Full text: 8.1954 (0009)

verstand sich von selbst. Es dürfte doch wohl 
auch niemand Wunder nehmen, daß die Ar 
beitnehmer den Vertröstungen auf ein Per 
sonalvertretungsgesetz kaum noch Glauben 
schenken und den Schwund ihres Vertrauens 
in aller Öffentlichkeit verkünden. 
Auch zu der Frage der Mitbestimmung 
machte Kollege Langhans Ausführungen, die 
alle Beachtung verdienen. Der Apparat der 
Verwaltungsbütokratie mit seinen Ausstrah 
lungen auf die Parlamente bedarf natumot- 
wendig eines Gegenpols in den Vertretungen 
des Personals, das die Dinge aas einer ande 
ren Perspektive sieht und berechtigt sein muß, 
seine Auffassung zut Geltung bringen zu kön 
nen. Das ist ja überhaupt der tiefere Sinn 
einer jeden Mitbestimmung, daß nur sie einen 
vernünftigen Ausgleich in den nun einmal 
bestehenden Gegensätzen bringen kann. Die 
einstimmig angenommene Entschließung der 
Ortsverwaltung Neunkirchen läßt über den 
konsequenten Standpunkt des I. V. öffent 
liche Betriebe und Verwaltungen in dieser 
Frage, der auch von der gesamten Einheits 
gewerkschaft geteilt wird, keine Zweifel auf- 
iommen: 
„Wir protestieren gegen die AusklamnIrrung 
des öffentlichen Dienstes aus dem verab 
schiedeten Betriebsverfassungsgesetz. Auch 
hier müssen war mit Empörung die Ver 
letzung des gleichen Artikels 47 der Ver 
fassung feststellen. Wie können Regierung 
und Landtag rechtlich und moralisch von 
den Bürgern die Respektierung der Ver 
fassung und der Gesetze verlangen, wenn 
sie selbst fortgesetzt diesen Gesetzen zu 
widerhandeln. W ir lehnen es ab, noch län 
ger die systematische und verfassungswid 
rige Aufsplitterung der Arbeitnehmerschaft 
zu erdulden und uns weiterhin als Arbeit 
nehmer und Bürger 2. Klasse Irehandeln 
zu lassen“. 
Zeitgemäßes Beamtengesetz, Besoldungsre 
form, Erhöhung der Löhne und Gehälter, er 
höhte Sicherung des Arbeitsplatzes, Erhöhung 
des Plafonds in der Sozialversicherung seien 
nur als bescheidene Auswahl der Fragen an 
geführt, die auf dem Kongreß ventiliert und 
in einer Fülle angenommener Anträge präzi 
siert wurden. Der neuen Verbandsleitung wird 
es in den nächsten 2 Jahren ihres Wirkens, 
also an Aufgaben nicht fehlen und es wird 
schon ihres ganzen Einsatzes bedürfen, aber 
auch der vollen Unterstützung aller Mitglie 
der, wenn sie der Verwirklichung dieser Ziele 
näher kommen will. Diese Entschlossenheit 
brachte der Kongreß zum Ausdruck und wir 
glauben bestimmt keine Phrase zu gebrau 
chen. wenn wir ihn als Markstein in der noch 
jungen Geschichte des Verbandes bezeichnen. 
Aus den industrieverbdnden 
Industrieverband Bau- und Holzgewerbe 
Der Industrieverband Bau- und Holzgewerbe 
führt in Saarbrücken folgende Versammlungen 
durch, auf die die Mitglieder schon heute Rin- 
gewiesen werden: 
28. 11. 1954 
vorm. 10 Uhr im Lokal Treffpunkt, Saarbrücken 3, 
Dudweilerstraße, Referent: Kollege Diehl. 
19. 12. 1954 
vorm. 10 Uhr im Lokal Antoni, Saarbrücken 2, 
Lebacher Straße, Referent: Kollege Munari. 
23. 1. 1955 
vorm. 10 Uhr im Lokal Zur Tante, Saarbrücken 1, 
Am Neumarkt, Referent: Kollege Diehl. 
