Full text: Zur Lehre vom Gemüt

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Zur Lehre vom Gemüt. 
Wir haben bisher das Gefühl erörtert, insofern unter 
„Gefühl“ nur die Besonderheit zuständlicher Bestimmt¬ 
heit der Seele gemeint ist, die eben nach ihrer besonderen 
Art entweder Lust oder Unlust ist. Diese Erörterung mußte 
yorangehen, weil, was auch immer nach unserem Sprachgebrauch 
in dem Namen „Gefühl“ zum Ausdruck kommen mag, dabei 
doch stets jene Bestimmtheitsbesonderheit des zuständlichen 
Bewußtseins mitgedacht ist, ja wir dürfen schon behaupten, 
daß in allen Fällen, in denen noch mehr als diese zuständ- 
liche Bestimmtheitsbesonderheit, mit dem Worte „Gefühl“ ge¬ 
meint ist, das Ganze, das also noch anderes als nur Lust oder 
Unlust darstellen soll, doch eben nur um dieses seines Lust- 
bder ünluststückes wrillen den Namen „Gefühl“ erhalten hat.1) 
Das Gefühl im Sinne der zuständlichen Bewußtseins¬ 
bestimmtheit ist nach Art und Grad immer ein besonderes, 
entweder Lust oder Unlust, und entweder starke oder schwache 
Lust oder Unlust. Vielfach aber will der Sprachgebrauch 
unter „Gefühl“ noch mehr als nur Lust oder Unlust verstanden 
wissen und diesem „mehr“ haben wir nun nachzugehen. In 
zweierlei Weise zeigt sich, soviel wir sehen, der Sinn des 
Wortes „Gefühl“ im Sprachgebrauch weiter, die eine besteht 
darin, daß Lust oder Unlust nur für das eine Stück des „Ge¬ 
fühls“ gelten, als dessen anderes dann Gegenständliches des 
Bewußtseins, und zwTar das für die zuständliche Bestimmtheits¬ 
besonderheit (Lust oder Unlust) maßgebende Gegenständliche 
gedacht ist. Wir hätten hier also das Wort „Gefühl“ als 
Bezeichnung eines Zusammens von Lust oder Unlust und 
deren maßgebendem Gegenständlichen in dem Bewußtseins¬ 
augenblicke: im Sinne eines solchenZusammens zuständlicher und 
gegenständlicher Bestimmtheitsbesonderheit des Bewußtseins 
spricht man von dem „Gefühl“ der Liebe und des Hasses, 
der Furcht und der Hoffnung usw. Dieser Sprachgebrauch 
*) Daß „Fühlen“ und „Gefühl“ mit „Empfinden“ und „Empfindung“ 
im Sprachgebrauch noch vielfach verwechselt werden, ist eine bekannte 
Tatsache, deren Grund auch offen zutage liegt; da aber im wissenschaft¬ 
lichen Verkehr diese Verwechselung allmählich ganz überwunden ist, so 
unterlasse ich es, an dieser Stelle näher auf sie einzugehen (s. mein Lehr¬ 
buch der allgem. Psychologie, 2. Auf!., S. 361 f.).
	        

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