Full text: 5.1950 (0005)

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September 1950 
„DIE ARBEIT* 1 
eine kommend« Krise mit unumgänglichen 
Produktionseinschränkungen hinzuweisen. 
Um so durch psychologische Faktoren den 
Arbeitnehmern bei den kommenden Tarif 
vertrags Verhandlungen, die nach Erlaß 
&es Taxifvertragsgesetzes aut die Dauer 
nicht mehr zu umgehen waren, und die 
natürlich in Anbetracht des niedrigen 
Lohnniveaus zwangsläufig Lohn- und Ge- 
haltsforderungen bringen mußten, einen 
schlechten Start zu verschaffen. 
Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt 
daß die gegenüber dem letzten Quartal 
1949 zum Teil stockende bezw. auch rück 
läufige Bewegung der Umsätze und Auf« 
träge in der Saarwirtschaft zu Beginn die 
ses Jahren in keiner Wei.se den ernsthaf- 
sen Sektoren unserer Wirtschaft Engpässe 
aufgetreten sind, die jedoch zum größten 
ten Charakter trug, den man ihr beizumes- 
sen beliebte. 
Wir streiten es nicht ab, daß auf gewis- 
Teil behoben werden konnten, wir hegen 
auch keinen Zweifel, daß derartige Eng 
pässe auch weiterhin auftreten werden, 
solange nicht die oft anarchischen Zu 
stände in der internationalen Wirtschaft 
von einer sinnvollen Planung und Len 
kung abgelöst werden, doch müssen wir 
uns dagegen verwahren, daß dieselben 
Arbeitgeber, die bei jeder Gelegenheit auf 
das von ihnen angeblich allein zu tra 
gende Betriebsrisiko hin weisen, immer 
wieder versuchen, die aus wirtschaftlichen 
Schwierigkeiten resultierenden Belastun 
gen ausschließlich auf den Arbeitnehmer 
abzuwälzen. 
Kurzsichtige Arbeitgeber 
In diesem Zusammenhang kann an eini 
gen Feststellungen grundsätzlicher Natur 
nicht vorbeigegangen werden: das Unter 
nehmertum appelliert nur zu gerne an die 
Bereitwilligkeit der Arbeitnehmer, wenn es 
g ilt, Schäden der Vergangenheit zu behe- 
en oder künftigen Entwicklungen Rech 
nung zu tragen, wobei man den guten 
Glauben in die von ihm vorgetragenen Ar 
gumente ohne weiteres voraussetzt. 
Gerade bei den Polemiken um das neu 
zuschaffende Betriebsrätegesetz hat es 
»ich nur zu deutlich gezeigt, daß man 
nicht gewillt ist, der Arbeitnehmerschaft 
das Vertrauen entgegenzubringen, das 
man von ihr gegenüber dem Sozialpart 
ner erwartet. Auf der einen Seite spricht 
man ihr die Fähigkeit zur objektiven Mit 
arbeit in der Wirtschaft ab und bestreitet 
aus sehr durchsichtigen Motiven heraus 
ihr Kontroll- und Mitbestimmungsrecht, 
auf der anderen Seite soll die gleiche Ar 
beitnehmerschaft alle Behauptungen des 
Sozialpartners als bare Münze in Kauf 
nehmen und natürlich auch williges Trag 
tier für alle ihr aufgebürdeten Lasten sein. 
Der unbefangene Beobachter dieser Tat 
sache wird seine Verwunderung kaum 
verbergen können, daß trotzdem die Ar 
beitnehmerschaft immer wieder versucht, 
sich in die Lage der Gegenseite hinein 
zudenken, also den Beweis eines Verant 
wortungsgefühles erbringt, den das Unter 
nehmertum in Gestaltung des gesell 
schaftlichen Zusammenlebens nur zu häu 
fig schuldig bleibt. Mitbestimmung aut 
betrieblicher und überbetrieblicher Ebene 
und die Forderung nach Abschluß von Ta 
rifverträgen mit angemessenen Lohntan- 
fen sind nicht voneinander zu trennen, 
wenn man eine weitere Verschlechterung 
der Lage des schaffenden Menschen ver 
meiden will, die zwangsläufig ein Absin 
ken der Arbeitsmoral und eine Radikali 
sierung der Massen zur Folge haben wird. 
