Title:
"Grenzgänger"
Creator:
Schneider, Reinhard
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-226447
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-226540
rechtliche Erfassung der ausländischen Grenzgänger” aus Schweizer Sicht und eid¬ 
genössischem Material untersucht und definiert: “Unter einem Grenzgänger im 
Rechtssinne ist eine natürliche Person zu verstehen, die sich aufgrund der regelmäßi¬ 
gen Erwerbsmöglichkeit im einen Staat aufhält, dagegen in einem anderen Staat 
Wohnsitz hat und die besonderen für ein bestimmtes Rechtsgebiet durch die anwend¬ 
bare Rechtsordnung aufgestellten örtlichen, zeitlichen und persönlichen Vorausset¬ 
zungen erfüllt.”3 
Es liegt in der Eigenart der zumeist vertretenen nichtjuristischen Wissenschaftszwei¬ 
ge, daß wir mit der juristischen Definitionsschärfe - so sehr sie fasziniert - nicht virtu¬ 
os operieren können, sondern in hohem Maße auch von den (andersartigen) Quellen 
unserer jeweiligen Gegenstandsbereiche bestimmt werden. Es ist aber durchwegs 
empfehlenswert, diese Definitionen im Blick zu behalten, sich möglichst an ihnen zu 
orientieren. 
Festzuhalten wäre nach der knappen terminologischen Erörterung, daß der Begriff 
Grenzgänger zwar erst im 20. Jahrhundert aufgekommen zu sein scheint, die Sache 
hingegen erheblich älter sein dürfte. Im Vorgriff auf einige historische Zusammen¬ 
hänge läßt sich sogar betonen, daß ein entsprechender Begriff benötigt und gesucht 
wurde, sich aber erstaunliche Schwierigkeiten boten. Dabei waren das “Gehen über 
die Grenze” und auch der “Grenzgang” - allerdings in anderer, grenzabschreitender 
und kontrollierender Funktion - durchaus dem Sprachgebrauch geläufig, doch orien¬ 
tierte man sich eher auf die Zielräume, wenn von Hollandgängem und Hollandsgän- 
gerei oder von Sachsengängem gesprochen wurde. Aber auch die Angabe von polni¬ 
schen Sachsengängem hatte durchaus ihren Sinn, weil die in Sachsen Arbeit Suchen¬ 
den aus Polen kamen. Absurd jedoch - oder eher Indiz für das noch vorhandene 
sprachliche Unvermögen, Sachverhalte adäquat zu bezeichnen - waren etwa Hinwei¬ 
se auf “Die polnischen Sachsengänger in der badischen Landwirtschaft und Indu¬ 
strie”, wie der Titel einer Karlsruher Dissertation von 1914 lautet.4 Deren Verfasser 
Julius Ludwig verstand unter “Sachsengängem” eben saisonale Wanderarbeiter, 
auch wenn Sachsen nicht der Zielraum war. 
Bei den einleitenden Bemerkungen sollte ebenfalls ausdrücklich betont werden, daß 
vornehmlich Grenzgänger beachtet werden sollen, die Grenzen auf der Suche nach 
Arbeit überschritten, während illegale Grenzübertritte, sei es zum Schmuggeln oder 
zum Zweck des Auskundschaftens, der heimlichen Informationsbeschaffung oder 
ähnlicher Anliegen im wesentlichen außer Betracht bleiben sollen. Manche Lexika 
treffen ihre Unterscheidungen durchaus im angedeuteten Sinne, was ein Blick in 
Langenscheidts Handwörterbuch Englisch zu verdeutlichen vermag. In der erweiter¬ 
ten Neuausgabe von 1977 wird nämlich unter dem Stichwort Grenzgänger differen¬ 
ziert zwischen “illegal” - border crosser und dem “Arbeiter usw.” als frontier com¬ 
muter. Das nahezu parallele Handwörterbuch Französisch von Langenscheidt (in 18. 
Auflage von 1987) macht diese sublime Unterscheidung nicht, sondern gibt fronta¬ 
lier an. Dies kann gewiß nicht bedeuten, daß Frankreich keine entsprechenden Nega¬ 
3 Ralph Scheidegger, Die rechtliche Erfassung der ausländischen Grenzgänger (1987) S. 13. 
4 Julius Ludwig, Die polnischen Sachsengänger in der badischen Landwirtschaft und Indu¬ 
strie, Diss. Karlsruhe 1914. 
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