Full text: 49.1921 (0049)

47 
durch sie ganz genau, wie Sie aussehen, Herr 
Erd mann." 
„So? Bitte, photographieren Sie mich freund¬ 
lichst in Worten." 
„Zuerst: Sie sind groß und schlank, baben 
eine geschmeidige Gestalt, die nach Jlse's Ansicht 
besser in eine schmucke Uniform hineinpaßte, als 
in den schlichten Contor-Rock des Kaufmannes. 
Femer haben Sie lockiges, braunes Haar, ein kühn 
geschnittenes, männliches Gesicht, dunkeln Bart. 
Der Mund sieht energisch aus: wenn er lächelt, 
hat er die Fröhlichkeit eines Kindes, und herrliche 
Zähne blitzen schneeweiß dazu." 
„Aber Ihre Freundin idealisiert ja. Hat sie den 
armen Commis ihres Vaters wirklich so hübsch ge¬ 
funden?" 
„Ja. Und dann, sagte sie noch etwas von 
seinen Augen, aber das behalte ich lieber für mich, 
das wäre vielleicht ein Vertrauensbruch . . ." 
„Um alles in der Welt, sagen Sie es mir! 
Die Augen, das ist die Hauptsache! Hat sie darin 
das Geheimnis meiner Liebe erraten?" 
„Sie sagte. Sie hätten blaue Augen, die offen 
und treuherzig blicken, in denen die Seele eines 
guten und edlen Menschen sich spiegele." 
„Mir schwinden die Sinne! Das klingt ja fast, 
als ob . . 
„Als ob . . . sie Cie liebte? Soll ich sie 
darnach fragen?" 
„Ach ja, mein Fräulein, helfen Sie mir. Lassen 
Eie nichts unversucht. Es gilt mein Lebensglück." 
„Morgen ist Sonntag, da habe ich Zeit, mit 
Ilse zu reden. Montag werde ich Ihnen die Ant¬ 
wort sagen." 
„Und ist es eine günstige, so ivarf ich zu ihr 
eilen und endlich auch Sie selbst kennen lernen, nicht 
wahr? Sie kommen mir wie mein guter Engel 
vor!" 
Ueber das Antlitz der jungen Dame hatte sich 
allmählich eme heiße Glut gebreitet. Sie faltete 
stumm die Hände, als danke sie Gott für ein gro¬ 
ßes, unerwartetes Glück. 
„Ia, wenn ich das Jawort für Sie habe, so 
dürfen Sie getrost kommen. Wir erwarten Sie 
dann Beide zusammen." 
„Ihr Jawort! Oh, glauben Sie wirklich daß 
sie meiner Werbung geneigt sein dürfte?" 
hoffen Sie," kam es leise, sehr leise in das 
Eontor von I. P. Bornstätt u. Sohn. 
Arthur Erdmann tat einen Luftsprung vor 
Freude und wollte noch etwas sagen, als das un¬ 
barmherzige: „Schluß!" ihn wie mit einer eisigen 
Douche berührte. 
Alles weitere Anfragen blieb vergeblich. Auf¬ 
geregt ging er nach Hause. 
„Wenn es doch Montag-Abend wäre!" mur¬ 
melte er. „Wie werde ich den Sonntag totschlagen! 
Volle achtundvierzig Stunden muß ich warten, 
bis mein Schicksal sich entscheidet." 
Montag. 17. August 199a 
„Endlich sind wir ungestört." tönte es aus °>em 
Contor in das Amt hinüber. „Ich habe die Zeit 
seit Samstag wie im Fieber verbracht? Wissen 
Sie, wen ich wiedergesehen habe? Ilse Sellhof 
selbst!" 
„So?" klang es verwundert hinüber. „Davon 
weiß meine Freundin aber gar nichts." 
„Das glaube ich, denn ich saß in einem Cafe, 
da ging sie vorüber und blieb an einem Schau¬ 
fenster stehen. O. sie ist noch eben so schön, 
eben so lieblich wie vor drei Iahren, nur sieht 
sie viel ernster aus. Warum haben Sie sie mir 
so häßlich geschildert?" 
„Weil sie Ihre Liebe zuerst prüfen wollte, weil 
sie um ihres Herzens willen geliebt sein möchte," 
erwiderte die Stimme Anna Werdau's warm. 
„Und nun soll ich nach ihrer Antwort fragen 
und kann es doch nicht! Nun soll ich aus Ihrem 
Munde, mein Fräulein, mein Leid oder Glück 
erfahren und bebe scheu vor der Entscheidung 
zurück- Nein, sprechen Sie noch nicht! . . - Erst 
muß ich mich sammeln, um männlich das höchste 
Erdenglück . . . oder den Todesstreich meiner 
Hoffnungen entgegenzunehmen." 
Erdmann verließ in höchster Erregung den 
Apparat und durchmaß einige Mal das Contor. 
Auch auf dem Fernsprech-Amt war ein junges 
Menschenherz in gleicher Stimmung. Der schöne 
dunkle Kopf Anna Werdau's war in die Hände 
gesunken, große Thränen perlten zwischen den 
rosigen Fingern hindurch. 
„Wie seltsam solche Tränen sind!" sprach die 
weiche Frauenstimme vor sich hin. „Tränen des 
Glückes nach dem Leide, sie fallen warm und er¬ 
lösend auf das Herz." 
Eine Weile später begann Erdmann das er¬ 
sehnte und gefürchtete Gespräch. 
„Jetzt kann ich die Antwort hören, mein 
Fräulein. Sie sagten Samstag: Hoffen Sie! 
Dieses Wort gab mir Mut in den enolssen 
Stunden. Hat Fräulein Sellhof etwas Freund¬ 
schaft für mich?" 
„Nein." 
„Nein?" kam es verzweifelt zurück. „O, dann 
war alles nur ein schöner Traum?"
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.