Man muß sich in der Tat wundern, daß 
em Großteil der Arbeitgeber den Emst 
der Lage nicht erkennt oder erkennen 
will und sich immer noch einer gesunden 
sozialen Entwicklung aus sehr kurzsich 
tigen Erwägungen entgegenzustellen ver 
sucht 
Um die Kaufkraft 
Das Feilschen um die Festsetzung des 
Existenzminimums in Frankreich mußte, 
so glauben wir, doch den Menschen ge 
radezu erschüttern, der es ernst meint mit 
der Konsolidierung der wirtschaftlichen 
Und sozialen Verhältnisse. Zwar stellen 
die inzwischen erzielten Ergebnisse, die 
sich im Saarland in einem garantierten 
Mindeststundenlohn in Lohnzone I mit 
74,10 Frs. äußern, für die schlechtest be 
zahlten Schichten der Arbeitnehmerschaft 
zweifellos eine nicht unbeachtliche Lohn 
aufbesserung dar, doch muß festgestellt 
werden, daß diese in keiner Weise eine 
allgemeine Normalisierung der Kaufkraft 
bedeutet 
Wenn die Einheitsgewerkschaft seit Be 
ginn dieses Jahres die Festlegung des 
Existenzminimums auf 18 500 Frs. fordert, 
so befindet sie sich einmal im Einklang 
mit den Gewerkschaften Frankreichs, 
dann aber kann unschwer festgestellt wer 
den, daß diese Zahl auf ernsthaften Erwä 
gungen basiert und keineswegs aus der 
Luft gegriffen ist. 
Nach den Angaben des Statistischen 
Amtes des Saarlandes lagen die Lebens 
haltungskosten der fünfköpfigen Arbeiter 
familie (Ehepaar mit drei Kindern) 1938 
bei 185 RM. Um sich die gleiche Waren 
menge kaufen zu können, müßte die glei 
che Familie 195Q ein Nettoeinkommen von 
Sund 24 700 Frs. beziehen, ©in Betrag, der 
bei Festlegung des Existenzminimums auf 
18 500 Frs. unter Berücksichtigung der Fa- 
milienunfcerstützung Ln Höhe von 6200 Frs. 
gerade im Bruttoeinkommen erreicht wer 
den würde, das heißt aber mit anderen 
Worten, daß das von den Gewerkschaf 
ten gefordert« Existenzminimum noch ca. 
1600 Frs. unter dem den Verhältnissen 
Leistungssteigerung, Preise und Löhne 
Giunds&tzliche Stellungnahme aut der Großkundgebung in Homburg 
In einer Großkundgebung der Einheits 
gewerkschaft am Freitag, dem 15. 9., im 
Saalbau in Homburg wurde die breit« 
Oeffentlichkeit über den Standpunkt deT 
Gewerkschaft und die notwendigen Maß 
nahmen in der augenblicklichen ernsten 
Situation unterrichtet. Noch nie hörte man 
so oft wie heute aus den Kreisen der 
Schaffenden und der inaktiv gewordenen 
Arbeitnehmer, der Rentner, so heftige Vor 
würfe gegen die zuständigen Stellen, be 
sonders gegen die Arbeitgeber, wie m 
der letzten Zeit. Man fragt sich, wie di© 
besitzende Schicht es fertig bringt, sich so 
gleichgültig gegenüber den Lohnforderun 
gen zu verhalten und wie die Unternehmer 
dazu kommen, aus dem Mehrwert den 
Schaffenden die gerechten Löhne und Ge 
hälter vorzuenthalten. 
