Full text: 7.1952 (0007)

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Oktober 1952 
Gewerkschaften im Streit der Meinungen 
In der letzten Zeit ist vieles über die 
Gewerkschaften geschrieben und gesagt 
worden. Manches davon ist verzerrt und 
aus einem falschen Blickwinkel gesehen. 
Deshalb dürften die nachstehenden im Aus 
zug wiedergegebenen Ausführungen Föchers, 
des aus den früheren Christi. Gewerkschaf 
ten gekommenen stellv. Vorsitzenden des 
DGB, besondere Beachtung verdienen. 
Der heutige Zustand des Kampfes gegen 
die Gewerkschaften ist für die Gewerk 
schaftsbewegung nichts Ungewohntes. 
Schon in den sechziger Jahren des vorigen 
Jahrhunderts, als die ersten Gewerkschaf 
ten zaghaft und dürftig zum Licht streb 
ten, setzte der Kampf gegen dieses Aufbe 
gehren der Arbeitnehmer gegenüber dem 
ihnen angetanen Unrecht ein. Schon da 
mals hat man mit den gleichen Vorwürfen 
gegen die Gewerkschaften operiert, denen 
wir auch heute wieder begegnen. Man hat 
die Gewerkschaftsbewegung als das Werk 
leidenschaftlich aufbegehrender, revolutio 
närer, ewig unzufriedener Elemente be 
zeichnet. Man hat den Gewerkschaften 
vorgeworfen, eine zersetzende Kraft im 
Volk und in der Wirtschaft zu sein. Es 
gab eigentlich keine dunkle Seite im Leben 
der menschlichen Gemeinschaft, für die 
man die Gewerkschaften der Vergangen 
heit nicht verantwortlich gemacht hätt f \ 
Es scheint mir notwendig zu sein, gerade 
deshalb einige aufklärende Ausführungen 
gegenüber solchen Vorwürfen zu machen. 
Die Gewerkschaftsbewegung, die da 
mals als erste organisierte Selbsthilfe 
der Arbeitnehmer ins Leben trat, war die 
notwendige Reaktion gegen jenen mammo- 
nistischen Geist der Wirtschaft, von dem 
der große soziale Bischof von Ketteier 
einmal sagte, daß er rücksichtslos hinweg- 
ginge über Familienglück, über Menschen 
würde und alle Persönlichkeitswerte. Es 
ist an sich erklärlich, daß der Aufbruch 
des Wid..Standes gegen diese verhängnis 
volle Entartung des Gesellschaftslebens in 
den dadurch bedrohten Schichten nicht 
freudig begrüßt wurde. Dieser alte Kampf 
— der 1933 einen vorläufigen Abschluß 
fand, als das stets erstrebte Ziel reaktio 
närer Kräfte, nämlich die Vernichtung der 
deutschen Gewerkschaften, gelungen war 
— ist heute wieder aufgelebt, teils im al 
ten Gewände, teils in neuen Formulierun 
gen und mit neuen, zeitgemäßen Absich 
ten. die auf die Aufspaltung und Zerstö 
rung der heutigen gewerkschaftlichen Ein 
heit abzielen. 
Die falsche Betrachtungsweise 
Wir haben ein Uebersehen der zwangs 
läufigen Wechselbeziehungen zwischen Ur 
sache und Wirkung festzustellen. Die so 
ziale Unruhe mit all ihren Auswirkungen 
ist, ob man das will oder nicht, ein Zeichen 
dafür, daß etwas nicht stimmt im gesell 
schaftlichen oder staatlichen Körper. 
Einige Beispiele aus der Vergangenheit: 
Ohne die antike Sklaverei hätte es nie ei 
nen Spartakusaufstand gegeben; ohne die 
Unterdrückung der Bauern im Mittelalter 
hätte es keine Bauernkriege gegeben: ohne 
die Zügellosigkeit des absoluten Königtums 
und der Aristokratie wäre vielleicht ein 
Cromwell ebenso undenkbar gewesen wie 
die französische Revolution. Ohne die Ver 
brechen in der zaristischen Herrschaft hät 
ten wir kein bolschewistisches Rußland. 
