Full text: 43.1915 (0043)

IV. 
Hoch in den Lüften flattern die Fahnen; von den 
Häusern hängen sie oft bis auf die Straßen herab. 
Ganz Berlin schwimmt in Wonne und Jubel. .Wer 
nicht durch schweres Siechtum zu Hause festgehalten 
wird, wer noch ein halbes Bein hat, der muß' hinaus 
auf die Feststraße. Die Truppen kehren heim ans dem 
langen, schweren Feldzüge, der das Land befreit hatte 
von schiverem Joch. Seit dert Tagen Friedrichs des 
(Großen hatte Berlin nicht solches Fest gesehen. Das 
Brandenburger Tor, die stolze Porta triumphalis war 
heute nach der Tiergartenseite zu durch einen Anbau 
eriveitert und verschönt. Vor dem Tore standen in 
weitem Halbkreise zehn dorische Säulen von 42 Fuß 
Höhe aus Fußgestellen, deren Seiten mit bronzierten 
Adlern geschmückt waren: auf den Säulen thronten 
Göttinnen, die den einziehendeit Kriegern Lorbeer¬ 
kränze entgegenhielten. Aus stahlfarbenen Schilden 
glänzten die Namen der vornehinsten Schlachten und 
Gefechte der Befreiungskriege. Zwischen jedem ^üulen- 
paar standen zwei antike Kandelaber mit großen 
Lpserschalen. Die Säulen waren unter sich und mit 
dem Tore durch doppelt übereinander hängende Eichen 
laubgewinde verbunden. Atis der anderen Seite des 
Tores aber nach der rnadr zu, nahm die 2500 Schritt 
lange Siegesstraße ihren Ansang, gebildet durch die 
sechsfache Reihe der Linden; ihrer ganzen Länge nach war 
sie eingefaßt durch Kandelaber und Standarten, die mit 
großen Laubgehängen untereinander verbunden waren. 
Noch ehe die Krieger das Tor erreichten, waren 
Blätter, Frauen, Schwestern und Brüder ihnen auf 
der Charlottenburger Chaussee entgegengeeilt, drängten 
sich in ihre Reihen, ihre Männer, Brüder, Freunde 
und Verlobten zu suchen und ans Herz zu driieken. 
Ergreifende Szenen spielten sich ab, Freudentränen 
netzten die Wangen; aber auch manch bittere Träne 
des Schmerzes. Ta irrten die Augen mancher Mutter, 
mancher Schwester, mancher Braut vergeblich umher; 
gab es doch Familien, die den Vater mit drei, vier 
Söhnen hinansgesandl hatte» in den Freiheitskamps, 
und niemand war zurückgekehrt. Umso größer aber 
war die Freude derjenigen, welche ihre Lieben heute 
unversehrt ans Herz drücken konnten. 
Jenseits des Tores aber, auf dem Pariser Platz, 
standen zu beiden Seiten der Siegesstraße ungezählte 
Tausende, bc» Blick hoch emporgerichtet auf das 
Siegestor, auf dein eine zeltähnliche Bedachung die 
stolze Quadriga verhüllte, die sich heute ihren lieben 
Berlinern wieder in ihrem alten Glanze zeigen wollte. 
Zu allen Zeiten besaß der Berliner die Gabe schlag¬ 
fertigen Witzes und eine gewisse Neigung, and) an 
ernsten Situationen eine komische Seite herauszufinden. 
„Die Dante hinter der Jardine macht aber ver 
flucht lange Toalette" sagte ein etwas korpulenter 
Mann, sich den Schweiß mit dem bunten Taschentuch 
von der Stirn tupfend. 
„Mail merkt, det se aus Paris kommt," sagte ein 
anderer: „da is se ooch een bisken eitel jeworden." 
Plötzlich aber verstutnmten alle. Eine weihevolle 
Stimmung kam über die Gemüter. Mit ehernem 
Klange setzten alle Glocken ein. Von allen Kirchtürmen 
läuteten sie. Der Moment nahte, wo der König an 
der Spitze seiner Truppen durch das Tor in die Stadt 
einziehen mußte. - Da erschien auch schon sein mäch¬ 
tiger Helmbusch in dem Mittelportale und neben und 
hinter ihm eine glänzende Suite von Prinzen und 
Generalen vor allen er, nach dem aller Blicke 
ausschauten der prächtige Weißbart mit dem 
blitzenden Auge, dessen Bild in aller Herzen stand — 
wie ein Kriegsgott sitzt er zu Pferde! Ja, er ist 
es, der alte Blücher, der „Marschall Vorwärts!" 