In eindringlicher Weise führte Kollege 
Wacker den Anwesenden das Gesamt 
bild vor Augen. Die vielsagenden Darle 
gungen gipfelten in der Feststellung, daß 
die Regierung und alle Knete© zwar di© 
großen Wiederaufbauleistungwn und di© 
rettende Tat der Arbeitnehmerschaft an 
„Die am 15. September 1950 im Saalbau 
zu Homburg versammelten Mitglieder der 
Einheitsgewerkschaft des Kreises Hom 
burg stellen fest, daß durch, die völlig 
ungerechtfertigten Preissteigerungen der 
Güter des notwendigsten Lebensbedarfes 
die Lage der Arbeitnehmerschaft sich in 
den letzten Wochen in nicht mehr erträg 
lichem Ausmaße verschlechtert hat 
Die Versammelten erklären mit aller Ent 
schiedenheit, daß sie nicht länger gewillt 
sind, einer Entwicklung tatenlos zuzuse 
hen, die letzten Endes zu einer Verelen 
dung der breiten Massen führen muß. Die 
se Entwicklung kann um so weniger hin- 
genommen werden, als die Saarwirtschaft 
seit dem wirtschaftlichen Anschluß dank 
der unentwegten Bemühungen des schaf 
fenden Menschen an der Saar, der untetr 
schwierigsten Lebensbedingungen nach 
der Katastrophe des 2. Weltkrieges den 
Wiederaufbau seiner Arbeitsstätte in An 
griff nahm, einen vorher nie geahnten Auf 
schwung nahm, der eine entschiedene 
Besserung der sozialen Lage gestalt»! 
hätte. 
Demgegenüber stellen die Teilnehmer an 
der Kundgebung fest, daß trotz der aner 
kennenswerten Bemühungen der Einheits 
gewerkschaft und ihrer Industrie verband« 
die Löhne und Gehälter kaufkraftmäßig 
noch um 25 bis 3ö o/ 0 hinter dem Stande 
der Vorkriegszeit zurückgeblieben sind 
und entnehmen daraus den Willen de« lin 
der Saar anerkennen, daß aber weder aus 
dieser Erkenntnis noch aus der der Preis 
steigerungen die notwendigsten Konse 
quenzen bisher gezogen wurden, nämlich 
Lohnangleichung bezw. Preisstop und Ver 
ständnis für die gewerkschaftlichen For 
derungen auf verantwortliche Mitbestim 
mung. 
Die Preissteigerungen seien längst ein 
getreten, bevor von Lohnerhöhungen ge 
sprochen worden sei. Man könne daher 
heute nicht einfach von der sogenannten 
ewigen Lohn- und Preisschraube reden. 
Viele Geschäftsleute müßten übrigens em 
Interesse an einer guten Kaufkraft der 
Schaffenden haben, da sie ja davon pro 
fitieren wollten. Auch solle man mehr da 
ran denken, daß von einer anständigen 
Bezahlung schließlich auch die Schaffens 
freude abhängig sei. Der Sozialetat sei im 
Saarland zwar hoch, aber die Regierung 
müsse infolge der trostlosen Lage vieler 
Rentenempfänger erneut eingreifen. 
Die Forderungen, die Kollege Wacker 
erläuterte, wurden in nachstehender Ent 
schließung niedergetegt. 
ternehmertums, die Lasten für die Besei 
tigung der Kriegsschäden und für di« 
Weiterentwicklung der Saarwirtschaft al 
lein auf die Schultern der saarländischen 
Arbeitnehmerschaft abzuwälzen. Mit Ent 
rüstung konstatieren die Arbeitnehmer des 
Kreises Homburg, daß die gleichen Un 
ternehmer unter der Behauptung, das Be 
triebsrisiko allein zu. tragen, sich mit alLer 
Entschiedenheit dem Recht der Arbeitneh 
mer auf Mitbestimmung in Betrieb und 
Wirtschaft widersetzen. 
Die Versammelten begrüßen die Initia 
tive des Gewerkschaftsausschusses und 
erklären sich mit seiner Resolution vom 4. 
September 1950 solidarisch, die fordert: 
1. Festsetzung des Existenzminimums ge 
mäß unserer Forderung vom 28. Fe 
bruar 195Q auf 18 500.— Frs. 
2. Endgültige Beseitigung der bestehen 
den Lohnzoneneinteilung gemäß un 
serer wiederholt an die Regierung des 
Saarlandes und das Hohe Kommissa 
riat gerichteten Eingaben. 
3. Die von den einzelnen Industriever 
bänden der Einheitsgewerkschaft ab 
geschlossenen Lohnvereinbarungen zu 
kündigen und umgehend neue Ver 
handlungen zum Zweck der Erhöhung 
der Löhne und Gehälter aufzunehmen. 
