebiet an der Saar"). 
Ein verbotener Genuß: Die Zigarre aus offener Straße. 
Tabatiären in Gold und Silber, mit edlen 
Steinen besetzt oder mit kunstvoller Emaille¬ 
malerei versehen, aus Horn, Schildpatt, Elfen¬ 
bein und Hölzern aller Art. Tabatiören waren 
beliebte Geschenke; noch 1822 wurde im 
englischen Staatshaushalt ein Betrag von 
22 500 £ für solche zu Geschenkzwecken ausge¬ 
worfen. 
Als der beste Schnupftabak galt der Spa¬ 
niol aus den Königl. Spanischen Manufak¬ 
turen. — Zuerst hatte nämlich noch jeder 
Schnupfer seine Prise selbst herstellen müssen, 
wozu er eine kleine Raspel aus Holz oder 
Elfenbein besaß. Später erfolgte die Herstel¬ 
lung im großen: Die Blätter wurden mög¬ 
lichst gedörrt, bis sie ganz spröde waren, und 
dann in einer Mühle mit Holzwalzen in einem 
oder mehreren Mahlgängen gemahlen. Da der Tabak¬ 
staub in vollkommen trockenem Zustande die Nasen¬ 
schleimhäute zu heftig reizte, so wurde er vor Gebrauch 
angefeuchtet, zunächst mit Wasser, später mit besonde¬ 
ren Saucen, die allerlei Stoffe wie Mochus, Muskatöl, 
Zitronerv-, Rosen-, Nelkenöl, Thymian, Zimt, Lavendel, 
Majoran, Veilchenwurzel, Tamarindenabkochung oder 
Perubalsam enthielten. Dieses auch heute noch übliche 
„Saucieren", wie der fachmännische Ausdruck lautet, 
erfolgte nachher in der Form der „K a r o t t e". Da¬ 
zu wurden die Blätter mehrere Wochen lang mit 
einer Sauce gebeizt und dann in nassem aufgeweich¬ 
tem Zustand auf Tücher geschichtet, die eng um die 
Masse gewunden und gepreßt wurden, um die über¬ 
schüssige Feuchtigkeit zu entfernen. So entstanden 
zusammengebackene Klumpen, die „Karotten", die 
man dann Monate trocknen ließ, wodurch sich in 
ihnen ein besonderer Gärungsprozeß vollzog. Die 
ausgereiften Karotten wurden dann schließlich 
teils sofort fertig gemahlen, teils an fremde 
Schnupftabakshersteller verkauft. Die Spanier 
und Portugiesen hatten durch die Qualität 
ihrer Karotten und das sorgfältig gehütete 
Fabrikationsgeheimnis darin lange Zeit eine 
Monopolstellung. Auch heute ist, wie gesagt, 
das Fabrikationsverfahren nicht viel anders. 
Den Spaniol gibt's noch immer. Der manchem 
unserer Leser bekannte bayrische Schmalz¬ 
ler wird aus Brasiltabak unter Zusatz von 
Rindsschmalz, ein wenig Kalk und Glasstaub 
hergestellt. 
Ähnlich wie der Schnupftabak wird auch der 
unseren bergmännischen Lesern so wohl be¬ 
kannte „Kautabak" sauciert unter Zusatz 
von Gewürzen und wohlriechenden Harzen. 
Die weichgewordenen, durch die Sauce chemisch 
stark veränderten Blätter werden dann zu seil¬ 
artigen Strängen zusammengedreht, „gespon¬ 
nen", und meistens dann noch durch Lagern, 
wobei eine Gärung auftritt, im Geschmack ver¬ 
bessert. 
Aber wir sind ganz von unserer kurzweiligen 
Historie über die früheren Raucher abgekom-
	        

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