Vielleicht hätten wir ohne das Versagen 
der Weimarer Republik auch keinen Hit 
lerismus kennengelernt. Und ohne die 
Ausartungen des kapitalistischen und 
mammonistischcn Geistes in der Wirt 
schaft wäre bestimmt nicht jener Klassen- 
haß und Klassenkampf denkbar gewesen, 
der so zersetzend in unser ganzes Volks 
leben hineinwirkte, und der heute noch 
nicht völlig überwunden ist. 
Das sind unbestreitbare Wechselbezie 
hungen zwischen Ursache und Wirkung. 
Aber man wagt es einfach nicht, den Ur 
sachen nachzuspüren und Ursachen kri 
tisch zu beleuchten, weil den Nutznießern 
der schlechten Ordnung gerade der unge 
ordnete Zustand genehm ist. Die Herren- 
schichten der Antike waren für die Sklave 
rei, weil sie für sie vorteilhaft war. Die 
absoluten Herrscher und ihre Günstlinge 
waren für eine Ordnung, die ihnen Prunk, 
Wohlleben und Macht gab, auch wenn das 
»Volk hungerte und darbte. Und der kapi 
talistische Geist — heute wie je — ist 
für eine Ordnung, die ihm die Herrschaft 
über die Wirtschaft und ihre Menschen 
gibt. Aber neben der materialistischen und 
mammonistischen Welt muß eine anderp 
stehen und eine andere bereit sein, der 
Wahrheit und der Gerechtigkeit zu die 
nen. Mir scheint, wenn ich Bezug nehme 
auf die soziale Atmosphäre, daß sich hiep 
in ihrer Arbeit bei aller Form Verschieden 
heit ln Methode und Art Kirchen und Ge 
werkschaften auf einer Linie und einem 
Ziel treffen und treffen müssen. 
Dann befaßt sich Föcher mit dem unzuläng 
lichen Betriebsrätegesetz in der Bundesrepublik 
und schreibt: Ein in sich unzulängliche« Be 
triebsverfassungsgesetz wird nicht deshalb gut 
und einwandfrei, weil ea von einer bestimmtem 
politischen Koalition geschaffen und sogar von 
einzelnen Persönlichkeiten kirchlicher Vereine 
geradezu leidenschaftlich verteidigt wird. Ich 
halte das letztere sogar für sehr bedenklich. Di« 
Kirchen sind universale Institutionen und Ge 
meinschaften und diese Universalität muß blei 
ben. Auch kirchliche Vereine haben nicht das 
Recht, die Kirche in den Tageskampf der poli 
tischen Interessenkämpfe hineinzuziehen. Offen 
bar haben das einige führende Parlamentarier 
kirchlicher Vereine nicht genügend überlegt. 
Ich weiß, daß solche Hinweise nicht immer 
angenehm klingen, weil sie der Wahrheit ent 
sprechen, doch es muß Personen und Kräfte 
geben, die die Wahrheit tragen und wirklich'» 
Ordnung und wahres Recht in dieser Welt ver 
künden und vertreten. Auch hier sehe ich wie 
der eine Aufgabe der Kirchen und der Gewerk 
schaften. Der Kirchen, die dem gottgegebenen 
Gesetz des Menschbruderseins zu dienen haben; 
der Gewerkschaften, die den von Unrecht be 
troffenen und bedrückten Schichten Hilfe und 
Schutz zu geben verpflichtet sind. Beide, weil 
sie im Grunde mit den ihnen wesensgemäßen 
Mitteln gegen eine im tiefsten Sinne unohrist- 
liche Entartung des Gemeinschaftslebens durch 
Habgier und Herrschsucht kämpfen müssen. 
Es gibt noch eine andere Methode der öffent 
lichen Bekämpfung der Gewerkschaften: jene 
nämlich, die aus Unkenntnis, zumeist aber ans 
zweckbestimmter Frivolität das Gesetz der 
Wahrheit und der Wahrhaftigkeit außer acht 
läßt. Wenn wir die Absicht hatten, eine Kor 
rekturabteilung zur Richtigstellung aller Ver 
unglimpfungen der "Gewerkschaften zu errich 
ten, ginge die Arbeitsfülle dieser .Abteilung weit 
über den Rahmen des möglichen hinaus. Dabei 
ist dieser Kampf gegen die Gewerkschaften un 
glaublich töricht, weil er im großen und ganzen 
aussichtslos ist. Auch hier will ich wieder auf 
die besonderen Beziehungen zwischen Ursache 
und Wirkung hinweben. Solange soziales Un 
recht bleibt, sind das Aufbegehren der unter 
drückten Schichten gegen dieses Unrecht und 
das Ringen um eine bessere Ordnung die unaus 
bleibliche Folge. Das war die Ursache der Ge 
werkschaftsbewegung, und das ist auch die heu 
tige Garantie ihrer Unerschütterliohkeit. 
