Full text: 49.1921 (0049)

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Wie ist es nur möglich, daß ich noch lebe 
— ohne Luft zum Atmen, bei einer Temperatur 
von 270 Grad Kälte! Es ist eine Wandlung mit 
mir vorgegangen: während ich furchtbare Qualen 
litt, als ich durch die höchsten Luftschichten der 
Erde flog, ist mir nun mit einemmal unsagbar 
leicht und wohl zumute. Ich fühle keine mensch¬ 
lichen Bedürfnisse mehr, ich atme nimmer, mein 
Puls steht still. Wie ein leuchtender Gott komme 
ich mir vor. Einen Iubelruf stütze ich aus. 
Aber kein Laut dringt über meine Lippen. Es 
ist ja keine Luft da, freilich, und ohne Luft kann 
auch kein Schall sein. Ewige Totenstille lastet 
unheimlich über dem unendlichen Raum. 
Mein Flug beschleunigt sich immer mehr. Wo¬ 
her das kommen mag? Plötzlich durchzuckt mich 
ein heftiger Schreck. Die furchtbare Erkenntnis 
dämmert in mir auf: Ich bin ja verloren! Ich 
stürze in den Mond! 
Eine ebenso einfache wie entsetzliche Berech¬ 
nung ist das: Wie die Erde, so besitzt auch der 
Mond Anziehungskraft, nur in viel geringerem 
Matze. Stelle dir die Entfernung von der Erde 
zum Mond — es sind 364 000 Kilometer — 
in zehn Teile geteilt vor, so erstreckt sich die An¬ 
ziehungskraft der Erde auf Vio, die des Mondes 
auf Vio der Strecke. Ich mutz jetzt nahezu 345 600 
Kilometer weit geflogen sein und stehe — wie 
mir die ständig wachsende Geschwindigkeit meines 
Fluges anzeigt — im Begriff, aus 36 400 Kilo¬ 
meter Höhe — dem letzten Zehntel der Ent¬ 
fernung zwischen Mond und Erde — in den Mond 
abzustürzen. Es ist mir jetzt klar, daß der Aus¬ 
gangspunkt des Gummiseils nirgends anders als 
im Mond zu suchen sein kann. Durch seine 
Schnellkraft hat mich dieses Gummiseil aus dem 
345 600 Kilometer weiten Bereich der Erdan¬ 
ziehungskraft gerissen, jetzt bin ich am Ende des 
Bereichs der Erde angelangt: die Widerstands¬ 
kraft der Erdanziehung hört auf, es gibt keine 
Bremse mehr für die Schnellkraft des Gummi¬ 
seils: im Gegenteil, die Anziehungskraft des Mon¬ 
des unterstützt sie noch. In der nächsten Sekunde 
mutz ich mit der Schnelligkeit einer Granate dahin¬ 
sausen und beim Aufschlag auf dem Mond zu 
Atomen zerschellen. 
Seht, da habt ihr's schon! Ich überschlage 
mich ein paarmal, das bisher straffe Gummi¬ 
seil knickt ein, ich stürze, sause dahin mit rasender 
Schnelligkeit, die immer wächst und wächst: ich 
schiehe dahin wie ein Pfeil, wie eine Pistolenkugel, 
eine Büchsenkugel, eine Granate! Ich fühle mich, 
als hätte ich den Kopf zwischen zwei Mühlsteine 
gebracht, Und dann habe ich keinen Gedanken 
mehr. Tiefe Ohnmacht hat sich meiner endlich ' 
erbarmt. 
Ich schlage die Augen auf und sehe mir! 
gegenüber ein seltsames menschliches Wesen sitzen,^ 
das mich sogleich an eines jener grellen weitz-I 
schwarzen Reklamebilder erinnert, wie man sie' 
drunten auf der Erde auf Anschlagsäulen oft sieht.! 
Stellt euch vor, ihr erwacht vom Schlafe undl 
seht einen Mann vor euch, an dem alles nur! 
grelles Licht oder pechschwarzer Schatten ist, kein 
weicher Halbschatten, kerne versöhnende Farben¬ 
tönung — eine lebendige Karikatur aus Kremser- 
weitz und Chinesischer Tusche! . . Entsetzt fahre 
ich vom Boden auf und wie» einen Schritt zurück¬ 
treten. Aber mir wird ganz sonderbar zumute. Der 
Schritt verfehlt sein Ziel, ich glaube zu fliegen, 
ich schwanke hin und her wie ein Betrunkener und 
kann kaum Stand gewinnen, so leicht ist mein 
Körper geworden. Ich fühle auch nicht, dah ich 
stehe, denn es kostet meinen Muskeln offen¬ 
bar nicht die leiseste Anstrengung, den feder¬ 
leichten Körper zu tragen. Endlich umklammere| 
ich einen zentnerschweren Felsblock, um Stand zu 
gewinnen, aber was ist denn das?! Der Stein 
gibt nach unter meiner Hand als wäre er ein 
Stück Kork. Halb erstaunt, halb geärgert ver¬ 
setze ich dem mächtigen Block einen Stotz mit 
dem Futz, da fliegt er wie ein Futzball hoch in 
die Luft. Ich selber verliere das Gleichgewicht 
und werde gut zwanzig Meter weit fortgeweht. 
Gerade neben den unheimlichen Mann in Schwarz i 
und Wejtz falle ich sanft zu Boden, ohne etwas zu 
fühlen. 
„Sie sind wohl zum erstenmal auf dem 
Monde?" sagt eine tiefe krächzende Stimme 
neben mir. 
Ich nicke und sehe den Mann an. Das ge¬ 
spenstische Weitzschwarz fällt mir nun nicht mehr 
so sehr an ihm auf, denn, wie ich sehe, sind alle 
Dinge auf dem Mond so: die dem Licht zuge¬ 
kehrten Teile in greller Beleuchtung, die im Schat¬ 
ten liegenden schwarz wie Tinte. Ich selber sehe 
jetzt so aus, wie ich an meinen Händen und Klei¬ 
dern bemerke. 
„Können Sie mir erklären, wie ich hierherge¬ 
kommen bin, ohne zerschmettert zu werden?" 
frage ich. 
„Sie sind auf meine Lunge gefallen" sagt der 
Mann und streicht seinen langen Silberbart. 
Dann nimmt er ein dünnes Schlauchende vom 
Boden auf, das oben ein Mundstück hat, ähnlich 
wie eine Tabakspfeife, steckt es in den Mund und 
beginnt mit voller Brust zu atmen. 
„Auf Ihre Lunge gefallen?"
	        
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