4. Der Landesvorstand wird beauftragt, 
mit der Regierung des Saarlandes un 
verzüglich Verhandlungen cruf Zunah 
men betr. Anpassung der laufenden 
Versorgungsbezüge der Pensions- und 
Renetnempfänger, der Witwen und 
Waisen entsprechend der eingetrete 
nen Verteuerung. 
5. Bis zur Veröffentlichung einer diesbe 
züglichen Verordnung über die Erhö 
hung der Versorgungsbezüge eine Er 
höhung der Renten ab 1. August 195Q 
kung für alle Versorgungsberechtigten 
vorzunehmen. 
Die Versammlung verlangt vom Ge 
werkschaftsausschuß und Landesvorstand 
und von allen Industrieverbänden, in ih 
rem Kampfe um die Besserung der sozia 
len Lage an der Saar nicht zu erlahmen 
und erklärt ihre vorbehaltlose Bereitschaft 
sich geschlossen in verantwortungsbe 
wußtem Kampfgeiste hinter die Einheits 
gewerkschaft zu stellen zum Wöhle der 
gesamten Arbeitnehmerschaft und damit 
der gesamten Bevölkerung an der Saar." 
Kollege Rauch brachte an Hand von 
Zahlenangaben den Beweis, daß in vielen 
Fällen Lohnerhöhungen durchaus nicht 
Preissteigerungen im Gefolge haben müs 
sen. Er verwies besonders auf die enor 
men Leistungssteigerungen bei gleichge 
bliebener Belegschaft und auf die Gewinn 
spannen, die durchaus eine Verminderung 
erfahren können, auch ohne daß Inve 
stierungen usw. darunter leiden. 
Die Kundgebung hatte den aufmerksa 
men Zuhörern einen klaien Ueberblick 
über die gegenwärtige Lage verschafft, 
sie ferner auf die Fordterungen der Ge 
werkschaft aufmerksam gemacht, ihnen 
die Begründungen dar gelegt und war so 
zu einer überaus nutzbringenden Aufklä 
rung geworden, die nur von jedermann zu 
begrüßen war, angesichts des Auftakts 
zur grundsätzlichen Lohnregelung für das 
ganze Saarland. Die Funktionäre der Ge 
werkschaft, die vom Vertrauen dter Mit 
gliedschaft getragen sind und die schon 
manche Lohnbewegung aktiv und führend 
mitgemacht haben, wissen sehr wohl, was 
zu tun und zu lassen ist, um im Interesse 
der Arbeitnehmerschaft wirklich etwas 
Positives zu erreichen und diese tatkräf 
tig zu vertreten. Es gab aber auch noch 
einige andere Leute im Saale, die keine 
Verantwortung zu tragen haben und de 
nen es auf eine Störung und Hemmung 
mehr oder weniger nicht anzukommen 
scheint. Die kommunistischen Störungs 
versuche, die mehrmals einsetzten, ob 
wohl die Kundgebung offiziell geschlos 
sen war, dürften ihre Urheber zwar nicht 
befriedigt haben, aber viele Kundgebungs- 
teilnehmer haben sich gefragt, wie lange 
die Disziplin und Besonnenheit der über 
großen Mehrheit noch ausgenutzt, ja miß 
braucht vie'rd ensorT 
Resolution 
von 1938 an ge paßten Lebensbedarf liegt. 
Die Festlegung d©3 Existenzminimums auf 
monatlich rund 16 000 Frs. ln Lohnzone I 
bei 48stündiger Arbeitswoche unterschrei 
tet demgegenüber die Vergleichszahl von 
1938 um 16 o/o. 
Ganz abgesehen voin der unzulänglichen 
Hohe des neu festgelegten Existenzmini 
mums muß jedoch die Tatsache beson 
ders bedenklich stimmen, daß die Erhö 
hung ohne direkte Auswirkung auf die un 
bedingt erforderliche Hierarchie der 
Löhne und Gehälter bleibt und somit eins 
gefährliche Egalisierung dar Lohneinkom- 
man ohne Rücksicht auf die Qualifika 
tion des einzelnen bedeutet, was natur 
gemäß jedem Leistungswillen des Arbeit 
nehmers äußerst abträglich ist. 