Der Kampf gegen die Gewerkschaften ist ver 
werflich, wenn er mit den Mitteln der Lüge 
und Verleumdung geführt wird. Ich weiß, daß 
dieser Kampf betrieben wird aus der bestimmten 
Absicht, Verwirrung in den Reihen der Arbeit 
nehmer und insbesondere in den christlichen. 
Teil der gi- . .. :.i Mitgliedschaft hin 
einzutragen. Man weiß beim Gegner, daß man 
mit den alten Methoden nicht mehr auskommt 
und glaubt nun heute in der besonderen Zusam 
mensetzung der einheitlichen deutschen Gewerk 
schaftsbewegung eine Handhabe gefunden zu 
haben, um die Gewerkschaften wieder auseinan 
derzu treiben. 
Es gibt sogar Parteien — ei® gehören zu je 
nem Gedankenkreis, den Bbchof Ketteier ein 
mal brandmarkte — die neuerdings die Absicht 
bekunden, christliche Gewerkschaften, oder wie 
man sagt, christlich-nationale Gewerkschaften 
zu gründen. Und es gibt Organe der Wirtschaft, 
die sich nicht entblöden, entstellte Aeußerungen 
der Päpste und der Kirche diesem Zweck dienst 
bar zu machen, obgleich diese Kreise in größ 
tem Umfange wirklich nichts von Christentum 
und Kirche wissen wollen. Diese Methode ist 
beherrscht von der Absicht, dl* Gewerkschaften 
zu spalten, um nach dem alten Grundsatz „teile 
und herrsche“ der Arbeitnehmerschaft jeden 
sozialen Fortschritt zu verbauen oder etwaige 
soziale Reformen nur von der Gnade der Wirt 
schaft abhängig zu machen. Es ist traurig, daß 
dies einige kirchliche Vereine offenbar nicht 
erkennen und, vielleicht ungewollt, den Geg 
nern jedes sozialen Fortschritts immer wieder 
Auftrieb geben. 
Dieser Kampf gegen die Gewerkschaften wäre 
verhängnisvoll, wenn er Erfolg hätte. Eis wäre 
gleich verhängnisvoll für den Staat und das ge 
samte Volksleben. Die Gewerkschaften sind nun 
einmal eine sammelnde und ordnende Kraft, die 
als Element ruhiger Stetigkeit und Entwicklung 
von größter Bedeutung ist. Soziale Unruhen 
ohne das Regulativ und die Ordnung der Ge» 
werkschaften würden zu tausendfältigen unge 
regelten Ausbrüchen verwüstender Leidenschaft 
werden. 
Die große Wandlung 
Der Kampf gegen die Gewerkschaften hat erst 
im Laufe der Zeit die heutige Schärfe erreicht. 
Es hat eine Periode nach dem furchtbaren Zu 
sammenbruch gegeben, da waren die Gewerk 
schaften persona grata. Sie wurden von allen 
Seiten gelobt und anerkannt. Wie ist diese 
große Wandlung zu erklären? Haben sich das 
Gesicht oder die Arbeitsweise der Gewerkschaf 
ten. so. verändert, daß eine derartige unter 
schiedliche Beurteilung gerechtfertig wäre? 
In dem Artikel wird dann die Entwicklung 
seit 1945 geschildert, die sich ähnlich wie bei 
uns an der Saar vollzog: Die Bedeutung der 
Gewerkschaft beim Wiederaufbau, ihre maß 
gebliche Einwirkung auf den Gemeinschafts 
geist, der gewerkschaftliche Faktor bei Bekämp 
fung der Wohnungsnot und der Hungersnot. 
