Full text: 2.1947 (0002)

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2. Jahrgang 
August 1947 
Nummer 8 
.. wenn Dein starker Arm es will" 
KAMPF DEN 
SPALTER 
Uber 3000 Delegierte aller Industrieverbände bekennen sich in einer gewaltigen Protestkundgebung gegen die Spaltung des 
schaffenden Volkes für die Gewerkschaftseinheit - Ein historischer Tag in der Wartburg - Das Betriebsrätegesetz erlassen 
Noch stehen wir unter dem ge¬ 
waltigen Eindruck der Delegierten- 
Ktmferenz in der Wartburg, die 
schon rein äußerlich durch die hoho 
Teilnehmerzahl, mehr aber noch 
durch die Disziplin und Geschlossen¬ 
heit der Aussprache sich zu einer un¬ 
vergeßlichen Kundgebung gestaltet 
hat. Wie war es nach den bitteren 
Erfahrungen der vergangenen 15 Jah¬ 
ren möglich, daß eine Gruppe von 
Menschen, die mit den Begriffen von 
Demokratie und Toleranz ihren An¬ 
trag auf Zulassung einer christlichen 
Gewerkschaft ohne jede durch beson¬ 
dere Nähe zum schaffenden Volk an 
der Saar gerechtfertigte Degimitation 
zu begründen versucht, so wirklich¬ 
keitsfremd und ahnungslos dem Irr¬ 
glauben verfallen konnte, die Ar¬ 
beitnehmerschaft habe aus der Ge¬ 
schichte nichts gelernt und wünsche 
nichts sehnlicher als die konfessio¬ 
nelle und politische Aufspaltung 
ihrer gewerkschaftlichen Interessen¬ 
vertretung? 
Wir haben nicht erwartet, daß wir 
nach einem gemeinsamen harten 
Kampf gegen den Erzfeind des arbei" 
tenden Menschen, gegen Reaktion 
und Faschismus, nach der endlich 
gewonnenen Freiheit aller Werktä¬ 
tigen in der die Arbeitnehmerschaft 
umspannenden Enheitsgcwerkschaft 
zu dieser unerfreulichen, aber für den 
Angreifer in den Folgen gewiß pein¬ 
lichen Auseinandersetzung ge¬ 
zwungen sein würden. Die Herren 
waren schlecht beraten. Das hat 
ihnen die unmißverständliche Ant¬ 
wort der 2000 Delegierten in der 
Wartburg gezeigt. Wir haben keinen 
Grund, der Militärregierung oder 
dem französischen Kabinett daraus 
einen Vorwurf zu machen. Die Be¬ 
satzungsmacht hat demokratisch ge¬ 
handelt und nach demokratischen 
Prinzipien entschieden. Die Schuld 
trifft ausschließlich die Antrag¬ 
steller selbst und zwar mit einer 
Schwere, von deren Ausmaß sie die 
nächsten Wochen und kommenden 
Ereignisse überzeugen dürften. De¬ 
mokratie und Toleranz sagen sic, 
meinen gber „divide et impera“ — 
und wollen in wörtlicher Überset¬ 
zung „teilen“,- um besser herrschen 
zu können“. Wir werden es zu ver¬ 
hindern wissen. 
Bereits heute können wir mit Ge¬ 
wißheit sagen, daß der Angriff auf 
die Einheitsgewerkschaft an der 
Solidarität des schaffenden Volkes 
gescheitert ist. Mögen sich auch in 
einzelnen Bezirken kleinere Gruppen 
zur „christlichen“ Koalition beken¬ 
nen. Ihre Zahl fällt nicht ins Ge¬ 
wicht und entbehrt jeder Voraus¬ 
setzung auf Erfolg. 
Die Einheitsgewerkschaft im Saar¬ 
land ist nicht nur eine Organisations¬ 
form der Arbeiter, sie ist bereits ein 
wii^sthafts- und sozialpolitischer 
Begriff von einprägsamer Realität 
und Größe. In dem Spaltungsver¬ 
such sah sie ihre erste Bewährungs¬ 
probe. Sie hat sie glänzend bestan¬ 
den und wird mit der Durchführung 
der Betriebsrätewahien beweisen, 
daß sie in zweijähriger Aufbauar¬ 
beit unter Wahrung der konfessio¬ 
nellen und parteipolitischen Neu¬ 
tralität zu einem der entscheiden- 
sten Faktoren des wirtschaftlichen, 
In einem den geschichtlichen 
Werdegang des Einheitsverbandes 
und die Spaltungsversuche beleuch¬ 
tenden Referat umriß der Präsident 
der Einheitsgewerkschaft Hein¬ 
rich Wacker die Situation. 
Der Redner geht von dem Tag der 
Grundsteinlegung für den Neuauf¬ 
bau der Gewerkschafter! aus, der 
Gründungsversammlung des Indu¬ 
strieverbandes Bergbau in Reden 
am 18. November 1945. Ein langer¬ 
sehntes Ziel war endlich erreicht: 
Der Zusammenschluß aller Werktä¬ 
tigen (ob Arbeiter. Angestellter, Be¬ 
amter, ob ehemals Hirseh-Dunker- 
scher, christlicher, sozialistischer 
oder kommunistischer Gewerk¬ 
schaftler) in einer Gewerkschaft. In 
jener Stunde gelobte man: „Nie und 
nimmer darf diese Einnelt verloren 
gehen.“ 
Heinrich Wacker erinnerte da¬ 
ran, daß das Unternehmertum im¬ 
mer der gespaltenen Arbeiterschaft 
in einer einheitlichen und geschlos¬ 
senen Kampffront gegenüberstand 
und führte aus: 
„Wohl waren war in jener Grün¬ 
dungsversammlung uns bewußt, 
daß die Zeit nicht allzu fern, wo die 
Reaktion Schrecksekunden über¬ 
wunden und dieselben Men¬ 
schen, die damals mit ihrem 
schuldbeladenen Gewissen noch 
nicht den Mut hatten an die Offent- 
sozialen und kulturellen Lebens im 
Saarland geworden ist. 
