Title:
Forschungsaufgabe Industriekultur
Creator:
Herrmann, Hans-Walter Hudemann, Rainer König, Alexander
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-156654
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-159194
Arbeitersport vor dem Ersten Weltkrieg 
Frankreich und Deutschland im Vergleich 
André Gounot 
Einleitung 
Wenn auch die im letzten Drittel des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts 
entstandenen Arbeiterturn- und -Sportorganisationen in körperkultureller, teils 
auch in ideologischer Hinsicht gewisse länderspezifische Unterschiede aufwie¬ 
sen,1 kann dennoch von einer durch gemeinsame Merkmale gekennzeichneten 
"europäischen Arbeitersportbewegung" gesprochen werden. Mit ihren lokalen 
Vereinen und nationalen Verbänden nahm diese Bewegung Anteil an der 
proletarischen Emanzipation und am Klassenbildungsprozess.2 3 Ein wesentliches 
Handlungsmotiv ihrer Führungskräfte basierte auf der Vermutung, die bürger¬ 
lichen Tum- und Sportorganisationen würden einen schädlichen ideologischen 
Einfluss auf die Arbeiterschaft und insbesondere die Arbeiterjugend ausüben 
und damit eine politische Waffe gegen den proletarischen Klassenkampf dar¬ 
stellen. 
Die Gründung proletarischer Oppositionsverbände im Bereich des Sports' wäre 
1 In Deutschland, in den tschechischen und österreichischen Gebieten des Habsburger 
Reichs, in der Schweiz und in Belgien dominierte zunächst die turnerische Praxis, wobei in 
Deutschland und Österreich auch die Arbeiter-Radfahrerbünde eine bedeutende Stellung ein- 
nahmen. In Italien und England beschränkte sich die Arbeitersportbewegung nahezu auf das 
nicht Wettkampf bezogene Radfahren bzw. "Radwandern". Die französische wie auch die 
finnische Arbeitersportbewegung konzentrierte sich auf den "modernen Sport", wobei sich 
die finnischen Arbeitersportfunktionäre am deutlichsten zum Wettkampfgedanken bekann¬ 
ten. 
2 Jürgen Kocka hat unterstrichen, dass es sich beim Klassenbildungsprozess nicht um einen 
unilinearen Prozess handelt, der in politischen Aktionen und organisatorischen Zusammen¬ 
schlüssen seinen Endpunkt findet. Vielmehr lassen sich Wechselwirkungen zwischen den 
einzelnen Stufen der Klassenbildung erkennen. Die vierte (und höchste) Stufe des Klassen¬ 
bildungsprozesses, die durch die Herausbildung von Arbeiterorganisationen und gemein¬ 
samen Aktionsformen der Arbeiterklasse gekennzeichnet ist, drückt einerseits das vorhande¬ 
ne Klassenbewusstsein zumindest eines Teils der Arbeiterschaft aus, andererseits können 
Klassenkonflikte und Aktionen, Organisationen und Vereine das Klassenbewusstsein und die 
Klassensolidarität stärken oder überhaupt erst herstellen. Vgl. Jürgen Kocka, Lohnarbeit und 
Klassenbildung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in Deutschland 1800-1875. Bonn 1983, 
S. 24-28. In die zuletzt genannte Ebene des Klassenbildungsprozesses ist die Arbeiter¬ 
sportbewegung einzuordnen. Die Arbeitersportverbände wurden von ihren Führungskräften 
vor allem als Institutionen zur Herstellung und Hebung des Klassenbewusstseins der im Sport 
aktiven Arbeiter konzipiert. 
3 "Sport" wird im Folgenden meist als allgemeiner Begriff für körperliche Aktivitäten, das 
heißt mit der gleichen Bedeutung wie "Körperkultur" verwendet. An Stellen, wo eine 
Unterscheidung zwischen Turnen und Sport - in diesem Fall in der eingeschränkten Begriffs¬ 
bedeutung als moderner Wettkampfsport britischer Provenienz zu verstehen - sinnvoll 
erschien, ist dies durch die Verwendung beider Wörter gekennzeichnet. Dem entsprechend 
bezieht der Begriff "Arbeitersportbewegung" die verschiedenen Verbände ein, die in dieser 
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