Daneben waren die Gewerkschaften zwangs 
läufig in das wirtschaftliche Geschehen einge 
schaltet. Ihre Bemühungen um die Wiederer 
richtung der zusammengeschlagenen und desor 
ganisierten Wirtschaft sind nicht zu leugnen. 
Ihr Kampf gegen die Demontage und um die 
Wiederinbe trieb nähme stillgelegtcr Betriebe, 
um die Befreiung der Wirtschaft von den Ord- 
nungsfesscln der Sieger, ihre Arbeit um die Be 
seitigung der gewaltigen Kriegsschäden sind die 
bedeutungsvollsten Vorgänge in dieser Epoche 
der Verwirrung und Skrupellosigkeit und ein 
beispielloser Beweis für den Geist der Verant 
wortung und Hingabe der Arbeitnehmer und 
ihrer Gewi T..cliaiten. 
Aus den Erfahrungen der Vergangenheit stell 
ten wir fest, daß für uns als Gewerkschaften 
eine formale Demokratie, nicht genügt. Wir 
wollten eine Demokratie, die in ihrer ganzen 
Arbeit auch dem Sinn des demokratischen Le 
bens, des gleichen Rechts entspricht. Eine De 
mokratie, die in Gesetzgebung und Verwaltung 
bestimmte Schichten bevorrechtet und andere 
Schichten benachteiligt, entspricht nicht dem 
Bild demokratischen Lebens, das ans als Ge 
werkschaften vorgeschwebt hat. 
Die gesellschaftliche Ordnung 
Es sind hervorragende Persönlichkeiten des 
wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens 
neben den Gewerkschaften gewesen, die auf die 
Verzerrung des alten gesellschaftlichen Ord- 
nungsbildes hingewiesen haben. Der Geist der 
Verachtung der Arbeit ißt bis in die Gegenwart 
noch nicht überwunden. Man nimmt zwar gern 
die Ergebnisse der Arbeit für «ich in Anspruch. 
Man sperrt sich andererseits aber dagegen, wenn 
dann Teile dieses Ergebnisses auch den Men 
schen der Arbeit ehrlich zugute kommen sollen. 
Die Ehrfurcht vor Besitz und Aeußerlichkeiten 
muß fallen und die echte Leistung für die Ge 
sellschaft auch dann anerkannt werden, wenn 
sie in schlichtem Gewände des Arbeiters vor 
uns steht. Der Arbeitnehmer darf nicht mehr 
das Aschenbrödel im Gesellscbaftsleben sein, wie 
er es in der Vergangenheit leider war. 
Das wirtschaftliche Ordnungsbild 
Wir haben sodann eine andere Ordnung des 
wirtschaftspolitischen Lebens verlangt. Man 
kann noch so viele Kapitalien Zusammentragen, 
sie werden ohne Leben sein, wenn sie nicht er 
weckt und umgewandelt werden ln einen leben 
digen Segensstrom von Produktivgütern zur Be 
friedigung der Bedürfnisse der Menschheit durch 
die unermüdliche und hingebende Arbeit der 
Arbeitnehmer. Erst dann, wenn diese beiden 
tragenden Faktoren, Kapital und Arbeit, mit 
einander in Beziehung treten, kann das er 
wachsen, was wir Wirtschaft nennen. Und 
wenn es wahr ist, daß jeder dieser beiden Fak 
toren gleichbedeutend in der Wirtschaft und für 
die Wirtschaft ist, dann ist es ebenso wahr, 
daß wir heute im wirtschaftlichen Leben auch 
das gleiche Recht haben müssen. Wir haben 
diesen Standpunkt von Anbeginn und in unwan 
delbarer Treue mit aller Leidenschaft und mit 
aller Eindringlichkeit bis auf den heutigen Tag 
vertreten. 
Aber in der Uebergangszeit hatten wir noch 
keine Möglichkeit zur Verwirklichung 
unserer wirtschaftspolitischen Konzeption. Un- 
eere erste zeitbedingte Aufgabe war, Ordnung 
in die LohnverhBltnisse hineinzubringen. Die 
Tarifgebäude waren zusammengebrochen. Man 
verwies ehrliche Arbeit auf den Schwarzmarkt. 
