Full text: 8.1954 (0009)

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Die Streiks in der Bundesrepublik 
Eine Nachlese 
Nachdem die Streiks in der Bundesrepublik 
beendet sind, erscheint es angebracht, in einer 
mehr und mehr sich beruhigenden Atmos 
phäre einige absurde Vorwürfe und grobe 
Ungereimtheiten unter die Lupe zu nehmen, 
mit denen die Gewerkschaften im Verlaufe 
der Arbeitskämpfe traktiert wurden. Nicht zu 
vergessen ist dabei auch diese und jene intel 
lektuelle Unredlichkeit, die im Eifer des mehr 
wöchigen Gefechts gegen jede Lohn- und Ge- 
haltseihöhung von gewissen Interessentenkrei 
sen begangen worden ist. 
Was ist den Gewerkschaften in den letzten 
Wochen nicht alles vorgeworfen und unter 
schoben worden? Beginnen wir mit den 
schlimmsten Plattheiten. Da hieß es, sie näh 
men Rache für den Ausgang der Bundestags 
wahlen vom 6. September 1953. Mir nichts 
dir nichts wurde hier ein Lohnkonflikt wider 
besseres Wissen nach Taschenspielerart von 
der wirtschaftlichen auf die politische Ebene 
geschoben. Sind sich diese Jongleure nicht im 
klaren darüber, daß fraglos ein nicht unbe 
trächtlicher Teil derjenigen, die jüngst an den 
Streiks teilgenommen haben, im letzten Jahre 
die Parteien der Bonner Koalition wählten? 
Nahmen diese Wähler Rache für den 6. Sep 
tember 1953? Diese Frage zu beantworten 
mag für diejenigen am reizvollsten sein, die 
sie aufgeworfen haben. 
Mit viel Aufwand ist die Frage diskutiert 
worden, ob es weiterhin überhaupt noch trag 
bar sei, daß lediglich die Gewerkschaftsmit 
glieder über den Ausbruch eines Streiks zu 
entscheiden hätten. Eine Minderheit, so hieß 
es, zwinge da doch oft der Mehrheit dikta 
torisch ilrren Willen auf. Nun, ein Streik ist 
in der Regel ein Konflikt um die materiellen 
Bestimmungen eines Tarifvertrages. Als Tarif 
kontrahenten können nur die Gewerkschaften 
oder die Arbeitgeberverbände darüber bestim 
men, ob ein bisheriger Vertrag gekündigt 
wird. Daraus ergibt sich zwingend, daß auch 
nur Gewerkschaftsmitglieder über einen Streik 
abstimmen können. Arbeitnehmern, die nicht 
über eine Gewerkschaft am Abschluß eines 
Tarifvertrages beteiligt sind, ja offensichtlich 
nicht beteiligt sein wollen, kann schlechter 
dings kein Einfluß auf den Inhalt, den Ab 
lauf und den Neuabschluß eines Vertrages 
eingeräumt werden. Wer Gegenteiliges for 
dert, schlägt einen logischen Purzelbaum. Die 
Gewerkschaften als Vertragskontrahenten kön 
nen ihr Handeln unmöglich von Arbeitneh 
mern bestimmen lassen, die nichts dazu bei 
getragen haben, daß ein Tarifvertrag abge 
schlossen wurde. Darüber sollte kein Streit 
möglich sein, übrigens räumen die Arbeitge 
berverbände ja auch Niditmitgliedern kein 
Mitentscheidungsrecht ein. Über die Zusam 
mensetzung eines Parlaments bestimmen 
schließlich ebenfalls nur die Wähler, nicht 
aber die Nichtwähler, die an der Wahl un 
interessiert sind. Im 1. Bundestag stützten sich 
die Regierungsparteien auf 11,1 Millionen 
Wähler bei 31.2 Millionen Wahlberechtigten. 
Obwohl sich nur wenig mehr als ein Drittel 
der Wähler für sie entschieden hatten, bilde 
ten sie die Regierung. Und dodt ist nieman 
den eingefallen, die erste Regierung Ade- 
aauer eine Diktatur zu nennen. 
Immer wieder ist in den letzten Wodien 
sowohl der Streik in Hamburg als auch in 
Bayern als „brutales gewerkschaftlidies Macht 
streben" gedeutet und diffamiert worden, ob 
gleich die deutschen Arbeitnehmer-Organisa 
tionen in den letztem Jahren nur sehr verein 
zelt zum Slreikmittel gegriffen haben. In der 
im laufenden Jahr ersdiienenen Neuauflage 
seines Buches „Der Kampf zwischen Kapital 
und Arbeit“ sagt der Münchener Professor 
Dr. Adolf Weber: 
„Die Zahl der durch Streik verlorenen jähr 
lichen Arbeitstage stieg nach der Jahrhun 
dertwende in den Jahren 1904/05 auf mehr 
als 14 Millionen, sank vorübergehend auf 
2\.-> Millionen, erreichte aber 1913 wieder 
mehr als 8 Millionen. Während der Revo 
lution nach dem ersten Weltkriege gingen 
durch Streik in einem Jahre 34 Millionen 
Arbeitstage verloren, aber auch in der Zeit 
der großen Inflation wurden bis zu 24 
Millionen verlorene Arbeitstage gezählt, 
während der Prospcriiätszeit Ende der 20er 
Jahre bewegte sich die Zahl der verlorenen 
Arbeitstage immer noch um 8 Millionen. 
