Full text: 56.1928 (0056)

fet korsischen Hirten und 
! aller jener, bie stch mtt der 
Justiz überwarfen huben. 
Wan muß nämlich wissen, 
haft der korsische Bauer, 
sich die Mühe des 
Düngens seines Feldes zu 
ersparen, in einer gewissen 
Ausdehnung Feuer an den 
Wald legt; und wenn dann 
auch die Flamme einmal 
weiter um sich greift, als 
es nötig wäre — nun, mag 
kommen, was will, jeden¬ 
falls: eine gute Ernte ist 
in dieser mit der Asche der 
hier gewachsenen Bäume 
gedüngten Erde sicher. 
Nachdem die Ähren einge¬ 
bracht sind, läßt man das 
Stroh liegen, das zu sam¬ 
meln nicht der Mühe wert 
ist, und nun treiben im 
Frühling die Wurzeln, die 
nicht verbrannt wurden, oft 
sehr dicht nach, und die 
jungenSchößlinge erreichen 
in wenig Jahren eine 
Höhe von sieben oder acht 
Fuß. Diese Art von dich¬ 
tem Niederholz nennt man 
„M a q u i s". Es besteht 
aus allerlei Bäumen und 
baumartigen Sträuchern, 
die vermischt und zusam¬ 
mengewachsen sind, wie es 
Gott gefällt. Nur mit der Axt in der Hand bricht sich 
der Mensch hier Bahn, und man sieht so dichtes und 
buschiges Maquis, daß selbst die Mufflons*) nicht 
eindringen können. 
Wer einen Menschen erschlagen, flüchtet in das 
Maquis von Porto Vecchio, und er kann dort mit 
einem guten Gewehr, mit Pulver und Blei in Sicher¬ 
heit leben; nur vergesse er nicht den braunen, mit 
einer Kapuze versehenen Mantel, der gleichzeitig als 
Decke und als Matratze dient. Die Hirten liefern 
Milch, Käse und Kastanien, und von der Justiz und 
den Verwandten des Getöteten hat er nichts zu be¬ 
fürchten, solange er nicht in das Dorf hinunter muß, 
um dort die Munition zu erneuern. 
Als ich 18.. in Korsika war, wohnte dort in einem 
Hause, eine halbe Meile von diesem Maquis entfernt, 
Mateo Falcone. Er war ein für seine Heimat ziem¬ 
lich reicher Mann, der vornehm, das heißt, ohne etwas 
zu arbeiten, von dem Ertrage seiner Herden lebte, 
welche die Hirten, eine Art von Nomaden, da und 
dort aus den Bergen zur Weide führten. Als ich 
ihn zwei Jahre nach dem Ereignis, das ich hier 
erzählen will, sah, schien er mir höchstens fünfzig 
Jahre alt. Es war ein kleiner, aber kräftiger Mann, 
mit krausem und pechschwarzem Haar, mit einer 
Adlernase und dünnen Lippen, mit großen lebhaften 
Augen und einer Hautfarbe gleich der inneren Seite 
*) Schafart. 
Prosper Mérimée nach einer Lithographie 
von Devèrta. 
des Schuhleders. Seine 
Geschicklichkeit im Gebrauch 
des Gewehrs galt für außer¬ 
ordentlich, selbst in seiner 
Heimat, wo es so viele 
vorzügliche Schützen gibt. 
So hätte Mateo zum Bei¬ 
spiel niemals mit Rehposten 
nach einem Mufflon ge¬ 
schossen, sondern er brachte 
es auf hundertundzwanzig 
Schritt mit einer Kugel 
im Kopf oder auf dem 
Blatt zur Strecke. Er 
handhabte seine Waffe des 
Nachts ebensogut wie am 
Tage, und man hat mir 
von ihm die folgende 
Probe seines Könnens er¬ 
zählt, die jedem, der Kor¬ 
sika nicht bereist hat, un¬ 
glaublich erscheinen muß. 
Auf achtzig Schritt stellte 
man eine angezündete 
Kerze hinter eine durch¬ 
scheinende Papierscheibe, so 
breit wie ein Teller. Er 
legte an, dann löschte man 
die Kerze aus, und nach 
einer Minute schoß und 
durchbohrte er in völliger 
Dunkelheit die Scheibe 
-drei, auch viermal. 
Dank dieser Kunst hatte 
sich Mateo einen großen 
Ruf erworben. Man hielt 
ihn für einen ebenso treuen Freund wie gefährlichen 
Feind; im übrigen lebte er, willfährig und Almo¬ 
sen spendend, mit jedermann im Bezirk von Porto 
Vecchio im Frieden. Aber man erzählte von ihm, daß 
er sich zu Corta, wo er seine Frau genommen, 
sehr nachdrücklich eines Nebenbuhlers entledigt hätte, 
der ebenso gefürchtet im Streit wie in der Liebe war; 
wenigstens schrieb man Mateo einen gewissen Flinten¬ 
schuß zu, der diesen Nebenbuhler überraschte, wie er 
sich eben vor einem kleinen, an seinem Fenster aufge¬ 
hängten Spiegel rasierte. Nachdem diese Geschichte 
eingeschlafen war, verheiratete sich Mateo. Seine 
Frau Giuseppa' hatte ihm zunächst drei Töchter ge¬ 
schenkt (worüber er rasend war), und endlich einen 
Sohn, den er Fortunato nannte: er war die Hoffnung 
der Familie, der Erbe des Namens. Die Töchter 
waren inzwischen gut verheiratet: ihr Vater konnte 
im Notfall auf die Dolche und die Stutzbüchsen seiner 
Schwiegersöhne rechnen. Der Sohn zählte zwar erst 
zehn Jahre, aber er kündigte schon glückliche Anlagen 
an. — 
An einem gewissen Herbsttage ging Mateo mit 
seiner Frau frühzeitig aus, um eine seiner Herden 
in einer Lichtung des Maquis zu -besichtigen. Der 
kleine Fortunato wollte ihn begleiten, aber die Lich¬ 
tung war zu weit entfernt; übrigens war es wohl 
auch nötig, daß jemand daheim blieb, um das Haus 
zu hüten; kurzum: der Vater wies ihn ab: man wird 
sehen, ob er das nicht zu bereuen hatte.
	        

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