Was ist also naheliegender, als daß die 
Einheitsgewerkschaft mit allem Nachdruck 
die sofortige Aufnahme von Tarifvertrags- 
Verhandlungen fordert, in denen endlich 
mit der altbekannten Verschleppungstak 
tik Schluß gemacht wird. Wenn wir di© 
Forderung nach einer Individuellen Lohn- 
gestaltung über Tarifverträge erheben, so 
verstehen wir darunter auf der einen Seite 
Lohntarife, die den Verhältnissen in den 
verschiedenen Sektoren der Wirtschaft an 
gepaßt sind und auf der anderen Seite 
der Leistungsfähigkeit des einzelnen weit 
gehend Rechnung tragen. 
Wir haben bereits die isolierte Festle 
gung des Existenzminimumsh einer ein 
gehenden Kritik unterzogen, möchten aber 
in diesem Zusammenhang ausdrücklich 
betonen, daß das Existenzminimum mir 
als Mindestbasis, auf der die übrigen 
Lohnkategorien aufbauen, eine wirklich 
sinnvolle Festlegung bedeuten kann. An 
ders ausgedrückt, wenn kein Hilfsarbeiter 
in der Lohnzcne 1 unter 74,IQ Frs. entlohnt 
werden darf, dann dürfte die untere Gren 
ze des Facharbeiterlohnes der ersten Stufe 
mit dem Koeffizienten 140 nicht unter 
103,74 Frs. liegen. Wie bei der Kritik zum 
Existenzminimum muß jedoch auch hier 
ausdrücklich darauf hingewiesen werden, 
daß auch eine Lohnskala, die auf dem 
heute festgelegten garantierten Mindest 
lohn aufbaut, immer noch keine Normali 
sierung der Kaufkraft bedeutet, demnach 
höchstens als erste Etappe in den kom 
menden Lohn Verhandlungen betrachtet 
werden kann, über die in den einzelnen 
Berufszweigen durch individuelle Gestal 
tung auf schnellstem Wege hinauszustre 
ben ist. Zur Wiederherstellung dar Kauf 
kraftparität mit 1938 müßte das durch 
schnittliche Monatseinkommen des saar 
ländischen Arbeiters bei 24 600 Frs. lie 
gen, das heißt also, daß der Facharbeiter 
erster Stufe, der aufbauend auf den ga 
rantierten Mindestlohn entlohnt würde, 
noCh rund 2200 Frs. unter dem Lohnniveau 
von 1938 liegen würde — und das in der 
höchstbezahlten Lohnzone I —, da ein 
Stundenlohn von 103,74 Frs. bei 48stün- 
diger Arbeitswoche einen Monatslohn von 
nur 22 400 Frs. ergibt. 
Zur Entwicklung der Preise und Löhne 
Die auf Drängen der Gewerkschaften 
mittlerweile in einigen Wirtschaftszweigen 
erreichten Lohnaufbesserungen bewegen 
sich zwischen 5 und 20 o/o auf den Grund 
lohn, dürften also bei einer Effekdv- 
Lohnerhöfrung liegen, die im Durchschnitt 
7 bis 8 o/o nicht überschreitet, so daß das 
Gesamtlohniiivecru Immer noch um 25 bis 
30 o/o kaufkraftmäßig hinter der Friedens 
höhe zurückgeblieben ist. Ganz abgese 
hen von der Tatsache, daß eine ganze 
Reihe von Wirtschaftszweigen von diesen 
Lohnerhöhungen nicht berührt werden, 
kann man trotz der anzu erkennenden Be 
mühungen unserer Industrieverbände von 
einer zufriedenstellenden Entwicklung der 
sozialen Verhältnisse auch nicht annä 
hernd sprechen, zumal die Entwicklung 
der Preise ganz besonders In den letzten 
Wochen eine stark ansteigende Tendenz 
zeigt Darüber können auch die Ermittlun 
gen des Statistischen Amtes des Saar« 
landes, die für den Monat August ein« 
Steigerung der Lebenshaltungskosten von 
nur 1,3 o/o gegenüber dem Vormonat fest- 
ßteilen, nicht hinwegtäuschen. 
