Full text: 2.1947 (0002)

Saite 2 
,J)ie Arbeit** 
Mai 1941 
werkschaft der Arbeiter, Angestell¬ 
ten und Beamten des Saarlandes 
gegenüber all denen, die glauben, 
diese Einheit wieder zerstören zu 
können. Zugleich ist dieser Tag 
aber auch ein Bekenntnis der Soli¬ 
darität aller Werktätigen, ein Tag 
der Selbstbesinnung, an dem wir 
alle der Aufgaben uns bewußt sein 
müssen, die noch der Losung har¬ 
ren. Schwer lastet auf uns das an¬ 
getretene, bittere und traurige Erbe 
des Nazismus.- So bitter auch die 
Tage waren, die hinter uns liegen, 
so dürfen wir doch sagen, daß wir 
im vergangenen Jahr vorwärts ge¬ 
kommen sind. Die schaffenden Men¬ 
schen an der Saar haben unter den 
schwierigsten Verhältnissen im Wie¬ 
deraufbau gearbeitet. Wir standen 
vor Ruinen aller und jeder Art 
Heute durchflutet der Rhythmus 
der Arbeit wieder die Hütten- und 
’ Grubenbetriebe. Wir erklären offen, 
daß die Militärregierung des Saar¬ 
landes. ganz besonders unser Gou¬ 
verneur, mit uns zusammen alles 
getan hat um die größten Sorgen, 
das bitterste Elend zu mildem. 
Darüber hinaus aber fühlen wir 
uns an erster Stelle verantwortlich 
zu sagen, daß die Erhaltung der Ar¬ 
beitskraft der Werktätigen, fleißigen 
Bevölkerung nur dann möglich ist. 
wenn unsere Fmährungslage, eine 
bessere wird. Die saarländische Ar¬ 
beiterschaft wird auch in Zukunft 
bereit sein alle Kräfte einzusetzen 
für den Neu- und Wiederaufbau 
ihrer Heimat, aber sie verlangt, daß 
man auch ihr das zum Leben Erfor¬ 
derliche gibt. 
Präsident Wacker wies in seinen 
weiteren Ausführungen auf die Not¬ 
wendigkeit einer Neuordnung der 
Sozialgesetzgebung hin und trat be¬ 
sonders für die Rechte und Pflich¬ 
ten der Jugend ein. Auch den 50 000 
Kriegsbeschädigten müße geholfen 
werden, damit sie Arbeit und Brot 
finden und ihren Familien eine or- 
deniliche Lebenshaltung sichern 
könnten. 
• .Wenn die französischen Behör¬ 
den des Saartandes alles tun und 
bis heute getan haben, um unsere 
Not zu lindem, so appellieren wir 
an diesem 1. Mai 1947 vor allem an 
dieienigen Staaten, die in der Lage 
sind, uns mit Lebensmitteln zu ver¬ 
sorgen. Nicht der Dollar darf hier 
im Vordergrund ihrer Befrachtungen 
stehen, sondern an seine Stelle muß 
der Begriff des Menschentums tre¬ 
ten. 
Als der Interalliierte Kontrollrat 
die Verordnung für den Lohn- und 
Preisstop erlasssen hat, haben auch 
wir für diese Maßnahme in der da¬ 
maligen Zeit volles Verständnis auf¬ 
gebracht. Heute müssen wir jedoch 
feststellen, daß der Lohnstop streng 
eingehalten wurde, während ande¬ 
rerseits der Preisstop längst durch¬ 
brochen ist. An diesem 1 Mai wol¬ 
len wir aber auch derer gedenken, 
die noch fern ihrer Heimat in der 
Kriegsgefangenschaft sich befinden, 
deren Arbeitsplätze noch leer sind, 
deren Frauen und Kinder heute 
noch in banger Sorge und Hoffnung 
auf ein Wiedersehen mit ihren Er¬ 
nährern warten. 
Wir wissen, daß es dem Gouver- 
neur des Saarlandes durch seinen 
unermüdlichen, persönlichen Ein¬ 
satz gelungen ist. einem großen Teil 
der Kriegsgefangenen die Rückkehr 
zu ermöglichen. Frankreich hat uns 
die Kriegsgefangenen zurückge- 
sphickt. Hoffend und vertrauend auf 
die, Menschlichkeit richten wir 
heute an alle Regierungen im Na¬ 
men der Tausenden von Müttern, 
Frauen und Kindern die Bitter 
Schickt uns unsere 
Söhne. Männer und Vä¬ 
ter, schafft wieder Fa- 
mllienglück und Kinder¬ 
freude, vergeßt die 
Feindschaft und übt 
Menschlichkeit! 