AI« wir mit dieser Arbeit um die Reform der 
Lohn Verhältnisse begannen, erhoben «ich schon 
Stimmen der Kritik. Eis wurde darauf hinge- 
wiesen, daß unser Tun im Hinblick auf eine 
stabile wirtschaftliche Entwicklung verantwor- 
Bewegungsfreiheit für Berg- imd 
Hüttenarbeiter und unsere Forderung 
Dringende Aenderung des Arbeitsschutzgesetzes 
notwendig 
Vizepräsident Dr. Etzel in der Schumanplart- 
behörde hat just erklärt, daß in einem halben 
Jahr die Zölle für Kohle und Stahl fortfallen 
werden und daß es für die Bergarbeiter und 
Hüttenarbeiter der Schumanplanländer kein? 
Einschränkungen mehr bei der Wahl der Ar 
beitsstätte geben werde. 
Soweit hat unsere Regierung nicht gedacht, 
als sie noch vor einem halben Jahr ein Arbcits- 
schutzgesetz erließ, das an Einschränkungen 
alles bisher dageweseoe übertrifft. Da wimmelt 
es nur so von Beschränkungen, Genehmigungen, 
Erlaubnissen, Gebühren und so fort, selbst fiir 
diejenigen, die schon vor und während des Krie 
ges mit und ohne ihren Willen in das Saarland 
gekommen sind. Wir kennen als Gewerkschaft 
durch die vielen Fälle, die an uns herangetra 
gen wurden, die Sorgen dieser „Ausländer“. 
Wir müssen deshalb fordern, daß auch die im 
Saarland seßhaft gewordenen Menschen, die un 
sere Sprache reden, nach dem Beispiel der Schu- 
manplanbchörde bald „freigesprochcn“ werden 
und das Arheitschutzgesetz dahingehend geän 
dert wird. Wir haben nichts gegen eine Geneh 
migung für den Zuzug. Wenn sie aber gegeben 
ist, dann muß der Mensch frei arbeiten kön 
nen. Auch das gehört zum Wachsen und Ge 
deihen eines echten vereinten Europas. 
tungslos sei. Diese Kritik steigerte sich immer 
mehr, als dem deutschen Staat wieder in stär 
kerem Maße Selhstgestaltungsmöglichkeiten auf 
politischem Gebiet zugesprocher^ wurden und 
damit die Gewerkschaften die Möglichkeit er 
hielten, ihre Vorschläge zur Ordnung des Wirt 
schaftslebens im betrieblichen und überbetrieb 
lichen Raum an die Parteien und an das Parla 
ment heranzutragen. Die Sympathie für dio 
Gewerkschaften sank in dem Augenblick um 
ein weiteres. 
Im Jahr 1947 hatten die Alliierten mit 
der sogenannten Entflechtung der Konzerne 
begonnen. Die Konzerne wurden wieder in 
selbständige Betriebe zerlegt. 
Es folgen Einzelheiten über die im Jahre 1947 
begonnene Entflechtung der Industrie und die 
damit zusammenhängenden Auseinandersetzun 
gen. Dann heißt es weiter: Seitdem haben sich 
nicht die Gewerkschaften gewandelt, sondern 
die Kräfte, dje heute mit der Ordnung der Dinge 
verantwortlich betraut sind. In diesem Zusam 
menhang auch ein Wort zum Betriebsver 
fassungsgesetz. Es ist nicht zutreffend, 
daß die Gewerkschaften aus parteipolitischen 
Gründen dieses Betriebsverfassungsgesetz ab 
lehnen. Dieses Betriebsverfassungsgesetz geht 
an wesentlichen Gesichtspunkten christlich-so 
zialen Denkens glatt vorüber. Was wir bezüg 
lich der Arbeitnehmerschaft immer und immer 
wieder als traurige Besonderheit feststellen müs 
sen, das ist die Unsicherheit, die nicht im. 
