Full text: 8.1954 (0009)

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Jazz oder ernste Musik? 
Ein Frage an die Jugend 
ViT lassen uns vom Jazz begeistern; wir 
lassen uns rmtrelße®, gcTat.cn in Taumel, 
tanzen, pfeifen und fob«». Oder kwawn ge- 
laugweilt m einer Ecke, spiden mit abge 
brannten StreichhcrfeTn und kauen an Zi 
garetten, während die Drei-Mann-Kapdle ihr 
«darilbs Getön in die vtarräuchate Kneipe 
sthrest. Der Zustand wirft ungelöste Probleme 
auf. Wen trifft die Sdbiaild ? Uns? — Nur 
zum TealJ Die Musik? — Nur zum Teil! 
Die Komponisten? — Immer nur zum Tdll 
Zu einem Teil tragen wir alle die Schuld. 
Aber wo liegt diese Schuld? Sie liegt darin, 
daß wir uns allzu leicht mit dem zufrieden 
gebe*. was wir ohne Muhe erhalten können: 
Zerstreuung, Abenteuer, Abwechselung in 
schneller Folge, Lntcrhakung und Nurve*- 
xausch, Man kann diese Dinge billig bekom 
men, man bezahlt ein oder zwei Glas Bier 
und erhält dafür ein p.n Abend lang das Ge 
wünschte. 
Ist das der Sinn der Musik? Will die 
Musik mar unterhalten? Soll säe nur die Ner 
venspannung fortsetzen, der wir täglich in 
unserem Berufen ausgesetzt sind, ohne eine 
befriedigende Antwort gnbesn zu können auf 
die Probleme, die sieh vor unserer Seele aaf- 
t.nn? 
Der Jazz hat seine Berechtigung, wie der 
menschliche Köcrper in seinem Dasein seine 
Berechtigung hat. Doch die sogenannte «rüste 
Musik hat ebenfalls ihre Berechtigung, so, 
wie der menschliche Geist seine Berechtigung 
hat. In dem Spaumungsfeld der beiden Pole 
des Triebhaften und des Geistigen müssen 
wir uns entscheiden. in welcher Bkhtung 
wir gehen wölb n. 
Das Ist das wahre Probh'-m der Jazzmusik 
und der ernsten Musik (und der Jazzmusik).; 
Der Jazz befriedigt unmittelbar, geht ins 
Blut wie Traubenzucker,, die ernste Musik 
dagegen will im langsamen Prozeß begriffen,, 
aufgesogen und verarbeitet werden. 
Der junge Mensch, der sich für sein künf 
tiges Leben für den bequemen Stillstand 
e.tifs.rbeid.p.f,, braucht «ich nicht mehr mir 
Problemen befassen., die sich ihm erst nach 
längerer Anstrengung offenbaren. Abo- der 
jenige, der sich nicht mit dem soeben erreich 
ten zufrieden gibt, muß um höhere Erkennt 
nisse rängen. Die ernste Musik wird ihm da 
bei behilflich sein. 
Diese Gedanken blieben aber nur eia 
Schall schöner Worte, wenn sie nicht ver 
wirklicht würden. Wir müssen also mit der 
ernsten Musik uns unmittelbar auseinander 
setzen. Das große RuWfunkorohester Saar 
brücken gibt uns Gelegenheit, in Jugend 
konzerten, die regelmäßig veranstaltet wer 
den, stets wertvollste Musik kennenzulexnem, 
die oft unter Mitwirkung weltbekannter So 
listen dargeboten wird. 
Wie treten wir der Musik gegenüber? Zu 
nächst dürfen wir nicht vergessen, daß es in 
der ernsten Musik vieles gibt, was durchaus 
unproblematisch gemeint ist und üut dem 
frische« Musizieren dient. Eb wäre falsch, 
in solchen Stücken schwerwiegende Probleme 
zu suchen. Dagegen gibt es andere Werke, 
aus denen das Ringsn des Komponlstea um 
eine vielschichtige Problematik spüdbar her 
vorgeht. Es gilt zunächst zu erkennen, wel 
ches Stück musikantisch leicht gemeint Ist 
und welches nicht. Nun, die leichteren Werke 
sind eingängig, man hat sie bald „im Ohr‘’. 
Dort aber, wo uns die Musik zunächst unver 
ständlich erscheinen will, müssen unsere Be 
mühungen einsetzen. Nehmen wir ein leben 
diges Beispiel: in dem Jugendkonzert am 21.- 
Februar werden folgende Werke mnfgefübrt: 
Heinrich K-onietznY, Intrada (Uraufführung!, 
Serge Prokofieff, Violinkonzert Nr. I D- 
Dur, Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 1 D-Dur. 
