Full text: 44.1916 (0044)

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bezeichnet wuroe, bezifferte die Siegesbeute bereits 
auf 100000 Gefangene, 150 Geschütze imb unüber¬ 
sehbare Kriegsbeute, die erst nach utib nach bei der 
Säuberung der Wälder nordöstlich Grodno zum Bor¬ 
schein kam. Ein kommandierender General, zwei 
Divisionskommandeure, vier Generale gehörten mit 
zur Beute, schwere Geschütze und Munition hatte 
der Feind mehrfach vergraben oder in die Seen ver¬ 
senkt; bei Lotzen allein wurden 8 Geschütze von uns 
ausgegraben oder aus dem Wasser geholt. Wie ge¬ 
waltig der Schrecken unter die russischen Horden ge¬ 
fahren, die sich in unserm schönen Ostpreußen wieder 
behaglich einrichten wollten, beweist der Umstand, daß 
die 10. russische Armee des Generals Baron Sievers 
fast restlos vernichtet worden war. 
Der große deutsche Sieg der Winterschlacht 
in Masuren würde auch von den neutralen 
Blättern, ja von einem Teil der feindlichen Presse 
als das „wichtigste militärische Ereignis seit langer 
Zeit" hingestellt'. Für Deutschland, insbesondere für 
Ostpreußen, bedeutete es die Befreiung von der Ge¬ 
fahr eines russischen Einfalls. Nicht mehr ein einziger 
Soldat stand auf deutschem Bodem Die russischen 
Armeen mußten, um nicht abgeschnitten zu werden, 
Hals über Kopf den Rückzug antreten. Diese Tat¬ 
sache machte in Petersburg eineil solchen Eindruck, 
daß Ulan schon danials davon sprach, die Weichsel¬ 
stellung aufzugeben und sich gegen Brest-Litowsk, 
also auf die Bug-Linie, zurückzuziehen. Ende Februar 
ivar auch die Festung Prasznisz inr Sturm genommen, 
wobei 15 000 Gefangene und 20 Geschütze in die 
Hände der Sieger fielen. 
Nur in dem südlichen Teile des russi¬ 
schen Kriegsschauplatzes, in der Kar¬ 
pathenfront, gab es noch viel, unendlich viel zu 
tun. Schwere Kämpfe sollten hier noch bevorsteheil. 
Bietet jeder Gebirgskrieg schon an und für sich einer 
gegen befestigte Hoyenzüge vorrückenden Heerestruppe 
große Schwierigkeiten, so war dies bei der eigentüm¬ 
lichen Formation der Karpathen garlz besonders der 
Fall. Nur eüle beschränkte Anzahl guter, gangbarer 
Straßen führt voin Norden nach Süden her über 
die Paßhöhen. Große, sich zum Vormarsch eignende 
Längsstraßen sind aber zwischen den hintereinander 
gelagerten Hauptrücken so gut rvie gar nicht vorhan¬ 
den. Die großen und hohen Kämme siild vielmehr 
durch eine Unzahl mittlerer und höherer Berge imb 
Hügel getrennt, die sich kulissenartig ineinander¬ 
schieben. Tie wenigen, quer durch die Karpathen 
führenden Straßen können deshalb voll zahlreichen 
Plmkteil aus beherrscht werden, und and) ein zurück¬ 
weichender Gegner findet auf Schritt unb Tritt 
immer wieder neue Stellungen, die er leicht befesti¬ 
gen, und in denen er sich mit verhältnismäßig ge¬ 
ringen Kräfteil behauptell kann. Die Sicherung uild 
Aufrechterhaltung riickwärtiger Verbindungen, vor 
allent auch die Beförderung schwerer Lasteil waren 
unendlich schwierig, umsomehr, da — bei einer wech- 
selnden Höhe von 1000—2000 m — Steigungen, die die 
Fahrstraße in langen Windungen oder Serpentinen 
allmählich erreicht, abseits der Straßen durch steilen 
Anstieg errungen werden müssen. Da rollendes Fuhr¬ 
werk gänzlich versagt, mußten Tragtiere den klettern¬ 
den Menschen dorthin folgen. Die Unmenge von 
Munition und Lebensmitteln mußte auf diese un¬ 
endlich schwierige Weise emporgeschafft werden. 
