Full text: 53.1925 (0053)

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Herr Seguin hatte mit seinen Ziegen immer 
Unglück gehabt. 
Er verlor sie alle auf gleiche Weise: eines 
schönen Tages rissen sie ihren Strick entzwei, 
gingen in die Berge und dort oben fraß sie der 
Wolf. Weder die Liebkosungen ihres Herrn, noch 
die Furcht vor dem Wolfe, nichts hielt sie zurück. 
Vermutlich waren das selbständige Ziegen, die 
um jeden Preis frische Luft und Freiheit genießen 
wollten. Der gute Herr Seguin, der die besondere 
Art seiner Tiere nicht begriff, war außer sich und 
sagte: — es ist aus, die Ziegen langweilen sich 
bei mir, keine einzige wird mehr bei mir bleiben. 
Trotzdem faßte er wieder Mut und kaufte, nach¬ 
dem er sechs Ziegen auf dieselbe Art verloren 
hatte, eine siebente; doch war er diesmal darauf 
bedacht, eine ganz junge zu nehmen, die sich 
leichter daran gewöhnen würde, bei ihm zu 
bleiben. 
* 
* * 
Ach, Gringoire! wie niedlich war diese kleine 
Ziege des Herrn Seguin! Wie hübsch war sie mit 
ihren sanften Augen, ihrem Unterofsiziersbärtchen, 
ihren schwarzen, glänzenden Hufen, ihren ge¬ 
streiften Hörnern und ihren langen weißen 
Haaren, die sie wie ein Pelzmantel umhüllten! Sie 
war fast so reizend wie das Zicklein der Esme- 
ralda; Du erinnerst Dich doch, Gringoire? — und 
dann gelehrig und so zutraulich! Sie ließ sich 
melken ohne widerspenstig zu sein und ohne daß 
sie mit dem Fuß in den Milchnapf trat. Wirk¬ 
lich! eine allerliebste kleine Ziege... 
Hinter seinem Hause hatte Herr Seguin eine 
von Hecken umgebene Einfriedigung. Hierhin 
brachte er feine neue Kostgängerin. Er band sie 
an einen Pfahl, gerade an der schönsten Stelle der 
Wiese, wobei er den Strick recht lang ließ. Und 
von Zeit zu Zeit sah er nach, ob sie sich recht wohl 
befand. Die Ziege fühlte sich überaus glücklich und 
graste so fröhlich, daß Herr Seguin entzückt war. 
— Endlich mal eine, dachte der arme Mann, 
die sich nicht bei mir langweilt! 
Aber Herr Seguin täuschte sich; die Ziege lang¬ 
weilte sich doch. 
Eines Tages sah sie zum Gebirge auf und 
dachte: — Wie wohl muß einem da oben sein. 
Welches Vergnügen muß es machen, frei umher¬ 
zuhüpfen ohne diesen verdammten Strick, der 
einem den Hals zuschnürt!... Für den Esel oder 
einen Ochsen paßt es besser, in einem Gehege zu 
weiden!... Ziegen aber müssen freien Auslaus 
haben. 
Von da an schmeckten ihr die Kräuter in der 
Einfriedigung schal und bitter; es wurde ihr lang¬ 
weilig. Sie magerte zusehends ab und ihre Milch 
verringerte sich. Es war ein Jammer anzusehen, 
wie sie den ganzen Tag an ihrem Stricke zog, den 
Kopf dem Gebirge zuwandte und mit weit aufge¬ 
sperrten Nasenlöchern ganz traurig ihr Mäh 
blöckte. 
Herr Seguin merkte wohl, daß seiner Ziege 
etwas fehlte, aber er kam nicht dahinter, was es 
war... Als er sie eines Morgens eben gemolken 
hatte, drehte sich die Ziege um und sagte in ihrem 
Dialekt: 
— Hören Sie mal, Herr Seguin, ich langweile 
mich bei Ihnen, lassen Sie mich doch auf den Berg 
gehen. 
— Ach, mein Gott!... sie also auch, schrie Herr 
Seguin in Bestürzung, und vor Schreck ließ er 
seinen Napf fallen; dann setzte er sich neben seine 
Ziege ins Gras und fragte: 
— Was, Blanquette, du willst mich verlaßen? 
Und Blanquette antwortete: 
— Ja, Herr Seguin. 
— Fehlt es dir hier an Gras? 
— Oh nein, Herr Seguin. 
— Bist du vielleicht zu kurz angebunden; soll 
ich den Strick vielleicht länger machen? 
— Das ist nicht notwendig, Herr Seguin. 
— Ei, was fehlt dir denn sonst? Was willst du 
eigentlich? 
— Ich will auf den Berg gehen, Herr Seguin. 
— Aber, du unglückliches Tier, du weißt ja 
nicht, daß der Wolf in den Bergen haust... Wie 
willst du dich wehren, wenn er kommt? 
— Ich werde ihn mit den Hörnern stoßen, Herr 
Seguin. 
— Der Wolf macht sich auch viel aus deinen 
Hörnern. Er hat mir Ziegen gefressen, die ganz 
andere Hörner hatten, wie du... Du weißt doch: 
die alte Renaude, die voriges Jahr hier war! 
Eine Staatsziege, stark und böse wie ein Bock. Sie 
kämpfte die ganze Nacht mit dem Wolfe... am 
Morgen hat sie der Wolf dann gefressen.
	        
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