Full text: 8.1954 (0009)

Jiitgliedex spcecAetu 
Arbeitnehmer! Es geht um Deine Zukunft! 
Unter der Rubrik „Mitglieder sprechen“ 
haben wir in der letzten Nummer der Arbeit 
einen Beitrag aus dem Kreise unserer Mitglie 
der gebradit „Arbeitnehmer es geht um Deine 
Zukunft“. Wir freuen uns, daß unser Appell 
an unsere Mitglieder, zu dieser Diskussion 
beizutragen nidit vergeblidi geblieben ist und 
Irringen zwei Stellungnahmen von Mitglie 
dern, zu der angesdinittenen Frage. Die Kol 
legen weisen mit Recht darauf hin, daß sidi 
der Arbeiter in viel stärkerem Maße als bis 
her seines Wertes bewußt werden muß und 
daß er durdiaus keine V eranlassung hat, sich 
mit Minderwertigkeitskomplexen zu plagen. 
Sie stellen fest, daß nur die Zusammenarbeit 
Aller die Werte sdiafft, sie zeigen aber auch 
Tn der letzten Nummer der „Arbeit“ er- 
sdiien unter dieser Übersdirift ein Beitrag 
eines Kollegen aus der Metallindustrie. Ich 
habe mich gefreut, daß dieser Kollege einmal 
seinem Herzen Luft gemadrt und damit, 
hoffentlidi, eine rege Diskussion ausgelöst hat. 
Audi ich mödite zu den aufgeworfenen Fra 
gen Stellung nehmen. Die aufgestellten 5 
Punkte kann ich nur voll und ganz billigen. 
Idi allerdings mödite nicht von materiellen 
Forderungen sprechen, sondern einen anderen, 
vielleicht ebenso widitigen Punkt behandeln. 
Neben den Forderungen der Arbeiterschaft 
nach anständigen Lebensverhältnissen, sei es 
in Lohn, Wohnung usw., kommt nodi die For 
derung nadi anständiger, mensdienwürdiger 
Behandlung in den Betrieben. Das Verhältnis 
zu den Vorgesetzten soll nicht sein wie Herr 
zum Knedit, sondern wie es unter freien 
Menschen, die auf gegenseitige Mitarbeit und 
Unterstützung angewiesen sind, üblidi ist 
Dazu ist es unerläßlich, das Selbstbewußtsein 
der Arbeitersdraft zu heben und die vorhan 
denen Minderwertigkeitskomplexe den „Stu 
dierten“ gegenüber zu beseitigen. Den 
schaffenden Menschen muß klar gemacht 
werden, daß gerade sie es sind, die im Verein 
mit der technischen Intelligenz die Werte 
schaffen, daß sie es sind, die aus dem Erz 
klumpen in opferbereitem Schaffen und Wir 
ken unseren wertvollen, vielbegehrten Edel 
stahl gewinnen. Es ist doch der Arbeiter, der 
aus dem Klumpen Ton, nach vielen Arbeits 
gängen, unsere Qualitäts-Bodenplatten, Wand 
platten, Spülsteine, Rohre u. a. m. herstellt 
Es ist wiederum der Arbeiter, der, wie kein 
anderer, seine Manneskraft, Gesundheit, ja 
sein Leben einsetzt in dem großen Ringen 
um Existenz, um einen festen Platz auf dem 
Weltwirtschaftsmarkt. Auf Grund seiner heu 
tigen Leistungen hat es kein Arbeiter mehr 
notwendig, vor der sog. „Gesellschaft" zu 
rückzutreten. Nein, er gehört in die vorderste 
Reihe. Wir, die Masse des Volkes, sind ein 
starker Faktor, mit dem gerechnet -werden 
muß, ja auch gerechnet wird, aber leider mit 
falschen Werten, nur mit den Werten, die 
wir uns selbst beigemessen haben. Seien wir 
einmal ehrlich, kennen wir Arbeiter unseren 
Wert? Sind wir unserer Kraft bewußt? Ich 
sage nein. Denn wäre dies der Fall, so stün 
den wir heute anders da, dann wäre auch 
ein solches Betriebsverfassungsgesetz, das 
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auf, und so glauben wir sie verstehen zu 
dürfen, daß aus dem Bewußtsein des notwen 
digen Zusammenwirkens Aller auch ein Soli 
daritätsgefühl Aller erwachsen muß, das es 
von vorneherein ausschließt, daß Einzelne 
aus eigensüchtigen Erwägungen versuchen, aus 
den Verpflichtungen, die ihnen die allgemei 
nen Interessen auferlegen auszuscheren. Wir 
hoffen, daß die Zuschriften unserer Kollegen 
nicht die letzten Beiträge unserer Mitglieder 
darstellen, und wir würden uns freuen, wenn 
sie sich laufend mit ihren Sorgen und Nöten 
und mit positiven Betrachtungen zu Wort 
melden würden. 
Red. 
man gewagt hat, uns aufzudiktieren, unmög 
lich. 
