Full text: 44.1916 (0044)

griffen im Argonnenwalde (>u berichten, und die 9!ach 
richten von dem deutschen Fliegerangriff auf Dün¬ 
kirchen, der einen Teil der Festungswerke und den 
Bahnhof zerstört hatte, war der erste Neujahrsgruß 
für unsere Gegner, der wie eine Bombe selber noch 
auf die Reste ihrer Silvesterbowle fiel. Als eine 
neue, recht unangenehme Ueberraschung für die „Herren 
des Meeres" brachte bereits der folgende Tag die 
Kunde von dem Untergang des englischen Linien¬ 
schiffes „Formidable", den ein deutsches Unterseeboot 
torpediert hatte, wobei es sich, wie schon der Name 
sagte, um ein Schlachtschiff erster Größe handelte. 
Aber nicht nur vom Lande und vom Wasser her, 
auch aus der Luft inachte sich der furchtbare Angriffs¬ 
geist der „deutschen Barbaren" in unangenehmer 
Weise bemerkbar. Gerade in den ersten Tagen des 
Jahres waren Lyon und Paris, Nancy und Calais 
täglich, stündlich in banger Erwartung eines Zeppelin¬ 
angriffs. Die anfänglich so geringschätzig verlachte 
deutsche Luftschiff- 
gefahr führte zeit¬ 
weise zu vollstän¬ 
diger Panik in 
den genannten 
Großstädten, 
deren sonst so 
glanzvolle Be¬ 
leuchtung voll be¬ 
stimmten dlbend- 
ftunben ab einer 
ägyptischen Fin¬ 
sternis weichen 
mußte. 
Zu ganz beson¬ 
derer Heftigkeit 
steigerte sich in 
den ersten Wochen 
des neuen Jahres 
der Kampf im 
Oberelsaß bei 
Sennheim und 
Steinbach, sowie 
an der flandrischen 
Küste zwischen 
Vpern und Nieu- 
port. Mit großer 
Zähigkeit und 
unter' schweren 
Verlusten versuchten die Feinde immer und inaner 
wieder, die 5)fcrltme zu durchbrechen. Stets aber 
holten sie sich hier immer von neuem blutige Köpfe. 
Der Kampf nahm hier auf beiden Seiten oft furcht¬ 
bare Formen an. An der ganzen Länge der Front 
dauerte der Artilleriekampf oft tage- und wochen¬ 
lang, fast ohne Unterbrechung. Die französischen und 
englischen Bundesgenossen samt ihren vielfarbigen 
Anhängern, die mit ihrem exotischen Gepräge einem 
Zirkus oder einer Menagerie Ehre gemacht hätten, 
mußten stets von neuem in ihrer ganzen Furchtbar¬ 
keit die planmäßige und gewaltige Kraft deutscher 
Angriffe über sich ergehen lassen. 
Die völlige Ergebnislosigkeit der englischen und 
französischen Angriffe auf die festgefügten deutschen 
Linien ließ die feindliche Heeresleitung — um daheim 
in ihren Ländern dem immer mehr um sich greifenden 
Gefühl der Enttäuschung und Entmutigung entgegen¬ 
zuarbeiten — wieder zu allerlei Beschwichtigungs¬ 
versuchen ihre Zuflucht nehmen, unter denen Zukunfts¬ 
pläne von gewaltigem Umfange eine Hauptrolle 
spielten. Man sprach tu Frankreich und England 
mit bedeutendem Augenzwinkern nun schon wochen¬ 
lang von der „großen Offensive", die der Generalissimus 
Joffre plane. Diese Offensive war das Morgen- und 
Abendgespräch auf den Boulevards von Paris wie 
in der City voit London. Man erwartete von ihr 
eine völlige Wendung des Krieges. 
Was war's mit dieser neuen Offensive? 
Schon ani 20. Dezember 191-4 hatten die Deutschen 
bei einem gefallenen französischen Offizier einen vont 
17. Dezember datierten Heeresbefehl Joffres gefunden; 
in ihm hieß es nach den üblichen Verkleìnerungs- 
versuchen unserer bisherigen Erfolge: „Die Stunde 
des Angriffs hat geschlagen. Nachdem wir die 
deutschen Kräfte in Schach gehalten haben, handelt 
es sich darum, sie zu besiegen und unser Land end¬ 
gültig von den Eindringlingen zu befreien. Soldaten! 
Mehr als jemals rechnet Frankreich auf euren Mut, 
eure Energie und euren Willen, um jeden Preis zu 
siegen. Ihr habt schon gesiegt an der Marne, an 
der 2)fer, in Lothringen und in den Vogesen. Ihr 
werdet zu siegen verstehen bis zum schließlichen 
Triumph!" 
Lange Zeit wartete man vergebens auf die 
Wirkung dieses mit echt französischen Phrasen ge¬ 
schmückten Manifestes. Aber am 14. Januar 1915 
gab der Generalstabsbericht des deutschen Haupt¬ 
quartiers in seiner monumentalen Kürze eine würdige 
Antwort darauf. Er meldete den völligen Zusammen- 
bruch der mit so vielem Geschrei in die Welt hinaus¬ 
posaunten Offensive des französischen Oberfeldherrn. 
Unter den Augen des deutschen Kaisers war eine der 
glänzendsten Waffentaten des ganzen Krieges ver¬ 
richtet worden. Nordöstlich Soissons hatten deutsche 
Truppen die Höhen von Vreqny erstürmt und sie 
völlig vorn Feinde gesäubert. Fm strömenden Regen 
und tief ausgeweichten Lehmboden wurde bis in die 
Dunkelheit Graben auf Graben im Sturm genomnten 
Der Kronprinz mit seinem Stab. Sofphotograph T. Zacobi, Metz.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.