Full text: 44.1916 (0044)

Das Kriegsjabr 1915. 
Von Her m a n n M üller - B o h n. 
Als das ewig denkwürdige Kriegsjahr 1914 zur 
Rüste gegangen war und die Silvesterglocken das 
neue Jahr mit ehernem, Klange einläuteten, da durfte 
unser Kaiser in seinem Neujahrserlaß mit stolzer Ge¬ 
nugtuung von den glänzenden Siegen sprechen, die er¬ 
fochten, von den großen Erfolgen, die errungen waren. 
Aber auch das deutsche Volk, in beispielloser Eintracht 
bereit, sein Bestes herzugeben für den heiligen heimi¬ 
schen Herd, durfte, soweit es die schwere wirtschaft¬ 
liche Gefahr betraf, die uns drohte, mit ebenso stolzer 
Freude sich rühmen: „Wir traben nach fünf schweren 
Kriegsmonaten die Kraftprobe bestanden!" Hatte 
sich doch in unserer gesamten Volkswirtschaft, in 
Handel 
und Indu¬ 
strie, im 
Bank- und 
Finanzwe- 
sen der 
Segen des 
alten preu¬ 
ßischen 
Grund¬ 
satzes, der 
‘ alle 
Lebens¬ 
äußerung 
des deut¬ 
schen Vol¬ 
kes durch¬ 
dringt: 
das Priit- 
zip plan¬ 
mäßiger 
Ordnung 
und stren¬ 
ger Or¬ 
ganisation, 
von neuem 
aufs glän¬ 
zendste be¬ 
währt. 
Als dann 2lus großer Zeit, 
aber unsere 
Feinde, vor allem aber die geschäftstüchtigen Eng¬ 
länder, gewohnheitsgemäß ihre Jahresbilanz zogen, 
da dämmerte ihnen, wohl stärker als jemals, eine 
Wahrheit auf, die ihre Stirn in düstere Falten legte, 
die Wahrheit, die unser Reichskanzler in seiner be- 
rühniten Rede bei Ausbruch des Krieges in die stolzen 
Worte gekleidet hatte: „Das deutsche Volk läßt 
sich nicht vernichten!" 
Aber freilich, das verhehlte sich das deutsche Volk 
nicht, es gab noch unendlich viel zu tun. Noch war 
der Feind nicht niedergerungen: noch ivälzten sich 
innner neue Scharen gegen Detitschland unb seine 
treuen Verbündeten heran. Die russischen Heere 
schiencit unerschöpflich. Der russische Koloß ivankte 
zwar, aber gestürzt war er noch nicht Wir hatten 
zum Schluß' unseres vorjährigen Kriegsberichts die 
Meinung ausgesprochen, daß unser Hindenburg dem 
russischen Bären noch einmal derb das Fell zausen 
müsse, daniit ihm ein für allemal der Appetit nach 
dem deutschen Honig vergehe. Er hat dies nicht nur 
einntal, sondern mehrere Male in gründlicher Weise 
getan, nüe wir weiter unten des Näheren ausführen 
werden. 
Doch bevor wir uns den gewaltigen Operationen 
auf dem östlichen Kriegsschauplätze zuwenden, wo 
die Kämpfe eiri ungleich bewegteres Bild darboten 
als auf dem westlichen, «vollen mir sehen, wie sich 
in Fra n kr e i ch, in Belgien «md an der flan¬ 
drische«« Küste im Laufe des vergangenen Jahres 
die Kriegslage gestaltet hatte. Als das Jahr 
1915 anbrach, hatte sich das Bild der äußeren K riegs- 
l a g e i m W e st e n seit dem Herbst verhältnismäßig 
«venig ge¬ 
ändert. 
Die deut¬ 
schen 
Heere be-. 
haupteten 
sich dort 
««ach «nie 
vor im Be¬ 
sitz vor« 
Belgien 
>nid 'eines 
beträcht¬ 
lichen und 
«vertvollen 
Gebietes 
des nörd- 
lichen 
Frankreich. 
Sie hatten 
sich in einer 
inehr als 
300 km 
langen 
Verteidi¬ 
gungslinie 
stark be¬ 
festigt, Ultd 
Frankreich 
und Eng¬ 
land be- 
»lühten sich unter Anspannung aller nationalen Kräfte 
unb unter Einsetzung auch der Reste des belgischen 
Heeres vergeblich, uns aus diesen Stellungen zu ver¬ 
drängen. Aus allen Enden und Ecken der Welt hatten 
sie ihre milben und halbwilden Völker zusammenge- 
tromnrelt, schrvarze, braune, gelbe, um gegen den „bar¬ 
barischen deutschen Militarismus" Stürm zu laufen. 
Aber alle diese Versuche, wenn sie auch noch so oft 
als „Offenfioc großen Stils" mit pontphaftetl Worten 
angepriesen «norden «varcn, hatten sich bisher als 
vergeblich erwiesen. Auch die Hoffnung auf die 
„russische Dampfwalze", die uns zermalmen und da- 
d««rch den bedrängten Verbündeten im Westen Be¬ 
freiung bringen sollte, «var bis zum Beginn des 
neuen Jahres noch unerfüllt geblieben: düs Unge¬ 
tüm hatte sich zwar in Bewegung gesetzt, aber diese 
Bewegung war eine rückwärtige geivesen. 
Schon die erste Neujahrsnachricht aus den« großen 
Hauptquartier wußte von den fortschreitenden An- 
Orrlaa sin Haiftl Photographischkn 
iSrstUsdjaft 2t.-®. Bcrlin-Strglitz,
	        
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