Die Vertreter des Kapitals jedoch kennen 
diesen Wert, sie wissen, was eine wohlorgani 
sierte Arbeitermasse vermag, und ist deshalb 
eifrigst bemüht, alle Einigkeitsbestrebungen 
unserer Seite zu zerschlagen. Dies geschieht 
teils mit roher Gewalt, diplomatischer Finesse 
oder materiellen Zuwendungen an einzelne, 
die dann das Ihrige tun. Leider ist der Ar 
beiter, bedingt durch seine schlechte wirt 
schaftliche Lage, zu leicht geneigt, auf diese 
schmutzigste Art unsere Einigkeit zu unter 
graben, einzugehen. Hand aufs Herz, wer 
hat nicht schon bei innerbetrieblichen Lohn 
forderungen erlebt, daß einzelnen eine ganz 
minimale Erhöhung gewährt wurde und diese 
verrieten ihre übrigen Kollegen, indem sie 
sich außerhalb des Lohnkampfes stellten. 
Die in diesem Artikel aufgeworfenen Fragen 
sprechen den Arbeitnehmer so unmittelbar an, 
daß sie jeder nur bejahen kann, d. h. aber 
auch zugleich, sich damit beschäftigen und 
die notwendigen Schlüsse daraus zu ziehen. 
Aber so wie die Dinge heute liegen, wird 
auch dieser Appell gerade dort ungehört ver 
hallen, wo er dringend vernommen und darum 
auch aufrütteln sollte. 
Nicht nur der liebe Arbeitskollege aus der 
Metallindustrie bedauert die grenzenlose Des 
interessiertheit der Masse der Schaffenden, 
Kann ich nun einfach sagen: „Die Gewerk 
schaft trägt die Schuld an all diesen Zustän 
den?“ Nein! Wer ist denn die Gewerkschaft? 
Doch wir, Du, ich und all die anderen Kol 
legen. Wir wählen doch die Vorstände und 
Betriebsräte. Sollte dieser oder jener Kollege 
seinen Pflichten als Gewerkschafter nicht nadi- 
kommen. so haben wir die Möglichkeit, ihm 
nach „demokratischen Spielregeln“ den Lauf 
paß zu geben. Da ist es ganz falsch, resig 
niert abzuwinken und zu sagen: „Es ist 
doch alles Schwindel und wir können nichts 
daran ändern.“ 
Nein, kommt in die Versammlungen, bringt 
eure Beschwerden vor, macht eure Vorschläge 
und ihr werdet sehen, daß Abänderung ge 
schaffen wird. 
Vor allem Kollegen bedenkt, daß ihr bald 
eure neuen Betriebsräte wählen müßt. Über 
legt es euch gut, wem ihr euer Vertrauen 
schenkt, wer euch für 3 Jahre vertreten soll. 
Glaubt nidit, daß ihr verpflichtet seid, die 
alten Betriebsräte wieder zu wählen, weil sie 
„eingearbeitet“ sind oder wegen wer weiß 
was. Vor allem sorgt dafür, daß junge, fort- 
sdiriltlidie Kräfte in die Betriebsräte gewählt 
werden 
Macht Schluß mit den ewigen, verfilzten 
Konsortien, die sidi schon als Betriebsange 
stellte betrachten und auch so handeln. 
Ein Betriebsratsmitglied untersdieidet sich 
von den übrigen Kollegen nur durch mehr 
Pflichten, nidit mehr Rechte. 
So wollen wir den Kampf aufnehmen um 
eine wahre Mitbestimmung, persünlidie Frei 
heit und Anerkennung. Es wird nidit leidit 
sein, dies den Vertretern des Kapitals abzu 
ringen. 
So möchte auch ich euch ein Wort Goethe» 
zurufen: 
„Nur der verdient sich Freiheit wie das 
Leben, wer täglich sie erobern muß.“ 
G. M. 
sondern sie dürfte jeden überzeugten und 
darum auch kämpfenden Gewerkschafter mehr 
als traurig stimmen, wenn man bedenkt, mit 
weither Begeisterung sie sich anderen Dingen 
hingibt. 
Gerade jetzt, wo sidi unsere Kameraden in 
der Bundesrepublik in einem aufopferungsvol 
len Kampf um bessere Lebensbedingungen 
befinden, ergeht man sidi nach wie vor in 
nidit endenwollenden nichtigen Redensarten 
über Sport, Toto und sonstige Vergnügungen. 
Damit will idi aber keineswegs sagen, daß ich 
diese, für die Jugend ebenfalls zum Leben 
gehörenden Betätigungen verneine, beileibe 
nicht; aber wäre es nicht besser, zunädist mehr 
Wert darauf zu legen, gesündere Voraus 
setzungen zu sdiaffen, um sich dann diesen 
angenehmeren Dingen umso besser widmen 
zu können. Wie oft müssen wir Eltern unseren 
Mädels oder Jungens einen Wunsch in dieser 
Richtung versagen, weil es an dem nötigen 
Kleingeld fehlt, ganz zu sdiweigen von den 
eigenen Bedürfnissen kultureller Art, die wir 
ganz selten einmal befriedigen können. Und 
so wie sidi hier ein immerwährender Mangel 
zeigt, ist es auch auf vielen anderen Gebie 
ten des täglichen Lebens. Erwähnen wir nur 
die jetzige Krise auf dem Saar-Kohlenmarkt, 
wo bald eine Million Tonnen auf Halde liegt. 
Es wäre bestimmt interessant einmal festzu- 
Mehr Selbstbewusstsein 
Für Freiheit und Recht
	        

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