In diesem Sinne begehen wir heute 
unseren 1. Mai. Große und verant¬ 
wortungsvolle Aufgaben stehen uns 
Die Rede des Gouverneurs 
(Fortsetzung von Seite 1.) 
unseres Kontinents in Mitleiden¬ 
schaft gezogen hat. Ein großer Teil 
des Frühlings weizens ist erfroren. 
Die Tages-Ration des Brotes in 
Frankreich wie im Saargebiete mußte 
daher herabgesetzt werden und zwar 
von 300 Gramm auf 250 Gramm. 
Diese Maßnahme Ist eine schlechte 
Nachricht, aber sie war notwendig. 
Die Situation ist deshalb keineswegs 
katastrophal wie etwa in anderen 
Zonen. Dank besonderer Anstren¬ 
gungen ist es gelungen, für das Saar¬ 
gebiet Im Monat Mai einen Aus¬ 
gleich durch die Verteilung von I kg 
Teigwaren pro Person herbeizufüh¬ 
ren. Ich kann Ihnen weiter mitteilen, 
daß für den Monat Mai 750 g Mar¬ 
melade pro Person zur Verteilung 
gelangt. Ich hätte gewünscht daß wir 
sie heute hier alle probieren könn¬ 
ten. Ich jedenfalls habe sie gekostet 
und fand sie sehr gut. Es Ist Bana- 
nen-Konfitüre, die aus den franzö¬ 
sischen Kolonien kommt und 70 
Rohrzucker enthält Die Rationen für 
Fleisch, Fett und Käse werden im 
Monat Mai beibehalten werden. Au¬ 
ßerdem können wir auch drei Kilo 
Kartoffeln pro Kopf verteilen und 
zwar dank einer Anlieferung von 
Frankreich. Ferner versuchen wir 
ein Kontingent an Trocken gern üse 
zu bekommen. Alle diese vorsorg¬ 
lichen Maßnahmen werden es ans 
ermöglichen, bis zum Monat Juni 
durchzuhalten. Im Monat Juli wird 
es uns die neue Ernte vor allem ln 
Frischgemüse gestatten, entstehende 
Lücken zu schließen und den An¬ 
schluß an die Herbst- and Winter¬ 
versorgung 1947/48 zu gewährleisten. 
Unsere Bemühungen haben sich 
auch dank der Hilfe- der Direktion 
für Arbeit und der Gewerkschaften 
auf die Organisation der Arbeiter 
übertragen. Ein Plan der sozialen 
Sicherheit ist geschaffen worden. Im 
Rahmen dieser nenen sozialen Sicher¬ 
heit wird es möglich sein, Kranken¬ 
geld nicht nur während 6 Monaten, 
sondern bis zu drei Jahren zu be¬ 
zahlen. Darüber hinaus wird die 
Durchführung dieses Planes den Ar¬ 
beitern neue Vorteile sichern. In 
steter Verbindung mit der Direktion 
der Arbeit und den Gewerkschaften 
wurde eine Neuorganisation der Be¬ 
triebsräte in Aussicht genommen. 
Lediglich durch notwendig gewor¬ 
dene Verhandlungen mit Baden-Ba¬ 
den und dem Arbeitsministerium von 
Paris, hat ihre Verwirklichung eine 
Verzögerung erfahren. 
Was wir für das künftige Schicksal 
des Saarlandes wünschen — Sie 
kennen ja die politischen Ansichten 
Frankreichs hinsichtlich der Saar — 
es ist eine autonome Saar, völlig au¬ 
tonom, und ihre wirtschaftliche — 
ausschließlich wirtschaftliche — Ver¬ 
bundenheit mit Frankreich. In dieser 
französischen Politik gibt es keine 
Hintergedanken. Wir wünschen nicht, 
daß ein anderer Imperialismus dem 
preußischen Imperialismus folgt. 
Aber Sie können versichert sein, im 
Gegenteil, Frankreich will die Saar¬ 
länder für immer retten von der 
Diktatur und dem preußischen Im¬ 
perialismus. Ich bin davon über¬ 
zeugt, daß diese Lösung das einzige 
Mittel zur Wiederbelebung der Saar¬ 
wirtschaft ist. In Verbindung mit 
einem französischen Plan wurde ein 
Plan für das Saargebiet entworfen, 
woran ich selbst und Herr Bind- 
schedler beteiligt sind. Das Saarland 
wird nicht der arme Verwandte der 
französischen Wirtschaft sein. Man 
kann nicht von einem Tag anf den 
andern von einer Kriegsproduktion 
auf eine Friedensproduktion über¬ 
gehen. Einige Werke müssen sich 
gegenwärtig damit begnügen, nur 
ihre Kokereien und ihre elektrischen 
Anlagen laufen za lassen. Es ist 
sicher, daß saarländische Industrien, 
die weniger als-die gleichen franzö¬ 
sischen Industrien produzieren, ihre 
Produktion verlangsamen müssen. 