* 
I. V. Handel. Banken, Sparkassen 
und Versicherungen 
Der IV Handel, Banken, Sparkassen und Ver 
sicherungen der Einheitsgewerkschaft hat an den 
Herrn Arbeitsminister den schriftlichen Antrag 
gestellt, den § 105 b) Abs. 2 der Gewerbeord 
nung, Ausnahmegenehmigung für verkaufsoffene 
Sonntage dahingehend abzuändem, daß im Jahre 
nur 2 verkaufsoffene Sonntage, und zwar vor 
Weihnachten genehmigt werden. 
Unter dem 4. November 1954 teilt der Arbeits- 
minister mit, daß er die Auffassung des Industrie 
verbandes teilt: 
,,Die Ausnahmebestimmungen über die grund 
sätzlich vorgeschriebene Sonntagsruhe Im Han 
delsgewerbe sind im § 105 b) Abs. 2 Gewerbe 
ordnung festgelegt. Danach kann die örtliche 
Polizeibehörde an 6 Sonn- und Festtagen und die 
höhere Verwaltungsbehörde an weiteren 4 Sonn- 
wnd Festtagen im Jahr eine Beschäftigung von 
Gehilfen, Lehrlingen und Arbeitern im'«Handels 
gewerbe zulassen. Sofern eine solche Regelung 
von einer Ortspolizei- oder höheren Verwaltungs 
behörde getroffen wird, dürfen auf Grund des 
§ 41 a GO zwangsläufig die Verkaufsgeschäfte an 
den betreffenden Sonn- und Festtagen geöffnet 
sein. Aus dieser Sachlage geht hervor, daß nicht 
das Arbeitsministerium, sondern die Ortspolizei 
behörde bzw. das Innenministerium für Entschei 
dungen über Anträge betr. die Freigabe von 
Sonn- und Festtagen für den Geschäftsverkehr 
zuständig ist. 
Da ich Ihre Auffassung, daß nur 2 verkaufs 
offene Sonntage vor Weihnachten genehmigt 
4 
werden sollen, teile, habe ich in verschiedenen 
Schreiben den Herrn Minister des Innern ge 
beten, sicherzusiellen, daß keineswegs mehr als 
2 Sonntage vor Weihnachten für den Geschäfts 
verkehr freigegeben werden. 
Ich lege Ihnen nahe, Ihre Auffassung zu dem 
Fragenkomplex sowie Ihre diesbezügl. Wünsche 
und Ihre Anregungen hinsichtlich der Aenderung 
des § 105 b) Abs. 2 GO auch dem dafür zustän 
digen Herrn Minister des Innern unmittelbar zu 
unterbreiten. 
1. V. Verkehr und Transport 
Unsere Klage wegen der Einbeziehung der Stra 
ßenbahn in das Betriebsverfassungsgesetz wurde 
in erster Instanz von dem Verwaltungsgericht ab 
gewiesen. Die Angelegenheit wurde von uns in 
zwischen vor dem Oberverwaltungsgericht an 
hängig gemacht, dessen Entscheidung abgewartet 
werden muß, ehe der Verband weitere Schritte 
unternimmt. Vor Abschluß des Rechtsverfahrens 
nehmen wir davon Abstand, eine Stellungnahme 
in der Oeffentlichtkeit zu beziehen. 
* 
Berichtigung! 
In der Nummer 10 der „Arbeit" ist bei der 
Veröffentlichung der Lohnvereinbarung in 
der Nahrungs- und Genußmittelindustrie des 
Saarlandes ein Druckfehler unterlaufen. 
In der Gruppe 6a) Handwerker aller Art 
mit Lehrzeugnis bzw. Fachprüfung usw. muß 
es heißen statt 132,72 ffrs. 155,72 ffrs. 
Red. 
SPITZENSORTE 
250Gr. ?0. Frs. 
irhäitlkb ln allin A$KQV*ft*ilunosst*ll*n d«s Saarland** 
Juqendkcnzerle mit neuer Musik 
Die Reihe der Jugendkonzerte in der Wart 
burg wurde mit Hindemith’s sinfonischen Me 
tamorphosen für Orchester über Themen von 
Karl-Maria von Weber eröffnet. 
