Full text: 56.1928 (0056)

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Vatikanische Gärten: Die Leonina. 
Hans Peters Heimatstadt war ein Nest von ganzen 
tausend Einwohnern. Auf einem kleinen Hügel stan¬ 
den die Häuser mit den schwarzen Querbalken dicht 
zusammengedrängt. Grüne Gärten und Heckenwege 
liefen zwischen ihnen durch, als wären sie von einem 
besonders gut aufgelegten Engel an einem freien 
Sonntagnachmittag grad so hineingestickt worden. Von 
der ehemaligen Stadtherrlichkeit der alten Feste aber 
war nicht mehr viel übrig als der schöngesiegelte Frei¬ 
brief im Rathaus. Das lag mit seiner hohen Frei¬ 
treppe vorne am Marktplatz, schräg gegenüber von 
Kaspar Peters Schuhwarenhandlung. Und dicht da- 
Vattkanische Gärten: Das Kasino Pius IV. 
neben die Einhorn-Apotheke 
des Apothekers Schmiedeboom. 
Den hat noch niemals einer 
ohne Zigarre im Mund ge¬ 
sehen, und von dem hat noch 
niemand etwas anderes ge¬ 
hört, als dauernde Klagen 
über schlechten Geschäftsgang. 
Im übrigen war er voller 
Schrullen, wie alle Apotheker, 
und galt allgemein für stein¬ 
hagelreich. 
Ihn lernte Hans Peter im 
dritten Jahr seines Lebens 
auf eine höchst seltsame Art 
näher kennen. 
Apotheker Schmiedebooms 
Karlchen war zwei Jahre äl¬ 
ter als Hans^ Und vor dem 
hatte Hans Peter eine gren¬ 
zenlose Hochachtung. Denn er 
konnte Radschlagen, lebende 
Hummeln verschlucken und ba¬ 
dete stets auf dem Birnbaum 
hinter der Apotheke. Dazu 
holte er sich bei der Marie 
aus der Küche einen Kohlen¬ 
eimer, brachte chn voll Wasser mit Stricken und un¬ 
säglichen Mühen bis hoch in den Baum hinein, ließ 
ihn an einem starken Ast herunter, setzte sich darüber, 
zog Strümpfe und Schuhe aus und badete sich quitsch- 
vergnügt. 
Das hätte Hans Peter nie fertiggebracht. Er war 
still und versonnen geworden, etwas altklug vom 
Vater her und gänzlich unpraktisch. Er hörte für sein 
Leben gern ernste und frohe Geschichten, wie sie die 
Frau Schmiedeboom so schön spannend erzählen 
konnte. Aber um den Apotheker und ähnliche Leute 
machte er bisher stets einen weiten Bogen. 
An jenem Tag nun war 
Karlchen hinter einer Maus 
her, Türen schlugen zu, Rufen 
und Gejohle. Dann alles 
mäuschenstill. Hans Peter 
duselte eine Weile so mählich 
vor sich hin, dann ging er 
Karlchen suchen. Immer brav 
ein Bein nach dem andern, 
den Schürzenzipfel eifrig kau¬ 
end im Mund, balanzierte er 
die knarrende Holzstiege hin¬ 
unter. Es dauerte endlos 
lange, bis er Karlchen tief im 
Arzneikeller fand. 
Der war für beide streng¬ 
stens verboten, sonst auch im¬ 
mer abgeschlossen, und Hans 
schlich langsam und zaghaft 
und auf den Zehenspitzen hin¬ 
zu. Die Maus war vergessen, 
denn Karlchen roch an jeder 
Flasche, die er nur erreichen 
konnte. Es war ein hin¬ 
gebendes Genießen. Und Hans 
roch mit. Der war gar nicht 
so schlimm, der Arzneikeller.
	        
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