Title:
Zwischen Herrschaft und Kunst
Creator:
Haubrichs, Wolfgang
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-171808
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-174041
Weibliches Mäzenatentum zwischen dynastischer Bestimmung, 
politischem Kalkül und höfischer Memoria 
Mathias Herweg 
1. Dynastinnen als kulturelle Vermittlerinnen. Einleitende Betrachtungen 
Die Tatsache, dass Fürstinnen und adlige Damen als Mäzeninnen aküv und kontinuierlich 
am literarisch-kulturellen Leben des Mittelalters partizipierten, ist bekannt und vielfach 
belegt.1 Selbst wo sich im Zuge des Aufstiegs höfisch-laikaler Gattungen und des ihnen 
eingeschriebenen neuen literarischen Frauenbildes die Grenzen zwischen sozialhistori¬ 
scher Realität und fiktionalem Spiel, das sich als Frauendienst inszeniert und stilisiert, 
verwischen und die Reklamation weiblicher Gönnerschaft zum Topos wird,2 4 setzt dies die 
reale Relevanz adliger Leserinnen, Hörerinnen, Sammlerinnen oder Initiatorinnen von Li¬ 
teratur und Teilhaberinnen an literarischen oder in der Literatur verhandelten Diskursen 
voraus. Es stellt sich angesichts der bildungs- und kulturhistorischen Prämissen sogar die 
Frage, ob die Zahl befugter weiblicher Mäzenate ihre tatsächliche Frequenz und damit die 
Gewichtsverteilung zwischen Mäzenen und Mäzeninnen im Mittelalter glaubwürdig wi¬ 
derspiegelt. ’ 
Diese Aspekte, ihre Bedingungsfaktoren und Folgen für eine Sozialgeschichte mittelal¬ 
terlicher Literatur wurden in der mediävistischen Publikums- und Gönnerforschung im¬ 
mer wieder erörtert und müssen in dergestalt globaler Perspektive hier nicht weiter ver¬ 
tieft werden. Das Interesse dieses Beitrags gilt einem spezifischeren Phänomen innerhalb 
des skizzierten Befundes und einem hierfür besonders markanten Einzelfall. Bevor dieser 
paradigmatisch ins Zentrum rückt, sind indes einige allgemeine Aspekte zu umreißen, die 
den Einzelfall als Erscheinung über ihn hinaus wirksamer Dispositionen erst sinnvoll ein¬ 
zuordnen erlauben. 
Viele, zeitlich und räumlich breit gestreute Einzelfälle belegen, dass Mäzeninnen über 
ihren kontinuitätswahrenden Beitrag zum literarischen Leben und zur literarischen Produkti¬ 
on hinaus immer wieder auch Anstoß gaben, die Pfade der Tradition, des Eingebürgerten 
und Bekannten zu verlassen, literarisch neue Felder zu erschließen und neue Traditionen 
zu eröffnen. Im 12. Jahrhundert sind es Namen wie Adeliza-Aelis von Brabant (die zweite 
1 Vgl. Bumke, Joachim: Mäzene im Mittelalter. Die Gönner und Auftraggeber der höfischen Literatur in Deutschland 
1150-1300, München 1979, S. 231-247 (Kap. 5). Wieder in: Bumke, Joachim (Hg.): Literarisches Mäzenaten¬ 
tum (Wege der Forschung 598), Darmstadt 1982, S. 371-404. 
2 Vgl. hierzu im Überblick einschlägiger (deutscher) Belege Bumke: Mäzene (wie Anm. 1), S. 241 ff. 
3 Vgl. Fechter, Werner: Das Publikum der mittelhochdeutschen Dichtung, Heidelberg 1935, passim; Bumke: Mä¬ 
zene (wie Anm. 1), besonders S. 242-244. 
4 Es ist ja denkbar, dass mitunter die wahren Interessentinnen und Inspiratorinnen hinter explizit genann¬ 
ten, für die Dichter prestigeträchdgeren Männern (wie deren Gatten) zurücktreten, vielleicht auch be¬ 
wusst sich ,versteckten', um etwa angesichts bestimmter Stoffe und Sujets nicht ,aus der Rolle zu fallen'. 
Bezeichnend immerhin auch, dass wichtige Gönnerkataloge, so besonders der berühmte sechste Leich 
des Tannhäuser, keine Gönnerinnen nennen, obgleich in den erfassten Zeiträumen nicht wenige ander¬ 
weitig belegt sind. 
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