Full text: 33.1905 (0033)

77 
Umständlich holte er seine gewaltige Horn¬ 
brille hervor, prüfte und strich an dem Metall 
herum. 
„Ist's Gold?!" stammelte Antoine. 
„Ich muß es untersuchen", erwiderte Meister 
Arnold, „und das Stück in meine Werkstatt 
nehmen." 
Antoine zauderte; er wollte es nicht aus 
den Händen geben. Schließlich fügte er sich 
ins Unvermeidliche. Der Goldschmied ver¬ 
schwand mit dem Funde. 
Was er nur sagen wird, und ob er mich 
nicht betrügt, zitterte es in Antoines Hirn. 
Aber, mein Gott, Meister Arnold war ihm als 
redlich bekannt. Warum sollte er ihm mi߬ 
trauen? 
Nach geraumer Weile — Stunden dünkten 
Antoine vergangen zu sein — kehrte der Gold¬ 
schmied zurück. 
„Es sind vier Pfund reinen Goldes," be¬ 
merkte er geschäftsmäßig, „ich kaufe es Euch 
ab. Hier sind dreißig Goldtaler!" 
Stück für Stück der blinkenden Münzen 
funkelte vor Antoines Augen. Als alle dreißig 
vor ihm lagen, bangte ihn vor diesem Reich¬ 
tum. In seinem langen Leben hatte er kaum 
ein Goldstück gesehen, geschweige denn eins be¬ 
sessen. Mit bebenden Fingern hob er eins um 
das andere auf und ließ es in die Tasche 
gleiten. Einen hellen Ton gab es jedesmal, 
wenn eins zum andern fiel. 
Als der Goldschmied dem ruhig zusah und 
beharrlich schwieg, begann Ravachol aufs neue: 
„Ich werde Euch noch mehr bringen, Meister 
Arnold!" 
„So? Und woher habt Jhr's?" 
„Das ist mein Geheimnis!" 
„Gut, wie Ihr wollt. Besser wäre es, Ihr 
würdet's mir sagen. Aber, wie Ihr wollt! 
Ihr dürft wiederkommen und mehr bringen!" 
Als Antoine die Straße wieder betrat, 
schwankte und drehte sich alles um ihn her. 
Erschöpft lehnte er sich an ein Haus. Nun 
war's volle Wirklichkeit! Er hatte Geld, lau¬ 
teres Gold! Und er würde unermeßliche Schätze 
sein eigen nennen!! 
Nun hielt's ihn nicht mehr. Nun sollte 
Gervaise alles, alles wissen! 
Er keuchte nach .Hause, schneller, immer 
schneller, obwohl die Glieder ihm den Dienst 
zu versagen drohten. 
Gervaise wollte ihn in gewohnter. Weise 
empfangen. Aber die Zunge stockte ihr. Wie 
sah der Mann aus! Wie Kalk an der Wand! 
Und so zusammengesunken! Dabei leuchteten 
die Augen in trunkenem Glanz! 
„Gervaise, sieh!" 
Mehr brachte er nicht hervor. Und nun 
quoll die goldene Flut aus der Tasche. Ger¬ 
vaise traute ihren Augen nicht. 
„Mann, Antoine, woher hast du das?" 
Dieselbe Frage, die der Goldschmied an ihn 
stellte. Nun aber durfte er seine Brust befreien. 
Und wirklich, still hörte Gervaise zu. Erst 
kam's zögernd, abgerissen aus seinem Munde, 
dann immer fließender. Es tat wohl, die Last 
von fich abzuwälzen. 
Nun saßen sie beide in der Goldgier. 
„Nimm mtch mit hinaus in die Klippen!" 
bat Gervaise. 
Da ergriff's ihn wieder mit der Angst, sie 
könnte alles verraten und andere würden die 
Schätze einheimsen, die ihm gehörten. 
„Gut, ich will's tun, aber unter einer ein¬ 
zigen Bedingung. Wenn wir an die Klippen 
kommen, läßt du dir von mir die Augen ver¬ 
binden, bis wir in der Goldhöhle sind." 
Die Goldhöhle! Wie in Gervaise das Wort 
brannte! Sie vergaß jeden Widerspruch darüber. 
„Komm mit!" 
Und sie gingen. Antoine vergaß nicht außer 
seiner Hacke Kienspäne in einen Sack zu raffen. 
Bei deren Schein wollten sie das Gold brechen 
und den Sack füllen. 
Antoine war bis aufs äußerste erschöpft, 
als sie draußen anlangten. Die Wellen gingen 
noch hoch und schäumten an den Strand. Der 
Wind hatte sich gelegt. Ruhig zogen die 
Wolken am Himmel entlang, und dazwischen 
blitzte die Sonne. 
Gervaise ließ fich willenlos die Augen ver¬ 
binden. Gold, nur Gold wollte sie sehen! 
Darüber versank alles! 
Antoine führte sie, endlose Wege wie es 
ihr schien. Daß ihm die Pulse flogen, daß er 
oft stille stand, als müsse er sich irgendwo fest¬ 
halten, merkte sie nicht. 
„Bleib ruhig stehen; wir sind zur Stelle!" 
Sie hörte ein Scharren und Kratzen. Jetzt 
macht er bie Höhle frei! 
„Komm, Gervaise, komm! Klettere mir nach. 
Schritt vor Schritt!" 
Noch dunkler wurde es ihr vor den Augen. 
Antoine ließ sie los und setzte einen Span in 
Brand. Dann nahm er ihr die Binde von 
den Augen. Zuerst sah sie nichts. Nur das 
dumpfe Brausen des Meeres tönte an ihr Ohr. 
„Gervaise, da, sieh, da!"
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.