Das erste Werk Ist die Komposition eines 
7,efcgnmssisdien Komponisten, der als aus- 
eben der Musiker selbst Mitglied des großen 
Rundfunkorchesters ist. Der Titel des Werke* 
bedeutet „Eingang“ und gibt folgerichtig die 
Empfindungen wieder, die uns anströmen, 
wenn wir etwas Neuem begegnen. Es ist un 
ruhig, aber dennoch von fester, innerer Ord 
nung; schwungvoll mit plötzlichem, einpräg 
samen Einfällen. Der erste Teil der Intrada 
ist rhapsodeuhaft gearbeitet, während der 
zwrifce Teil sich durch eine festere Form (Fu 
gato) aiiv/pirKtiAt, gleichsam., als hätte ma* 
den ersten, verwirrenden Eindruck des Neue* 
überwunden. Endlich werden die einzelne» 
Motive zusammengefaßt und in verbreiter 
tem Zeitmaß dem Schlüsse zugeführt. Möge* 
die Harmonien, die der Komponist in oft 
kühnen Reibungen gibt zunächst fremd er 
scheinen, so lassen sie doch die Ordnung er 
kennen, die jeder guten Musik eigen ist. 
Da« Violinkonzert von Serge Prokofieff ist 
von einer ganz anderen Art. Der Komponist 
hat zunächst Rücksicht genommen auf die Ei-' 
genart des Soloinstrumentes, auf die Violine. 
Gleich das erste Thema ist ein Gesang. Alle» 
folgende sind teils spielerische, teilä ernst 
hafte Variationen über rhytmische Motive im 
den begleitenden Instrumenten. Das Werk 
besteht aus drei Sätzen, die wiederum au» 
drei Teilen, einem Vordersatz, einem Mittel 
satz nnd einer Wiederholung des Vorder 
satzes, diesmals aber in abgewandelter Form, 
bestehe*. Während der erste Satz betont r 
lyrisch gehalten ist, bricht in den beiden fol 
genden Sätzen das rhythmische Element hem 
mungslos durch. Hier erkennen wir in dem 
Komponisten den Bussen, der sich auch in 
seiner feinsinnigsten Knnsimnsik nicht von 
dem Vorbildern seiner schweren und tempe 
ramentvollen Volkstänze lassagen kann. Nut 
der Schluß des Werkes klingt in farbigen, 
fast unwirklichen "Klängen aus. 
Während sich die beiden erstem Werke wie 
selbstverständIkh in dm -Rhythmen und Har 
monien der zeitgenössischem Musik bewegen, 
erinnert uns das letzte Werk des Sinfonie- 
komzextes daran, daß die Ausdruckslormen 
der heutigen Musik sich erst in jüngster Zeit 
gefestigt haben; denn hei Gustav Mahler fin 
den wir das Rängen um neue Ausdrudksmiitel. 
Er sucht sie im Monumentalen. Nicht so sehr 
das musikalische Thema, das Motiv oder wie 
man sonst die musikalische Keimzelle nennen 
mag, sind hier das Objekt des künstlerischen 
Bingens, sondern die Mittel der Darstellung, 
der Klangreize und das äußere Bild des Auf- ^ 
tretens von Riesumorchestern und ßäeseochö- 
Ten. In Gustav Mahler vareinen sich die Pro 
blematik und die Auswegslosigkeit einer aus 
gehenden Epoche, siimenhaft dargestellt in 
all seinen Werken.. Dagegen verehren wir in 
ihm ednan Künstler, der diese Problematik 
zur äußersten Konsequenz durchgefochten hat. 
Wir können nur sehr wenig von dem mit- 
teakn, wes nu unserem Thema zu sagen 
wäre. Wir wollen anregm, unser Thema ist 
noch keineswegs erschöpf L Aus diesem 
Grunde dürfen wir den Vorschlag machen, 
all jene, die sich mit der Problematik der 
Musik im Allgemeinen uaseinand ersetzen 
wollen, zu eigener Fragestellung oder auch 
zu eigenen Beitragen zu veranlassen, die wir 
zur Diskussion steUcn wollen. Wir würden 
es begrüßen, wenn uns viele Fragen einge- 
sandt würden, damit unsere Diskussion le 
bendig würde und sich somit für sehr viele, 
nicht nur für junge Menschen, nutzbringend 
gestalten würde®. Helmut Kreitz. 
Herausgeber? JlauptvcrM'al I u ng dar Einhertsgewerk- 
schaft SaaAnukea 3, ’BraaersträBe Ti—S, Tel. 90 31-35. 
Vwantwortlidh ffiür den CesaiutinViBtt: JftidjKrd Rau#i; 
Druck; MaktaEt-BiiirbRchwr Handu I s dr unkCmt>II 
Saarbrücken 5, ParäTlelstraße 3S. Einzelverlcaiifspr.cis 
der -„Arbeit“ 20.— ffrs. 
{Erscheint regelmäßig monatlich).
	        

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