Ohne die Richtigkeit der Zahlenangaben 
im einzelnen anzweijsln zu wollen, müs 
sen wir jedoch feststellen, daß die Stati 
stik die tatsächliche Wirkung der inzwi 
schen auf getretenen Preiserhöhungen ver 
schleiert. 
Die saisonbedingte und in diesem Jahr 
durch dis sehr reiche Ernte besonders in 
Erscheinung tretende Senkung der Prei 
se für einen Teil dier agrarischen Produk 
te, die ohne Zweifel einen nur vorüber 
gehenden Charakter trägt, eliminiert in 
der Statistik das ganz erhebliche Anzie 
hen der Preise für alle übrigen Nahrungs 
mittel und auch ganz besonders für alle 
Gegenstände der Bekleidung, das in un- 
l&ich höherem Maße die Lebenshaltungs 
osten auf das nachhaltigste ungünstig 
‘ beeinflußt. 
Daß diese Symptome den Gewerkschaf 
ten hinreichend Anlaß geben, eine ener 
gische Lohnbewegung in Gang zu setzen, 
dürfte nur zu verständlich »ein. Man wird 
auch den Gewerkschaften di« Behauptung 
kaum widerlegen können, daß eine Lohn 
erhöhung bei richtiger Lenkung der Wirt 
schaft keineswegs zu einem Ingangsetzen 
der Lohn-Preisspirale führen muß und daß 
die angestrebte Lohnerhöhung durchaus 
aus den Gewinnen der Wirtschaft getra 
gen werden kann, zumal der wirtschaftli 
che Aufschwung in den Jahren 1948 und 
1949 nach menschlichem Ermessen auch 
künftig noch anhalten wird. 
Engste Zusammenarbeit 
Die Industrieverbände setzen deshalb 
ihre Bestrebungen um eine Verbesserung 
der Kaufkraft der Arbeitnehmerschaft mit 
Nachdruck fort, Bestrebungen, die ihr Ziel 
erst in der Schließung der Lohn-Preis 
schere sehen können. Sie sind sich aus 
nahmslos darüber klar, daß hierzu eng 
ste Zusammenarbeit auf dem breiten Bo 
den der gesamten Einheitsgewerkschaft 
erforderlich ist. Der Will« zu dieser en 
gen Zusammenarbeit wurde von den füh 
renden Funktionären der Einheitsgewerk 
schaft eindeutig bekundet. Nicht zuletzt 
hängt aber die Wirksamkeit dieses Wil 
lens von der Haltung der gesamten Ar 
beitnehmerschaft ab, für die es gilt, »ich 
in der Gewerkschaft zusammenzuschLe- 
ßan und sie zu dem Machtfaktor zu ma 
chen, dem auf die Dauer keine unüber 
windlichen Widerstände entgegengesetzt 
werden können. 
Zusammenfassend möchte ich feststel 
len : Trotz dem wirtschaftlichen Auf 
schwung im Saarland ist die Lage der 
Arbeitnehmer und in ganz besonderem 
Maße der Rentner nach wtle vor äußerst 
unbefriedigend und hat sich gerade in den 
letzten Wochen durch die ungerechtfer 
tigten Preissteigerungen noch erheblich 
verschlechtert. Wir sind als Einheitsge 
werkschaft nicht gewillt, dieser Entwick 
lung länger tatenlos zuzusehen, einer Ent 
wicklung, durch die das soziale Unrecht 
immer größere Ausmaße annimmt und in 
der alle die Grundsätze wieder oberstes 
Gesetz zu werden droben, welche in der 
Vergangenheit di« tieferen Ursachen des 
Zusammenbruches waren. Wir sind uns 
der vollen Verantwortung der Gemein-, 
schaft gegenüber bewußt, müssen aber, 
nachdem alle Bemühungen der Gewerk 
schaften bis heute auf friedlichem Wege 
zu einem befriedigenden Ergebnis nicht 
geführt haben, die Kreise, die es angeht, 
darauf aufmerksam machen, daß die Bei 
behaltung des von ihnen bis jetzt einge 
nommenen Standpunktes Folgen zeitigen 
muß, die von keiner Seite gewünscht wer 
den können. 
Diese Ausführungen wurden am vorvetv 
gangenen Sonntag im Saarbrücker Rund 
funk verbreitet,^
	        

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