Title:
Forschungsaufgabe Industriekultur
Creator:
Herrmann, Hans-Walter Hudemann, Rainer König, Alexander
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-156654
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-160290
Pays-de-Briey die Entdeckung der Eisenerzvorkommen einen Wettlauf um die 
Minette beginnen, das an Eisen relativ arme lothringische Eisenerz. Die Bergbau¬ 
stadt Tucquegnieux wuchs in den Jahren 1901 bis 191 l3 von 396 auf 2565 
Einwohner. An der Grenze zum Departement Meuse entwickelte Bouligny sich 
ähnlich: 318 und 2660 Einwohner in diesen Jahren. Obwohl die Bevölkerung 
des Steinkohlebeckens und der Textiltäler der Vogesen gleichmäßiger wuchs, 
stellten sich dort dieselben Probleme. Ganz offensichtlich musste also mehr 
gebaut werden, doch war damit noch nicht klar, ob das Aufgabe der Unterneh¬ 
men war - nicht jeder war davon überzeugt. So wünschte die Manufaktur von 
Saint-Maurice in Senones (Departement Vosges), dass ihre Arbeiter selbst bauten 
mit ihrer Unterstützung, doch sie sah sich schließlich zu eigener Bautätigkeit 
gezwungen: "Die Arbeiter haben unser Angebot zinsgünstiger Vorschüsse für 
den Bau ihrer eigenen Häuser nicht angenommen, und ebenso haben die Haus¬ 
besitzer die günstigen Kredite zum Umbau ihrer Häuser in Arbeiterwohnungen 
mit durch uns garantierten Mieten meist zurückgewiesen. In diesen Hoffnungen 
sind wir also enttäuscht worden, und wir sahen uns zum Bau einer großen Zahl 
von Häusern gezwungen sowie - soweit möglich - zum Kauf von Grundstücken, 
deren Nähe die Arbeit unserer Fabrik behinderte."4 
In manchen Fällen erleichterte die Tradition die Bautätigkeit, vor allem in der 
Glas- und Kristallindustrie, in der sich die alte Gewohnheit einer dicht an den 
Glasöfen wohnenden, langfristig beschäftigten Facharbeiterschaft im 19. Jahr¬ 
hundert fortsetzte. Noch 1900 erwähnte die Cristallerie Baccarat in einer Bro¬ 
schüre diese Tradition: "Die Glasarbeiter sind nach alter Gewohnheit kostenlos 
innerhalb der Fabrik untergebracht, ebenso die Angestellten, Vorarbeiter und 
einige spezialisierte Arbeiter [ouvriers spéciaux], die ständig zur Verfügung zu 
haben nützlich ist."' 
Neben den unmittelbar einsichtigen materiellen Problemen der unzureichenden 
Wohnungssubstanz stellte sich jedoch ebenso die Frage des Arbeitsmarktes. Die 
lokalen Arbeitskräfte reichten für eine dauerhafte Industrialisierung nicht aus, 
und so wurden seit Beginn des II. Kaiserreiches die Industriezonen zu Imrnigra- 
tionsgebieten. Zunächst kamen die Arbeiter aus der Nachbarschaft: dem Bitscher 
Land, der Eifel, der bayerischen Pfalz, aus Belgien. Nach dem Aufschwung der 
Stahlproduktion mit dem Thomas-Gilchrist-Verfahren wurden Arbeiter aufgrund 
ihres Fachwissens aus Burgund angeworben. Seit den 1890er Jahren stellten 
einwandernde Italiener den größten Teil der neuen Arbeitskräfte, nach dem 
Ersten Weltkrieg folgten Polen und andere mittel- und osteuropäische Völker. 
Unabhängig von ihrer Herkunft kennzeichnete all diese Arbeiter ihre große 
Mobilität. Ihr Aufenthalt in Lothringen war von sehr unterschiedlicher und nicht 
3 Die Volkszählungsdaten differieren, weil einige Gemeinden auf deutschem und andere auf 
französischem Gebiet lagen. 
4 Manufacture de Saint-Maurice, Assemblée générale extraordinaire, 20.4.1874 (ADV 93 J). 
5 Notice sur la cristallerie de Baccarat, in: Weltausstellung 1900. o.O. 1900, S. 11. 
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