Full text: 53.1925 (0053)

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— O weh! arme Renaude!... Aber es tut nichts, 
Herr Seguin, lassen Sie mich in die Berge gehen. 
— Gütiger Himmel!... sagte Herr Seguin, schon 
wieder eine, die der Wolf mir fressen wird... Aber 
nein, ich werde dich gegen deinen Willen retten, 
du Spitzbübin, und damit du deinen Strick nicht 
zerreißest, will ich dich in den Stall sperren und 
da wirst du immer verbleiben. 
Danach sperrte Herr Seguin seine Ziege in 
einen ganz dunklen Stall, dessen Türe er doppelt 
verschloß. Unglücklicherweise hatte er aber ver¬ 
gessen, das Fenster zuzumachen. Kaum hatte er 
daher den Rücken gewendet, als die Kleine durch¬ 
brannte. 
Du lachst, Gringoire? Meiner Treu, ich glaube 
gar, Du nimmst für die Ziegen Partei gegen den 
guten Herrn Seguin... Wir wollen doch abwarten, 
ob Du nachher auch noch lachst. 
Als die weiße Ziege in den Bergen ankam, 
herrschte allgemeines Entzücken. Niemals noch 
hatten die alten Tannen etwas so hübsches ge¬ 
schaut. Man nahm sie auf, wie eine kleine 
Königin. Die Kastanien bogen sich bis zur Erde, 
um sie mit den Spitzen ihrer Zweige zu liebkosen. 
Die goldenen Gin¬ 
stersträucher wichen 
auf ihrem Wege zu¬ 
rück und umgaben 
sie mit all ihrem 
Wohlgeruch. Das 
ganze Gebirge 
feierte sie. 
Du kannst Dir 
denken, Gringoire, 
wie glücklich unsere 
Ziege war! Kein 
Strick mehr, kein 
Pfahl mehr... nichts, 
was sie hinderte, 
umherzuhüpfen und 
nach Belieben zu 
weiden. Hier gab's 
wahrhaftig richtiges 
Kraut! bis über die 
Hörner, mein Lie¬ 
ber!... Und dabei 
was für ein 
Kraut! Schmack¬ 
haft, würzig und alles m mannigfachster Ab¬ 
wechslung... Das war doch etwas anderes als der 
Rasen im Gehege. Und dann die Blumen!... 
Große blaue Glockenblumen, purpurroter Finger¬ 
hut mit langen Kelchen; ein ganzer Wald von 
wilden Blumen, die von berauschendem Safte 
überflössen!... Halbtrunken wälzt sich die weiße 
Ziege darin umher, streckt die Beine in die Luft 
und rollt inmitten der abgefallenen Blätter und 
Kastanien die Abhänge hinab. Plötzlich steht sie 
mit einem Sprung wieder auf den Füßen und 
heisah! fort geht's mit vorgestrecktem Kopfe durch 
Busch und Strauch, bald auf eine Felsspitze hin¬ 
aus, bald tief in eine Schlucht hinein, bald oben, 
bald unten, überall hin... Man konnte meinen, 
daß zehn Ziegen des Herrn Seguin im Gebirge 
wären. 
Denn sie hatte vor nichts Angst, unsere Blan¬ 
quette. Mit einem Sprunge setzte sie über reißende 
Gießbäche, von denen sie mit staubfeinen Tropfen 
und mit Schaum bespritzt wurde. Dann streckte 
sie sich triefend vor Nässe auf einen flachen Fels 
und ließ sich von der warmen Sonne trocknen... 
Einmal, als sie mit einer Blüte zwischen den 
Zähnen bis an den 
Rand einer Fels¬ 
platte vorrückte, be¬ 
merkte sie unten, 
ganz unten in der 
Ebene, das Haus 
des Herrn Seguin 
mit dem Gehege da¬ 
hinter. Da mußte sie 
Tränen lachen. 
— Wie winzig 
das alles ist! sagte 
sie; wie konnte ich 
es da nur aus¬ 
halten! 
Armes Ding! 
Von ihrer Höhe 
heruntersehend hielt 
sie sich wenigstens 
für ebenso groß wie 
die Welt... 
Kurz und gut, es 
war ein schöner 
Tag für die Ziege
	        
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