Es ist die Absicht unseres Konfe¬ 
renzberichtes, alle Möglichkeiten der 
Dokumentation auszuschöpfen, um 
unseren Lesern ein wahrheitsge¬ 
treues Bild vom Verlauf der Tagung 
zu geben. Wir bringen aus diesem 
Grunde einem dem Raum ange¬ 
paßte nahezu wörtliche Wiedergabe 
der Referate und Diskussionen. 
Als der 1. Vorsitzende des Indu¬ 
strie-Verbandes Metall, Kollege 
Fliegler, kurz nach neun Uhr 
die Tagung eröffnete, war die Wart¬ 
burg bis auf den letzten Platz be¬ 
setzt. Weit über tausend Funktio¬ 
näre standen in den Seitengängen 
und Vorräumen. Kollege Flicgier, 
der selbst aus der ehemaligen 
christlichen Gewerkschaftsbewegung 
stammt und der sein Bedauern aus- 
lichkeit zu treten, sobald sie wieder 
Morgenluft wittern, den Kampf 
gegen diese Einheit aufnehmen 
würden. 
Wir haben uns nicht 
getäuscht. 
Eine Welle der Entrüstung, der 
Empörung ging durch die organi¬ 
sierte Arbeitnehmerschaft an der 
Saar, nachdem auf der Tagung der 
Christlichen Volkspartei bekannt¬ 
gemacht wurde, daß eine Christliche 
Gewerkschaft bei den Saarberglculen 
gegründet werden soll. Wir müssen 
uns heute daran erinnern, daß cs 
der deutsche Großgrundbesitz, das 
Großkapital, die deutsche Schwer- 
und Rüstungsindustrie war, die,' 
während die furchtbarste Weltwirt¬ 
schaftskrise als Folge der kapitali¬ 
stischen Wirtschaftsordnung ein 
Millionenheer von „ Arbeitslosen 
schuf, diese Menschen seelisch und 
körperlich dem Elend Preisgaben. 
Zur selben Zeit haben sie aber Mil¬ 
lionenbeträge Hitler und seinen 
Kumpanen zur Verfügung gestellt, 
damit sie ihre Machtposition weiter 
ausbauen und die Entrechtung und 
Versklavung der Arbeitnehmerschaft 
vornehmen und den Zweiten Welt¬ 
krieg vorbereiten konnten. 
Machtlos stand die in weltan¬ 
schaulich und beruflich auseinander 
gerissene, in gegenseitigem Bruder¬ 
drückte, daß diese Neugründung ge¬ 
nehmigt worden sei, stellte fest, daß 
die Einheitsgewerkschaft die Ge¬ 
werkschaften im Interesse aller Ar¬ 
beitenden aufgebaul habe, frei vv\ 
allen parteipolitischen und religiö¬ 
sen Tendenzen. Daher könne die 
Spaltung nicht ruhig hingenommen 
werden,» und bis in die Weltöffent¬ 
lichkeit müßten die Proteststimmen 
erschallen und gehört werden. 
Spannungsvolle Erwartung lag 
über der Versammlung, die sich 
immer wieder in stürmische» die 
Referate unterbrechendem Beifall 
entlud. Der Eindruck der Einmütig¬ 
keit und Entschlossenheit war über¬ 
wältigend urtd zwang alle, die das 
Glück hatten, an dieser einzigarti¬ 
gen Kundgebung teilzunehmen in 
seinen Bann. Lassen wir die Refe¬ 
renten sprechen: 
kampf ihre Stoßkraft verzehrende 
Gewerkschaftsbewegung dieser Ent¬ 
wicklung gegenüber. 
Der erste und zweite Mai 1933 
war nicht bloß der Sieg des National¬ 
sozialismus über die Gewerkschaften, 
sondern auch der Sieg d c r deut¬ 
schen Rüstungsindustrie 
über das Milllonenheer aller Werk¬ 
tätigen in Deutschland. 
Diese Uneinigkeit und 
Machtlosigkeit führte naturnot¬ 
wendig zu der kampflosen 
Preisgabe von Freiheit 
und Menschenrecht. An 
Stelle der Gewerkschaften trat 
die DAF, die eine Aufgabe hatte 
und erfüllte, die völlige Ent¬ 
rechtung aller Schaffen- 
d e n. Der nationalsozialistische " 
Eroberung?- und Raubkrieg nvurde 
vorbereitet und durchgeführt. 
Heute müssen wir uns fragen: 
haben nun diese Menschen, die 
heute wieder die Einheit in der Ge¬ 
werkschaftsbewegung zerschlagen 
wollen, alles das' und die zwölf 
Jahre des fluchwürdigen Hitler¬ 
systems vergessen? (Anhaltender 
Beifall). 
Sind sie sich nicht bewußt, daß 
wir durch unsere Taten- und Macht¬ 
losigkeit mit daran schuld sind 
an diesem namenlosen Elend unse¬ 
rer Heimat und der ganzen Will?“ 
Der Redner erinnert daran, wie 
sich inmitten der Trümmer, d«c 
Heinrich Wacker hat das Wort
	        

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