Andererseits und das sage ich in vol¬ 
ler Unparteiischkeit, werden gewisse 
saarländische Industrien einen we¬ 
sentlichen Fortschritt gegenüber 
gleichartigen Industrien In Frank¬ 
reich zeigen. Dann werden diese In¬ 
dustrien ln Frankreich ihre Produk¬ 
tion beschränken müssen. Wenn ich 
das hervorbebe, so tue Ich es, damit 
Sie verstehen, daß wir die Entwick¬ 
lung der Verbindung mit der Saar 
unter dem Zeichen der Freundschaft 
der Verständigung und der Korrekt¬ 
heit wünschen. Was das politische 
Leben betrifft, so liegt es an Dir, 
saarländisches Volk, die politische 
Autonomie zu wahren; Ihr werdet 
Eurem Lande eine Organisation ge¬ 
ben. Ihr werdet ein Parlament wäh¬ 
len und dieses wird dem Saarlande 
seine Regierung geben. 
Ich sage Ihnen all das, um die 
Zungen zum Stehen zu bringen, die 
behanptep, daß Frankreichs Bezie¬ 
hungen zur Saar von Hintergedan¬ 
ken beherrscht werden und daß 
Frankreich Euch Eure Vergangen¬ 
heit, Eure Sprache und Eure Kultur 
nehmen will. AH dies ist nicht wahr. 
Aber dies darf Euch nicht hindern, 
für die Zukunft Eurer Kinder zu 
sorgen und diese Zukunft wird be¬ 
stimmt sein von der politischen Au¬ 
tonomie des Landes und seiner wirt¬ 
schaftlichen Einheit mit Frankreich. 
Verzeihen Sie, wenn ich auf einer 
Gewerkschaftsversammlung zuviel 
von Politik gesprochen habe, wenn 
ich mit Ihnen diesen Rundgang ge¬ 
macht habe, selbst über die Gren¬ 
zen hinaus. Auf einem Arbeitsfest 
sollte man nie von Grenzen spre¬ 
chen, denn Arbeit kennt keine 
Grenzen. Unsere Bequemlichkeit, 
wenn wir welche haben, die ganze 
Bequemlichkeit unseres Lebens ver¬ 
danken wir den Bemühungen der 
Arbeiter der ganzert Welt. Glauben 
Sie mir, daß die Hausfrau, welche 
in Paris Kohlen verbrennt, nicht 
danach fragt, welche Sprache der 
spricht, der die Kohle gefördert hat. 
Und die saarländische Mutter, die 
ihrem Kinde Milch gibt, fragt nicht 
danach, welche Sprache die Bäuerin 
spricht, die die Kuh gemolken hak 
Wenn es sich um eine Anstrengung, 
um Arbeit handelt, so sprechen wir 
alle .die gleiche Sprache. Ich kann 
mir gut einen großen Saal vorstei¬ 
len, wo alle Arbeiter der Welt Platz 
nehmen würden. Das was ich jetzt 
gesagt habe, hätte ich auch ihnen 
gesagt Wenn wir alle, die wir hier 
in diesem großen Saale zusammen 
sind, die Welt zu regieren hätten, 
gäbe 'es niemals Krieg noch Elend. 
Ich erhebe mein Glas auf das 
Wohl aller Arbeiter der Welt, anf 
den Respekt der Menschlichkeit 
und auf alle Werktätigen, die guten 
Willens sind. 
trotz der Erfolge noch bevor.- Not¬ 
wendig zur Erfüllung dieser Auf¬ 
gaben und zur Erreichung des Zieles 
ist die Erhaltung unserer 
Einheit. Der Zusammenschluß 
aller Werktätigen ist der Garant, 
unsere Lage zu verbessern, unsere 
Heimat wieder aufzubauen und der 
Not und dem Elend ein baldiges 
Ende zu bereiten. 
Als Gewerkschaftler wollen wir 
die Wegbereiter einer besseren Zu¬ 
kunft sein. An Stelle von Haß und 
Rache sollen treten Liebe und 
Verständigung, Verstän¬ 
digung über alle Grenzen 
hinweg. In diesem Sinne soll 
unsere heutige Maifeier ausklingen. 
Vereint wollen wir für. die Zukunft 
marschieren. Der Marsch geht über 
den ganzen Erdball zu jenen 70'Mil- 
lionen, die innerhalb des Weltge¬ 
werkschaftsbundes heute mit uns 
für dieselben Ziele demonstrieren. 