Hurra! Hurra! 
Tausend Jubelrufe durchbrausen die Luft. Und 
nun nnrd es wieder still. Jetzt kommt das größte 
Ereignis des Tages, wie gebannt sind aller Blicke 
aus das Siegestor gerichtet. Ein Drängen, ein Stoßen, 
ein Schieben der Volkswagen. Alles will nach vorn. 
Die Hitze ist gewaltig. Es gibt eine große Einzahl 
von Ohnmächtigen, imb damals kannte man noch 
keine fliegenden Sanitütskolonnen. 
„Ach, bitte, mein Herr, ein wenig Luft für meinen 
Mann," sagte eine ältere Dame. „Lassen Sie ihn 
eilt bischen nach vorn. Er ist so aufgeregt. Ich habe 
solche Angst." Malt niacht ihr mitleidig Platz. Sie 
schiebt ihn energisch ttach vorit. Es ist Peter Breuer. 
Atif dem Arm seiner Gattin gestützt, ist er säum im¬ 
stande, sich aufrecht ztl haltert.' Fast fieberhaft leuchten 
seine Äugelt; eine krankhafte Freude glänzt darin. 
Da durchbricht ein'tausendstimmiger Jübelrus die 
Luft. Alles blickt auf das Tor, hoch oben auf das 
weiße Gezelt. Eberr hatte eilte Regenivolke den 
Hiinmel verfinstert. Da die Sonne dringt siegreich 
durch iit diesem Augenblick eben passieren die 
ersten Truppen das Tor — fällt die weiße Hülle, und 
iit ihrer ganzen Schönheit, als hätte sie eben erst die 
Hand des Künstlers geformt steht sie da, die 
wiedergewonnene, die iviedereroberte Siegesgöttin. 
Ein jäher Lallt der Freude entringt sich deut 
Munde Bretiers. 
„Viktoria! Viktoria!" ruft er mit lauter Stimme 
und schwingt dabei seinen Hut. Voll Angst sucht ihn 
die Gattin zu beschwichtigeit. „Mäßige Dich, Väterchen, 
es schadet Dir." 
„Viktoria! Viktoria!" ruft er immer wieder. 
Seilt Gesicht ist hochrot. Seine Augen quellen ihm 
fast ans den Höhlen, die Adern an Hals tnid Stirn 
fchwellen ihm alt. Plötzlich wankt er; sein Gesicht 
mist) erdfahl, und mit dem Ruf: „Viktoria für immer!" 
sinkt er nieder. Kanin daß die angstvolle Gattin ihir 
iit ihren Arnten auffaitgen kann. 
Reben ihtn, hinter ihm, vor ihm flutet alles im 
ivildelt Freudentaumel vorbei. Alles stürzt auf die 
Mitte der Siegesstraße zu, um die heimkehrenden 
Soldaten zu sehen. Fröhliche Marschlnustk ertönt, 
Hurrarufe durchbrausen die Lust, nur wenige in 
ltächster Nähe habeit die Szene bemerkt. 
„Es ist der verdrehte Bildgießer," sagte einer 
der ihn saunte. 
„Viktorias Liebster," sagte eilt aitderer im Weiter¬ 
gehen, „heute hat er seine Bratit eingeholt." 
Die Wattin wirst sich in tödlicher Angst über deit 
Leblosen; nur mit Mühe findet sie iit dem ^Freuden¬ 
taumel, der die Vorüberstürntenden ersaßt, einige 
mitleidige Seelen, die Hand anlegen, um ihn aus dem 
Strudel sortzrischaffert. Noch einmal schlägt er die 
Angeit auf; er tastet nach der Hand seiner Frau. Ein 
seliges Lächeln geht wie ein Sonnenglanz über sein 
bleiches Antlitz; dann schließt er die Augen zum letzten 
Schlummer. Man trägt ihit auf einer Bahre nach 
Hause. In de>t braufcnbcu Hurrarufen, iit dem 
wildert Stegesjubel, in dem bacchantischen Freuden¬ 
taumel, der all die Tausende ergriffen hat, verhallt 
ungehört der Verzweiflungsschrei der armen Gattin 
des Bildgießers Peter Breuer.
	        
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