Full text: 43.1915 (0043)

das rechte Ufer, für den deutschen Buchhandel 
noch ein totes Gebiet gewesen; selbst das reiche 
Wuppertal besaß zu Anfang des Jahrhunderts 
keine einzige Buchhandlung. Jetzt bildete sich 
in Bonn ein neuer Wittelpunkt für den lite¬ 
rarischen Verkehr, dessen geistige Ausstrahlungen 
sich fruchtbringend über das ganze Rheinland 
verbreiteten, und wie einst das neugewonnene 
Schlesien unter Friedrich dem Großen, so wurde 
das Rheinland ein Wenschenalter hindurch das 
Schoßkind der preußischen Regierung. 
In Saarbrücken und den Saarlanden 
hatte sich die Umwandlung in die neue Herrschaft 
ungleich leichter vollzogen. U)as sie gebangt 
und gelitten, als sich nach dem ersten pariser 
Frieden die Nachricbt verbreitete, die Saarlande 
sollten noch französisch bleiben, welche An¬ 
strengungen sie unter Führung großer Patrioten, 
wie Justus von Grüner, Böcking u. a. gemacbt, 
um beim Wutterlande zu bleiben, wie ihnen 
dies aber erst nach langen Aämpfen gelungen, 
das ist an anderer Stelle dieses Aalenders 
eingehend geschildert worden. Seit dem 
30. November s8s3 sind die Saarlande 
mit Deutschland, mit der preußischen 
Arone vereinigt. Welchen ungeheuren Auf¬ 
schwung die Industrie, insbesondere die 
Ausdehnung der Aohlenbergwerke, unter 
der kraftvollen Leitung dieses Staates genommen, 
auch das möge an der betreffenden Stelle nach¬ 
gelesen werden. 
s8t5—i9 s5 ! Welche Fülle von Er¬ 
eignissen schließen diese hundert Jahre 
für die Rheinprovinz, für die Saarlande, 
insbesondere für unsere Stadt Saarbrücken, 
in sich! Sie sind untrennbar von den Schicksalen 
des preußischen Staates selbst, der sich seit 
dieser Zeit in langen, schweren, geistigen und 
kriegerischen Aämpfen von einem Wittelstaat 
zu einem Großstaat, sa zu einer ersten Welt¬ 
macht entwickelt hat. Wenn wir zurückblicken 
auf diese lange Zeit, so erscheint uns die 
Geschichte dieses Staatswesens zunächst als 
eine lange Aette von Enttäuschungen, Ver¬ 
irrungen und Unglücksfällen, aber auch von 
großen, gewaltigen, weltbewegenden Taten. 
Wir wandern im Geiste durch die langen, öden 
unfruchtbaren Jahre, da der Deutsche Bund 
unter der unseligen Leitung des österreichischen 
Staatskanzlers Wetternich in Preußen wie im 
ganzen Deutschland lähmend seine L)and auf 
jeden geistigen und politischen Fortschritt legte. 
Erst als Preußen erkannte, daß nur dann die 
Bahn frei werden konnte, wenn Österreich aus 
der Vorherrschaft in Deutschland hinausgedrängt 
war und Preußen allein die Führerrolle 
übernahm, erst dann war es möglich, den 
deutschen Einheitsgedanken, der seit den 
Tagen der Befreiungskriege im deutschen Volke 
schlummerte, zu verwirklichen. Auf den 
Schlachtfeldern Böhmens im Jahre \866 
wurde der erste Grund zur deutschen Einheit 
gelegt. Die Bahn war frei. Der Norddeutsche 
Bund knüpfte die ersten Bande zwischen Nord 
und Süd. Was der Zollverein auf wirtschaft¬ 
lichem Gebiete vorbereitet, das wuchs nach 
und nach hinein in das politische Bewußtsein 
der deutschen Völker. Aber erst im Jahre 
f8 70 auf den Schlachtfeldern Frankreichs 
vollzog sich das große Ereignis, dem die 
geistigen und kriegerischen Aämpfe eines ganzen 
Jahrhunderts gegolten hatten: die Einigung 
der deutschen Stämme zu einem machtvollen, 
großen deutschen Vaterlande. Im Spiegelsaal 
zu Versailles wurde das große Werk gekrönt, 
als die deutschen Fürsten den greisen Preußen- 
könig Wilhelm I. zum Aaiser des wiederer¬ 
standenen Deutschen Reiches kürten. 
Und merkwürdig! Der Wann, dem Deutsch¬ 
land nebst seinen tapferen Ariegern am meisten 
dieses große Werk verdankt, der „Waffen¬ 
schmied der deutschen Einheit", Fürst 
Bismarck — sein Name, sein Andenken werden 
in diesem Jahre mit den Jahrhundertfeiern 
aufs engste verknüpft sein. Am f. April 
sind es t00 Jahre her, daß Otto von 
Bismarck zu Schönhausen in der Altmark 
das Licht der Welt erblickte. Das Bild eines 
Melden von deutscher Urkraft und rast¬ 
los em Wirken im Dienste des Vaterlandes 
ruft dieser Name gerade in diesem Jahre in 
der Seele jedes wahrhaft deutschen Wannes 
wach. Ulan hat ihn den „neuen Siegfried", 
den „Baumeister des Reiches" und den 
„Schmied der Aaiserkrone" genannt. Die 
Laufbahn dieses gewaltigen Recken vom 
frischen, kecken Anaben, dem kraftstrotzenden 
Junker bis zum kampfesmutigen Minister¬ 
präsidenten und deutschen Reichskanzler, zum 
Grafen und Fürsten und gefeierten Volkshelden 
— welch ein Weg! 
Es kann nicht unsere Aufgabe sein, in 
diesem Geleitwort auf das Leben des Titanen 
Bismarck näher einzugehen. Nur daraufhin 
weisen wollen wir, wie sein ganzes Leben nur 
dem einen großen Zwecke gedient hat, Preußen 
und Deutschland diejenige Stellung zu ver¬ 
schaffen, die ihnen im Rate der Völker zukommt.
	        

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