Es war gut, daß Dr. Michl dieses Konzert 
an den Anfang stellte. Es befreit den Zu- 1 
körer durch seine mitreißende Spielfreudig- j 
fceit von jeder gekünstelten Zurückhaltung, ] 
wie sie die Atmosphäre des Konzertsaales 
leicht verbreitet, nimmt die falsche Ehrfurcht 
und auch ihr Gegenteil, den Hochmut des 
Kenners und schafft damit die Vorurteils 
losigkeit, die für das Aufnehmen der moder 
nen Musik unerläßlich ist. 
Hindemith’s Musik ist reine Freude am 
Spiel der Töne und der Instrumente. Der 
Rückgriff auf die Themen des Romantikers 
Weber und die Wandlung, Gestaltung und 
Anpassung dieser Themen im neuen Gewand 
zeigen, daß Hindemith die große Tradition 
fortsetzen will, ohne aber auf die reizvolle 
Neuartigkeit des zeitgenössischen Klangbildes 
zu verzichten. An keiner Stelle hätte man 
sagen können, das sei schon irgend einmal 
dagewesen, man hätte bei irgendeinem ande- j 
ren Komponisten ähnliches gehört. Aber 
wesentlicher:, als die Eigenart des Kompo 
nisten ist die Schönheit seiner Musik. Meister- ^ 
hafte Beherrschung aller technischen und kom- • 
positorischen Möglichkeiten, gepaart mit siche 
rem Gefühl für künstlerisches Gleichgewicht 
und der unerschöpfliche Reichtum der musika 
lischen Inspirationen lassen diese Musik unter 
den zeitgenössischen Werken „klassisch“, das 
heißt vorbildlich erscheinen. 
Das Violinkonzert von Alban Berg, das der 
junge, ungewöhnlich begabte französische 
Geiger Christian Ferras spielte, bildete eine 
Vertiefung des musikalischen Erlebnisses. 
„Requiem für Marion" bat der Komponist 
sein Werk übersthrieben. Es zeugt von tiefer 
Innerlichkeit, die auch durch das technische 
Mittel der Zwölf-Ton-Musik nicht abgegrenzt 
wird. Wer glaubt, daß die moderne Musik 
lediglich ein Ausdruck der verworrenen Zeit 
läufe sei und die Rast- und Heimatlosigkeit 
ausdrücke, muß nach den Werken Hinde 
mith’s und Alban Berg’s bekennen, daß auch 
in der Musik unserer Zeit alle Werte enthal 
ten sein können, die ein Kimstwerk zeitlos 
machen. Der im Violinkonzert ein geflochtene 
Bach’sche Choral zerriß das Gefüge der Zwölf- ^ 
Ton-Musik durchaus nicht und zeigte, daß 
sich die neue Musik ihrem Wesen nach wenig 
von der überlieferten abhebt. Der Geiger 
vergaß während des Spieles die technischen 
Schwierigkeiten seiner Partie und interpre 
tierte Dank seines musikalischen Vermögens 
das Konzert eindringlich und überzeugend. 
Es wird nicht vermessen sein, diesem jungen 
Manne eine große Zukunft als Geiger voraus 
zusagen. 
Die Sinfonie Nr. 2 von Alexander Borodin 
beschloß das Konzert. Es stand in keinem un 
mittelbaren Zusammenhang zu dem vorher 
gehörten und darf, ohne daß damit ein Wert 
urteil ausgesprochen sei, als eine Konzession 
an das Publikum betrachtet werden. 
Die Begegnung mit Werken zeitgenössischer 
Musik,, junger Musik, die dem Namen „Jugend 
konzert“ eine glückliche zweifache Auslegung 
gestattet, wird im nächsten Konzert fortge 
setzt: Von Boris Blacher die „Konzertante 
Musik“ und von Heinrich Konietzny ein 
Violinkonzert. Da es zu den dankenswerten 
Gepflogenheiten bei der Aufführung in der 
Wartburg gehört, daß Dr. Michl jedes Werk 
eingehend erläutert, beschränken wir uns auf
	        

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