Für den Sieg der Mensch¬ 
lichkeit und den. Völker¬ 
frieden. 
Anschließend ergriff der Vorsit¬ 
zende des Industrieverbandes Eisen¬ 
bahn, Post und Fernmeldewesen. 
Eduard Weiter das Wort: 
„Für den Völkerfrieden, den wir 
ersehnen uhd erstreben., müssen wir 
die Voraussetzungen schaffen. Wir 
wissen, daß es nicht zuletzt die 
Großindustrie, das in riesigen Mo¬ 
nopolen investierte Großkapital ge¬ 
wesen ist, das im Streben nach 
Macht und Profit und unter Auf¬ 
rechterhaltung des Herrenstand¬ 
punktes. nicht nur das deutsche 
Volk, sondern die ganze Welt in 
dieses namenlose Unglück gestürzt 
hat. Die Millionen - Gewinne dieser 
Kriegsverbrecher müssen dem Wie¬ 
deraufbau zugeführt und ihre Pro¬ 
duktionsstätten in den Besitz des 
Volkes übernommen werden. 
Es liegt uns fern, dem Kaufmann, 
dem Handwerker, den aufrechten 
Besitzern einzelner Unterneh¬ 
mungen, die durch ihren Fleiß Ei¬ 
gentum erwarben, ihr Besitztum 
streitig zu machen. Es ist jedoch 
unverantwortlich die anonymen 
Großkapitalisten, die auf Kosten 
von Volk und Staat ohne Arbeit zu 
leisten, Milliardenbeträge für - rieh 
beanspruchen, innerhalb einer de¬ 
mokratischen Wirtschaft zu dulden. 
Wir fördern deshalb in erster Li¬ 
nie die Verstaatlichung der 
Schlüsselindustrien und des Berg¬ 
baus. Die Erträgnisse dieser In¬ 
dustrien und die Erträgnisse un¬ 
serer Arbeit sollen Volk und 
Staat zugute kommen. 
Damit werden wir nicht nur der 
gesamten Volkswirtschaft den aller¬ 
größten Dienst , erweisen, damit 
werden wir nicht nur die Existenz 
des Kaufmanns und des Handwer¬ 
kers sichern, sondern auch unseren 
Bauern, die mit uns zusammen den 
Kampf um die Erhaltung der Ar¬ 
beitskraft führen und die unsere 
volle Unterstützung genießen, ihre 
Existenz und ihr Besitztum sichern." 
Der Redner unterstrich die Not¬ 
wendigkeit des Erlasses des Be¬ 
triebsrätegesetzes, forderte das Mit¬ 
bestimmungsrecht bei der Gestal¬ 
tung der neuen Sozialversicherung, 
sowie die Mitwirkung bei der Ge¬ 
staltung der gesamten Arbeitspolitik 
und führte dann weiter aus: „Die 
80 000 Frauen, die heute ohne Er¬ 
nährer den Kampf um ihre Existenz 
im Saarland führen müssen, wer¬ 
den in erhöhtem Maße in den Pro¬ 
duktionsprozeß eingegliedert wer¬ 
den. Ihre Rechte wahrzunehmen, 
ihre Gleichstellung in Wirtschaft 
und Verwaltung zu sichern, ist für 
uns eine unabdingbare Verpflich¬ 
tung. 
Unserer Jugend, die schuldlos aus 
der Vergangenheit hervorgegangen 
ist, muß' durch Schaffung eines 
. fortschrittlichen Jugendgesetzes der 
Weg zur freien Entfaltung ihrer 
Kräfte gesichert werden. Ihre be¬ 
rufliche Ausbildung, den Tüchtigen 
und Fähigen ohne Rücksicht auf 
Reichtum alle Aufstiegs- und Bil¬ 
dungsmöglichkeiten zu geben, ist 
erste Pflicht des Staates und damit 
auch eine unserer ersten Forde¬ 
rungen an den Staat. 
Unseren Aufgaben und Pflichten 
gerecht zu werden, ist aber nur 
möglich, wenn Spaltungen und Bru¬ 
derkämpfe nie mehr in unseren 
Reihen hinzugetragen werden und 
wir, von einem einheitlichen Willen 
beseelt, an die Lösung dieser Auf¬ 
gaben herangeh en. 
In dem Bewußtsein, daß wir uns 
in einer großen geschichtlichen 
Zeitenwende befinden, sind wir uns 
auch darüber klar, daß die Lasten, 
die dieser unglückliche Krieg uns 
gebracht hat. diesmal nicht auf die 
. Schultern der Schaffenden restlos 
abgewälzt werden dürfen. Deshalb
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.