Title:
"Grenzgänger"
Creator:
Schneider, Reinhard
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-226447
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-228624
hen Zeiten wohl vorrangig Geistliche, und wenn Huw Pryce von einer mobility 
across borders in the ecclesiastical world spricht, rechnet er gewiß mit einem allge¬ 
meinen Phänomen im mittelalterlichen Europa, für das Giraldus beispielhaft und 
vielleicht zusätzlich akzentuiert steht: Giraldus offers an example of the cross-border 
career in a colonialist context. 
Als zwei weitere Vertreter dieses Typs können Albert Langen und “Hansi” bzw. J.J. 
Waltz angesprochen werden. Jener vermittelte als Verleger “vorrangig zwischen drei 
Kulturkreisen: dem deutschen, dem französischen und dem skandinavischen”, war 
sehr engagiert “im Literaturtransfer von Frankreich nach Deutschland” tätig und 
konnte doch nicht verhindern, daß er “wider Willen” während des Ersten Weltkriegs 
“der französischen Propagandaabteilung zugearbeitet” hatte (Helga Abret). J.J. 
Waltz hingegen, der engagierte Franzose aus dem elsässischen Colmar, profitierte 
noch in der Polemik nicht nur von seiner festen Verankerung auch in der deutschen 
Kultur, sondern mindestens während des Weltkrieges von manchen vorgegebenen 
Formen der deutschen Widersacher, insbesondere von eingängigen Bildern des 
“Simplizissimus”, die er teilweise bedenkenlos übernahm und mit eigenen, polemi¬ 
schen Unterschriften versah, also schamlos für ganz andere Zwecke umdeutete 
(Hans-Jürgen Lüsebnnk, Helga Abret). 
Abzuheben von den angedeuteten Grenzgänger-Begriffen ist das Phänomen jener 
Grenzgänger, die nach vielfachem und lange geübtem Überschreiten von Grenzen zu 
Einwanderern wurden, wobei es offenbleiben kann, ob es sich jeweils um Spätfolgen 
des Pendelns über die Grenzen oder um Frühformen der Einwanderung handelt. 
Möglicherweise sind derartige Differenzierungen ohnehin nur schwer zu erreichen. 
Wulf Müller hat diese Thematik behandelt. In methodisch beeindruckender Weise 
untersuchte er nämlich französische Personennamen im Oberelsaß und konnte dabei 
eine Sonderform der Zuwanderung und Einwanderung fassen, die nur durch Detail¬ 
analysen des Rappoltsteinischen Urkundenbuchmaterials erkennbar wird. Vermut¬ 
lich sind diese Personen, die vorzugsweise aus Lothringen, also über den Vogesen¬ 
hauptkamm aus dem Westen kamen, erst nach mehrfachem Grenzübergang definitiv 
zu Zu- oder Einwanderern geworden, hätte die mehrfache Wiederholung als Vorstufe 
zu gelten. 
Dieser Aspekt verdient Aufmerksamkeit, weil er in den sonstigen Beiträgen zu die¬ 
sem Band nicht eigens aufscheint, aber durchaus in der Konsequenz des Grenzgän- 
gertums liegen könnte. Mindestens “Artikel 1 Buchstabe b der Verordnung (EWG) 
des Rates über die Anwendung des Systems der sozialen Sicherheit auf Arbeitneh¬ 
mer und Selbständige sowie deren Familienangehörige, die innerhalb der Gemein¬ 
schaften zu- und abwandem (Nr. 1408/71)” weist in diese Richtung, rechnet minde¬ 
stens mit derartigen Auswirkungen. 
Berücksichtigt man zusätzlich, daß die aktuelle Grenzgängerthematik durch sog. 
Drittstaatsangehörige, zu denen sich illegale “Grenzgänger” aus sehr fernen Regio¬ 
nen Asiens oder Afrikas in nennenswertem Umfang gesellen könnten, nicht nur eine 
Akzentverschiebung erfahren dürfte, so ergeben sich beachtliche Dimensionen. 
Auch derjenige, dem es imponiert, wie etwa im Hinblick auf das Arbeitsrecht im 
Saar-Lor-Lux-Raum große Hindernisse für eine grenzüberschreitende Mobilität be¬ 
reits abgebaut worden sind (Stephan Weth), wird angesichts größerer Grenzgänger¬ 
ströme in weniger harmonisch strukturierte Regionen guttun, die angedeuteten Ent- 
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