zwangsläufigen Ablauf der wirtschaftlichen 
Dinge begründet ist. Wir haben sehr oft fest 
stellen müssen, daß manche Krisen verschuldet 
gewesen sind durch Unzulänglichkeit der soge 
nannten Wirtschaftsführung oder Schlimmeres, 
durch spekulative Motive, durch die man Be 
triebe und Menschenschicksale in Gefahr ge 
bracht hat. Eis ist ein Anliegen der Kirchen, 
und es ist auch ein Anliegen — das sage ich 
als Katholik — der katholischen Soziallehre, 
diese Unsicherheit der Existenz, soweit es mög 
lich ist, zu bannen. Diese Dinge, das Recht 
auf den sicheren Arbeitsplatz, die Garantie ei 
ner stetigeren Beschäftigung sind in diesem Be 
triebsverfassungsgesetz, das im Falle einer grö 
ßeren Kündigung nur das Anhörem der Be 
triebsvertretung vorsTieht, in keiner Weise ge- 1 
nügend festgelegt. 
Daneben sind es noch andere Dinge, und zwar 
die Tatsache, daß der Kreis und die Methode 
der Einflußnahme der Betriebsvertretung auf 
wirtschaftliche Fragen in keiner Weise als ech 
tes Mitbestimmungsrecht angesehen werden 
kann. Auch bei der Zusammensetzung der Auf 
sichtsräte ist keine gerechte Regelung erfolgt. 
Man hat der Arbeitnehmerseite ein Drittel zu 
gesprochen, während man der Kapitalseite zwei 
Drittel gab. Es hätte der Wirtschaft nichts 
Nachteiliges gebracht, wenn man die Parität 
hergestellt hätte. Im Gegenteil! 
Aus dieser Rückschau ergibt sich: Der eigent 
liche und tiefste Grund dc3 Unsozialen ist nicht 
etwa die Sorge um die Wirtschaft oder wie 
sonst die vorgeschobenen Beweisgründe heißen, 
sondern nackter Egoismus, die Sorge um den 
eigenen Geldbeutel oder die Erhaltung einer 1 
unberechtigten Machtfülle. 
Ein Wort an die Arbeitnehmer insgesamti 
Wir lassen uns nicht beirren! Den christli 
chen Arbeitnehmern und auch den kirchlichen 
Stellen kann ich versichern, daß kein Anlaß zur 
Sorge um die religiösen Anliegen besteht. Die 
deutsche Gewerkschaftsbewegung ist und bleibt 
religiös tolerant. In dieser Hinsicht dürften 
auch kaum Vorwürfe zu erheben sein. 
In der gewerkschaftlichen Arbeit und in un 
serem Zielstreben ist nichts enthalten, was wir 
vor unserem Gewissen nicht zu verantworten 
vermögen. Gewerkschaftliche Arbeit dient einer 
großen sittlichen Idee, der Ehre und Würde 
und ich sage es deutlich, der gottergebenen 
Ehre und Würde der menschlichen Persönlich 
keit. Erhaltet also diese Bewegung, baut si* 
aus! 
An der Saar wurde besonders in letzter Zeit 
mit viel Mühe und Geld so manche Idee pla 
katiert und dabei versucht, diverse Ziel? der 
Oeffentlichkeit mundgerecht zu machen. Wie 
wäre cs, wenn sich solcher Art Initiative auch 
einmal einer nützlichen Idee annähme, wie sie 
hier von Schweizer Stellen praktiziert wird? 
-^8 U CHBESPRECHU NG~ 
„D er Arbeiterführer“ von Eli 
Ginzbcrg erschienen im Bund-Verlag, Köln, als 
Uebersetzung der amerikanischen Originalaus 
gabe „The Labor Leader.“ 
Das Werk befaßt sich ausführlich mit den 
Arten der Führerschaft, insbesondere mit dem 
Arbeiterführertum, sowie mit der Herkunft 
der amerikanischen Arbeiterführer. Der Leser 
erfährt ferner, wie ein Führer nach ameri-^ 
kanischen Begriffen beschaffen sein muß. Am 
Schluß der beachtenswerten Schrift heißt cs: 
„Je aktiver die Gewerkschaften am politischen 
Leben tcilnehmen, desto mehr wird ihnen die 
Oeffentlichkeit ihre Aufmerksamkeit zuwen 
den. Die Zukunft der amerikanischen Arbeiter 
bewegung — mehr noch die Zukunft Ameri 
kas selbst — wird zu einem großen Teil vom 
Erfolg der gewerkschaftlichen Bemühungen ab- 
hängen.“
	        
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