Full text: 56.1928 (0056)

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Und beide schwuren sich 
heimlich, dies versteckte Pa¬ 
radies so oft wie möglich zu 
besuchen. 
Da stieß Karlchen Schmie¬ 
deboom einen leisen Nuf des 
Entzückens aus. Er hielt eine 
kleine, grünbauchige Flasche 
in der Hand, darauf stand in 
großen Rundbuchstaben Aqua 
odorata — Kölnisch Wasser. 
Karlchen Schmiedeboom 
meinte, das könne man bis 
in die Zehspitzen hinunter 
merken, so fein sei der Dust. 
Und nach einer kleinen 
Pause, und beide rochen im¬ 
mer wieder tief und abwech¬ 
selnd an der lieblichen, grü¬ 
nen Flasche: „Du, Hans — 
ich glaub, ich glaub —, das 
muß fein schmecken." 
Hans Peter bekam weite, 
runde Augen: „Ja?!" 
„Sicher — aber erst mußt 
du trinken. Uttd wenn es gut 
schmeckt, dann komme ich 
dran." 
Dem kleinen Hans zitter¬ 
ten Hand und Herz vor 
Wonne. Er zog noch einmal 
kräftig allen Duft ein, ein 
letztes leises Zögern und er trank mutig und mit ge¬ 
schlossenen Augen einen tiefen Schluck Kölnisch Wasser 
... Dann folgte alles blitzschnell und in einer grä߬ 
lichen Aufregung. Die Flasche mit dem köstlichen 
Wasser fiel klirrend auf die Steinsließen in tausend 
Scherben auseinander. Hans Peter schrie wie blödsinnig 
und wand sich zuckend auf dem Boden herum. Und 
Karlchen stürzte totenblaß in 
die Apotheke hinein: „Gift! — 
Gift!!" Und zerrte den er- . 1 
rockenen Vater, die bebende i , 
utter und die kreischende 
Marie mit in den Keller 
hinein. 
Da wand sich Hans Peter 
immer noch wie ein Regen¬ 
wurm. Apotheker Schmiede¬ 
boom aber, ein Blick auf die 
fehlende Flasche im Gestell 
und die Nase voll von dem 
vergossenen Eau-de-Cologne, 
biß sich auf die Lippen. Dann 
schrie er plötzlich wild auf wie 
ein Feldwebel, wie ein rich¬ 
tiger Feldwebel: „Schafskopf 
— Schafsköpfe ihr!" 
Und alles ging wieder 
durcheinander: Prügel, Lachen, 
Weinen, Gift. Es roch doch so 
süß, Schafsköpfe — bis end¬ 
lich die Marie mit einem 
dicken Eßlöffel angerannt kam, 
und Frau Schmiedeboom dem 
„vergüteten" Hans eine tüch- 
tige Portion von dem verab¬ 
reichte, was die Soldaten 
mit „Soldatenhonig" be¬ 
zeichnen und dabei erinne¬ 
rungsselig die Augen ver¬ 
drehen. 
Als dann Karlchen unter 
Bächen von Tränen hoch und 
heilig versprochen, nie wie¬ 
der den Arzneikeller zu be¬ 
treten (o, es hätte dessen ja 
gar nicht mehr bedurft!) ging 
Apotheker Schmiedeboom hin¬ 
aus, um seine „letzten Mit¬ 
tel" an dem armen Hans zu 
versuchen. Der mußte für 
heute zwar aus die Butter¬ 
klöße mit Rahmtunke ver¬ 
zichten und ertrug auch sonst 
noch allerhand bitterböse Un¬ 
annehmlichkeiten standhaft 
und wie ein Mann. Wenn 
er nur am Leben bleiben 
durfte dafür! 
* 
* * 
Seit dem Tag betete Hans 
Peter jeden Abend vor den: 
Schlafengehen mit seiner 
Mutter noch extra ein Vater¬ 
unser für den Onkel Apo¬ 
theker, seinen Lebensretter. 
Um die Zeit kam Nachtwächter Möller mehr denn 
je zu Schuster Peter in die qualmige Arbeitsstubc. 
Denn Kaspar Peter rauchte, wie die meisten besinn¬ 
lichen Männer, gerne und viel. Und daran änderte 
selbst Frau Lene nichts. 
An grauen Regentagen war Nachtwächter Möller 
überhaupt nicht fortzuschlagen. Dann brachte er nach- 
Kopf des Christus von Michelangelo 
in der Kirche 81a. Maria sopra Miuerva. 
Roin: Die Engels bürg.
	        

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