Full text: 1.1873 (0001)

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gut allein mit dem Gelde fertig geworden wäre, fast 
als eine Unterschlagung an. Wenn er ein frisches Hemd 
aus dem Schranke nahm, so fehlte oft ein Knopf da¬ 
ran. Wenn er ein paar reine Socken anzog, so fuhr 
er oben hinein und unten mit der großen Zehe wieder 
heraus. 
Er kam einmal spät und angeheitert nach Hause; 
Elise empfing ihn mit Murren und Schelten. Er kam 
den nächsten Tag sehr pünktlich und — fand keine Spur 
von Essen bereit. „Wie konnt' ich dich so früh er¬ 
warten?" sagte sie spöttisch. Er wagte eine Bemerkung 
über den starken Kaffeeverbrauch, sie rückte ihm sofort 
seineu Tabak vor. — Doch wozu all' das Elend einzeln 
aufzählen, das sich wie ein Gift in ihre Seelen ein¬ 
fraß, wie ein Rost ihre einst so glänzende Liebe über¬ 
zog, und sie schon so weit gebracht hatte, daß sie meist 
schweigend und verdrossen neben einander hergingen 
und jeder sich als höchst bejammernswerth bedauerte? 
Noch war vielleicht Rettung, Versöhnung möglich, aber 
sie mußte dann bald kommen, denn in Martin's ehr¬ 
licher Seele hastete jedes spitze Wort Elisens wie ein 
Pfeil mit Widerhaken und entfremdete ihn dem Hause 
immer mehr. Ein Tropfen konnte das Maaß zum 
Ueberlaufen bringen und ihn zum Säufer und Lumpen¬ 
hunde, sie zur elendsten Bettlerin machen. 
O ihr Mädchen, die ihr meist alle gerne heirathen 
möchtet, macht's doch nicht nur den Sinnen, sondern 
auch dem Verstände der Männer leicht und angenehm! 
Denkt, daß wir Essen und Trinken und Kleider und 
Wohnung haben, d. h. verdienen müssen, und seid nicht 
wie die Lilien auf dem Felde: sie arbeiten nicht, auch 
spinnen sie nicht, und sind doch herrlicher gekleidet
	        
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