Und nun das Gegenstück: Die Zahl der 
durch Streik verlorenen Arbeitstage belief 
sich 1950 auf 380121, 1951 auf 1637 852 
und 1952 auf 442 S77.“ 
An anderer Stelle führt Professor Adolf We 
ber aus: 
„Es wurde schon gelegentlich darauf hinge 
wiesen, daß die durch Angriffs- oder Ab- 
wehrstreiks verlorenen Arbeitstage im Bun 
desgebiet in dem Jahrfünft 1949—1953 ge 
ringer waren, als in irgend einem früheren 
Jahrfünft, seidem wir über eine amtliche 
Streikstatistik verfügen (1899).“ 
Trotzdem der Vorwurf des Machtstrebens. 
In den Vereinigten Staaten sind 1952 nach 
einer Veröffentlichung des Internationalen 
Arbeitsamtes 59 Millionen Arbeitstage ver 
loren gegangen. Wenn- der Streik einen „Riick- 
Mit Erschütterung teilen wir unseren 
Mitgliedern mit, daß im vorigen Monat 
der langjährige Redakteur der „Arbeit" 
Conrad Schüler 
nach langer schwerer Krankheit ver 
schieden ist. Der Verstorbene war fast 
3V£ Jahrzehnte, vornehmlich an saar 
ländischen Zeitungen, tätig und erfreute 
sich in Kollegenkreisen wegen seines 
untadeligen Charakters höchster Ach 
tung. 
Schüler hatte seine journalistische 
Tätigkeit im Jahre 1920 beim „Trier- 
ischen Volksfreund" aufgenommen. Eis 
zum Ende des Jahres 1953 war er 
Schriftleiter unserer Zeitung „Die Ar 
beit“. Auch wir haben Kollegen Schiller 
wegen seiner menschlich wertvollen Ge 
sinnung schätzen gelernt und werden 
ihn in bestem Andenken behalten. 
Seiner Gattin und seinen beiden Kin 
dern gilt unser tiefempfundenes Beileid. 
Saarbrücken, im September 1954 
gez. Richard Rauch. 
fall in die Methoden des Klassehkampfis 
bedeutet, wie heute von gewisser Seite gesag 
wird, dann eben wird der Klassenkampf ai 
ausgeprägtesten in den Vereinigten Staate 
geführt. Der mit den Verhältnissen in Arne 
rika aufs genaueste vertraute Nationalökonou 
Professor Dr. Eduard Heimann sagt in seinen 
jüngst veröffentlichten Buch „Wirtschaftssy 
steme und Gesellschaftssysteme“: 
„Vor 50 Jahren wurde der Massenstreik a! 
die schrecklichste Waffe des revolutionären 
Klassenkampfes unter den Theoretikern da 
Revolution eifrig diskutiert; heute ril ei 
sozusagen das normale Drohmittcl in da 
Hand der konservativsten der großen Ar 
beitergewerkschaften, der amerikanischen 
Arbeitsföderation “ 
Die deutschen Gewerkschaften führen 
Streiks nicht um der Streiks willen. Sie be 
trachten sie vielmehr als das letzte Mittel in 
den sozialen Auseinandersetzungen. Jedem der 
in den letzten Wochen ausgebrochenen Ar 
beitskämpfe sind langwierige, ergebnislose 
Verhandlungen vorausgegangen. Durch die 
Haltung der Arbeitnehmer wurden schiießlidi 
Zugeständnisse erzwungen, die vorher ni^f 
zu erzielen waren Spricht diese Tatsache cJ 
für, daß Streiks überholt und unzeitgemäß 
sind? 
Nun behauptet man, daß mit den Arbeils- 
kämpfen Zugeständnisse erzwungen worden 
sind, die die Gesamtwirtschaft schädigen. Ein 
Wirtschaftsblatt sagte unlängst sogar, die Fol 
gen der Streiks müßten von der gesamten 
Bevölkerung getragen werden. Wann jemals 
in den vergangenen Jahren ist in gleicher 
Weise argumentiert worden, wenn die Ge 
samtbevölkerung die Lasten hoher Preisstei 
gerungen zu tragen hatte? 
Nach dem Statistischen Bundesamt stiegen 
die Lebenshaltungskosten (1938 = 100) von 
156 im Jahresdurchschnitt 1950 bis zum Januar 
1952, also innerhalb eines Jahres, auf 175, 
oder um nicht weniger denn 12,2%. Über 
die hohen Preise wurden auf Kosten der Ver 
braucher die Investitionen finanziert. Wie die 
„Gegenwart“ am 28. August 1954 ft-ststelUe, 
haben die Investitionen heute „ein geradezu 
beängstigendes Ausmaß“. Das Blatt erldä!j|j|| 
„Vor dem 1. Weltkrieg rechnete man um 
einem Invesvitionsbedarf von etwa 5% des 
Volkseinkommens. Nach dem 1. Weltkrieg 
bis zum 2. Weltkrieg stieg die Investitions 
rate auf lOVo des Volkseinkommens. Heute 
beanspruchen die Investition etwa 20°.j; 
netto. Die Brutto-Investitionen betrugen 
1953 rund 32 Milliarden DM bei einem 
Volkseinkommen von 103 und einem Brutto- 
Sozial-Produkt von 133 Milliarden DM. So 
unklar und schwierig wie die Unterschei 
dung zwischen Erneuerung und Erweite 
rung ist, so umstritten ist auch das vom 
Steuergesetzgeber zugelassene Maß steuer 
freier Abschreibung. Es wird auf anderen! 
von der Steuergesetzgebung geschaffenen! 
und zugelassenen Wegen für interne Finan-j 
zierung gesorgt “ 
Schon ist in seriösen ausländischen Zeitun 
gen, bei denen gewiß keine Konkurrenz- 
Komplexe gegen Westdeutschland bestehen, 
von „einer ausgesprochenen Uberinve 
stition“ die Rede. So schrieb am 20. Au 
gust 1954 die' „Basler NationaJ-Zeitung“ 
ihrem Wirtschaftsteil unter der bezeichnen-
	        

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