Full text: 50.1922 (0050)

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Tiefe sausen lassen, ohne daß Mitfahrende 
nur dm geringsten Schaden davontrugen. 
Das Anhalten des abgestürzten Fahrstuhls ging 
so sanft von statten, daß aus einem bis Zum 
Rande gefüllten Wasserglas kein Tropfen ver¬ 
spritzt wurde. Das ist um so erstaunlicher, als 
der unheimliche Fall des Fahrstuhles aus 200 
Meter Höhe bis zum Auffangeschacht nur 
6 Sekunden gedauert hatte. Man darf sich wohl 
der Hoffnung hingeben, daß diese genial er¬ 
sonnene Auffangevorrichtung auch im Ernst¬ 
fälle nicht versagen wird. Einer Statistik 
zufolge werden in den Nenyorker Wolken¬ 
kratzern täglich mehr als eine Million Menschen 
von Auszügen befördert, und der Weg, den 
diese Fahrstühle, die eine Höhe von zum Teil 
mehr als 200 Meter zu bewältigen haben, 
zurücklegen, würde, aneinandergereiht, eine 
Strecke von mehr als 2000 Kilometer ergeben. 
So ein moderner Wolkenkratzer mit seinen 
Mietern und Besuchern ist eine Stadt für sich. 
Mit eigener Wasser-, Licht- und Kraftanlage, 
ohne daß man es nötig hat, das Haus zu 
verlassen, kann man alles, was man zum täg¬ 
lichen Leben gebraucht, dort haben. In jedem 
Wolkenkratzer befindet sich eine Telefonzentrale, 
eine Telegrafenstation und ein kleines Postamt. 
Ein durch das ganze Gebäude gehender Brief¬ 
kasten ermöglicht es. auf jedem Stockwerk die 
Briefe in den Kasten zu werfen. Sie fallen 
durch einen Kanal in den Sammelbriefkasten, 
der sich im Erdgeschoß befindet und von wo 
aus sie zur Post abgeholt werden. Restaurants, 
Barbiere, Zigarrenhändler, Cafös, die ver- 
Eine gefährliche Ecke. Das Nieten einer Eisenschiene. 
beim Bruch eines der stählernen Aufhänge- _ 
taue zu begegnen sucht. Außer den bisher 
üblichen Bremsvorrichtungen hat man noch 
eine ganz neuartige Sicherheitseinrichtung 
eingebaut. In dem Woolworthhaus geht es 
beim Absturz eines Fahrstuhles ganz ge¬ 
fahrlos zu. Man läßt den Fahrstuhl, der 
fahren will, einfach in die grausige Tiefe hin¬ 
unterfallen und fängt ihn unten behutsam 
auf, und zwar auf einem Luftkissen. Vor¬ 
bedingung hierfür ist, daß alle in den Auf¬ 
zugsschacht mündenden Türen unterhalb eines 
m Fahrt befindlichen Fahrstuhles durch auto¬ 
matisch wirkende Vorrichtungen luftdicht ge¬ 
schloffen gehalten werden. In seinem untersten 
Teil verengt sich der Aufzugsschacht allmählich, 
so daß schließlich die unterste, noch 40 Meter 
tiefe Strecke einen nach unten und nach den 
Seiten luftdicht abgeschlossenen Schacht dar¬ 
stellt, in den der Fahrstuhl ganz geitctu wie 
ein Kolben in einen Zylinder hineinpaßt. 
Stürzt also ein Fahrstuhl aus noch so großer 
Höhe ab, so kann er nur bis zu etwa 40 Meter 
über dem Boden mit unvermindeter Ge¬ 
schwindigkeit heruntersausen. Von 40 Meter 
Höhe an preßt er aber als Kolben die Luft 
unter sich zusammen, da sie ja nirgends ent¬ 
weichen kann, und ist so vor einem Aufprall 
sicher bewahrt. Die zusammengepreßte Luft 
wirkt somit als elastisches Aufsangekissen. Um 
den gefahrlosen Betrieb dieser genialen Ein¬ 
richtung praktisch vorzuführen, hat man Fahr¬ 
stühle freiwillig aus großen Höhen in die 
Frühstückspause über dem Häusermeer.
	        
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