Und dabei die Witterung! Wir hatten — so 
schreibt ein Kriegsberichterstatter — voll Anfang an 
mit einem strengen Winter gerechnet, zumal uns be- 
kallnt war, daß in ben Karpathen die Külte int 
Februar mit 25 bis 80 Grad unter Null ihren Höhe¬ 
punkt zìi erreichen pflegt. Kleidung und Ausrüstung 
der Truppe silld danach eingerichtet. 
Das waren mir einige der großen Schwierig¬ 
keiteil, die es erklärerl, warum die deutschen Truppen, 
obcndreiil gegen den Widerstaild der überall sehr 
geschickt und zäh operierenden Russell, die Karpathen 
nicht im Sturm dlirchschrelteil kollnteil. Es kam 
hinzu, daß die unerwartet schwallkeilde Witterung in 
demselbeil Maße, wie sie unsern Vormarsch ver¬ 
zögerte, deut Gegner Zeit ließ, immer lllehr Ver¬ 
stärkungen heranzuziehen. 
So steigerten sich die Anforderungen an die Aus¬ 
dauer und Leistungsfähigkeit uilserer Truppen oft iils 
Ungeheure. Tagelang herrschte eine bis 25 Grad her¬ 
untergehende Kalte. Dazu ließ ihnen die zähe Angriffs¬ 
tätigkeit der Russen niemals Ruhe. Die Russen vertei¬ 
digten verzweifelt jeden Schritt; sie versaheil ihre 
Schützengraben mit imnler neuen Kräfteil lind unter¬ 
nahmen wochenlang Tag und Nacht immer neue An¬ 
griffe gegen die feindlichen Stellungen. Jede verlorene 
Position trachteten sie mit großen Blutverlusteil zu- 
rückzuerobern, was ihnen aber nie gelang, so sehr 
allch oft das Schneegestöber die artilleristische Tätig¬ 
keit der Verbündeteil beeinflußte. 
Die einzelnen örtlichen Gefechte entwickelteil sich 
bann im Laufe der Zeit, in dell Karpathen sowohl 
wie in G a l i z i e n, zu einer großen z u s a m m e n- 
hängenden Schlacht, die in der furchtbaren 
Länge voil über 400 km längs der ganzeil Karpathen- 
front, voil G orli e e im Westen bis Czernowitz im 
Osteil, reichte, Mitte März etwa wareil die Ver¬ 
bündeten soweit, daß die in Ungarn gelegenen Ein¬ 
gangstore zli den Karpathenübergängen, die schon 
von' den Russen besetzt waren, durchweg ivieder in 
unseren Händen waren, Alle Paßhöhen in diesem 
Gebirgslande waren in unserem festem Besitz. 
Namentlich auf unserem rechten Flügel waren die 
verbündeten Österreicher lind Deutschen bis über die 
Ausgangstore der Karpatheil auf galizischem Boden 
vorgedrungen. 
Freilich, so oft auch in diesen Teilkümpfen der 
Feind geschlagell war, vernichtet war er noch lange 
ilicht. Immer wieder machte er verzweifelte An- 
strengungen, unsere sich langsam aber eisern vor¬ 
schiebenden Fronten doch noch' zurückzudrängen. Noch 
immer verfügte er über riesige Truppenkörper, die 
er in dichteil Massen, ohne irgend welche Ökonomie 
einsetzte. Dieselbe Taktik zeigte er all der ganzen 
Karpathenfroilt. Menschenmassen gelten der rlissischen 
Heeresleitung nichts; sie ist stets gewohnt, sie ohile 
Rücksicht unb Schonung gegen den Feind zu werfen. 
Diese Herdentaktik mag bin unb wieder einen verein¬ 
zelten Erfolg gehabt haben, in der Folge führte sie 
bisher immer nur zum völligen Zusanlulenbrilch 
gegenüber der Standhaftigkeit unb geistigen Über¬ 
legenheit eines intelligenten Heeres. 
Auch vorübergehende Mißerfolge der Derbünde- 
ten Heere, das tragische Schicksal der Festung 
P r z e m y s l, die nach langer, heldenmütiger Verteidi¬ 
gung — nur durch Hunger, Waffen- und Munitions- 
mangel gezwmigen — sich am 22. März bem Feilide 
ergeben mußte, 'vermochteil an der günstigen Kriegs¬ 
lage nichts zu ändern, so sehr and) die feindlichen. 
Bundesgenossen darüber jubeiten. Ihre Hoffnung, 
daß nunmehr, nachdem die russische Belägernngs-
	        

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