Full text: 43.1915 (0043)

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H)ie hat er schon früh — als Bundestags- 
Gesandter in Frankfurt a. M. — die ganze 
Jämmerlichkeit und Unhaltbarkeit des Deutschen 
Bundes erkannt, der damals die Geschicke 
Preußens und Deutschlands so unheilvoll be¬ 
einflußte! Er durchschaute schon damals, daß 
die Politik Österreichs, mit der steten Eifersucht 
auf die Macht Preußens, weder diesem Staate 
noch Deutschland förderlich sein konnte. „Nach 
der Wiener Politik", schrieb er in einem Bericht, 
„ist einmal Deutschland zu eng für uns beide. 
Es ist meine Überzeugung, daß wir in „nicht 
zu langer Zeit für unsere Existenz gegen Öster¬ 
reich werden fechten müssen, und daß es nicht 
in unserer Macht liegt, dem vorzubeugen, weil 
der Gang der Dinge in Deutschland keinen 
anderen Ausweg hat." Und über den Bund 
selbst hat er in jenem berühmten Briefe an 
feine Schwester folgendes ergötzliche Urteil ge¬ 
fällt: „Ich gewöhne mich daran, im Gefühle 
gähnender Unschuld, die Stimmungen gänzlicher 
Wurschtigkeit in mir vorherrschend werden zu 
lassen, nachdem ich den Bund allmählich mit 
Erfolg zum Bewußtsein des durchbohrenden 
Gefühls seines Nichts zu bringen, nicht uner¬ 
heblich beigetragen habe". Das Lied von 
Heine: „O Bund, du Hund, du bist nicht ge¬ 
sund", wird bald durch einstimmigen Beschluß 
zmn Nationallied erhoben werden." 
Und ähnlich, wie er mit prophetischem Blick 
schon damals den Ausschluß Österreichs aus 
Deutschland als Notwendigkeit vorausgesagt 
bat, zu einer Zeit wo es als eine Vermessenheit 
galt, derartiges offen auszusprechen, hat er 
mit dem Blick eines Sehers vorausgeschaut, 
daß in dem Rivalitätenkampfe Deutschlands 
init Frankreich erst eine entscheidende Lösung 
eintreten müßte, um Deutschland die Bahn frei 
zu machen zu seiner weitern Entwickelung. 
Wenn der geniale Staatsmann, gleich einem 
feinen Regisseur, ein wenig die Hand dabei im 
Spiele gehabt, daß der Ausbruch dieses Kampfes 
gerade zur rechten Zeit erfolgte, so kann dies 
als kühner Schachzug seiner überlegenen Di¬ 
plomatie nur den Ruhm seiner vorausschauenden 
Staatskunst erhöhen. Sein Wort: „Kaiser- 
kronen müssen auf den Schlachtfeldern gewonnen 
werden", war in Erfüllung gegangen. 
Als dann das Reich stark und mächtig 
dastand im Rate der Völker, da begann seine 
rastlose Arbeit bei dem Ausbau des Reiches, 
feine schöpferische Tätigkeit auf den Gebieten 
des Handels, der Kolonialwirtschaft und 
Sozialpolitik, um die unteren Volksschichten 
zu schützen und ihnen bei Krankheit und 
Invalidität staatliche Fürsorge angedeihen 
zu lassen. Namentlich diese letztere Fürsorge 
gewann bald einen Umfang, daß andere Völker 
erstaunt aufsahen und die Neueinrichtungen des 
sozialen deutschen Kaisertums nachahmten. 
„Ein Riesenwerk, geschmiedet mit dem Hammer 
eines Zyklopen" — so nannte ein italienischer 
Staatsmann l.889 auf dem pariser internatio¬ 
nalen Kongreß die deutsche soziale Gesetzgebung. 
Oft meinte der Titane, unter der Last der 
Arbeit und der Flut feindlicher Angriffe zu 
erliegen, aber wenn er sich mit Rücktrittsgedanken 
trug, immer wieder erklang das Wort seines 
treuen Monarchen: „Niemals, niemals!" Und 
der alte Schöpfer und Hüter des Reiches sagte: 
„Ich werde auf der Bresche sterben, wenn 
ich nicht mehr leben kann; ein braves 
Pferd stirbt in Sielen. Solange ein 
Faden an mir ist, will ich dem Vater¬ 
lande dienen." 
Und dieses Gelöbnis Bismarcks wollen 
wir in diesem Erinnerungsjahr, da wir den 
hundertjährigen Geburtstag dieses großen 
Deutschen feiern, zu dem unsrigen machen. 
„Solange ein Faden an mir ist, will ich 
dem Vaterlande dienen" — das soll die 
Parole, das heilige Gelöbnis eines jeden 
Deutschen sein. Wir, die wir hier in Saar¬ 
brücken leben, unweit der Stätten, wo der 
Auftakt des deutschen Einigungskrieges einsetzte 
mit der furchtbaren Erstürmung der Spicherer 
Höhen, wir haben in unserem stimmungsvollen 
„Ehrental", in den Grabstätten der tapferen 
deutschen Krieger, welche für Deutschlands 
Einheit und Größe hier Blut und Leben ein¬ 
gesetzt haben, immerdar die hehren Beispiele 
treuer Pflichterfüllung vor Augen. Und wenn 
man in diesem Jahre an allen Orten die 
hundertjährige Zugehörigkeit der Rheinlande 
zu Preußen feiert, wenn man am April 
d. Is. in Wort und Schrift die unsterblichen 
Verdienste des deutschen Reichsgründers Otto 
von Bismarck feiert, so wollen wir auch der¬ 
jenigen nicht vergessen, die nach den Worten 
des großen Staatsmannes ihr Vaterland höher 
gestellt haben als ihr Leben, und im stillen 
„Ehrental" und draußen auf den Kriegergräbern 
von Spichern wollen wir den Immortellenkranz 
treuer Erinnerung und Dankbarkeit auf ihr 
frühes Grab legen und im stillen Herzen ge¬ 
loben, immerdar Treue und Liebe zu 
halten dem Vaterlande als—die Wach t 
an der Saar!
	        

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