Title:
Grenzen und Grenzregionen
Creator:
Haubrichs, Wolfgang
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-108918
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-109415
Reinhard Schneider 
Lineare Grenzen - vom frühen bis zum späten Mittelalter 
Bei dem Stichwort lineare Grenzen dürfte man heute im allgemeinen an 
"schnurgerade", förmlich mit dem Lineal gezogene Grenzen denken. Solche 
Formen sind unserer Zeit sehr vertraut, allerdings wird man es nicht riskieren, sie 
immer als humanitären Fortschritt zu preisen: So dient beispielsweise der 38. 
Breitengrad als Grenze zwischen Nord- und Südkorea, sind im Zeitalter des 
Imperialismus vor allem in Afrika Kolonien schnurgerade ausgemessen worden, 
hat man auch im pazifischen Raum die Interessenbereiche nahezu mit dem Lineal 
auf der Weltkarte gezogen. 
Weit in die Vergangenheit zurück reicht ein vergleichbarer Fall. Nach dem Tod 
von Kaiser Theodosius I. wurde nämlich 395 eine Grenze zwischen Ost- und 
Weströmischem Reich bestimmt, die wenigstens theoretisch - allerdings mit 
relevanten Konsequenzen - über das 15. Jahrhundert hinaus bedeutsam blieb. Die 
Fixierung betraf Teile des Balkans und vor allem die grundsätzliche Trennung 
der südlichen Adria und des Mittelmeeres in zwei unterschiedliche 
Interessenbereiche. "Technisch" scheint man sich dabei auf den 37. Grad ost 
Ferro1 bezogen zu haben, nach modernerer Messung wären dies 19 Grad ost 
Greenwich. 
Ein berühmtes Beispiel ist auch der Schiedsspruch von Papst Alexander VI. aus 
dem Jahre 1493: Die päpstliche Entscheidung sollte die spanischen Rechte1 2 in 
den neu entdeckten Ländern sichern und bezog sich auf eine imaginäre 
Demarkationslinie vom Nord- zum Südpol 100 Meilen, westlich der Azoren. 
Diese Entscheidung, die später auch als "Mutter aller mathematischen Grenzen, 
die mit Meridianen und Parallelkreisen zusammenfallen", bezeichnet wurde3, ist 
1494 im Vertrag von Tordesillas (bei Valladolid in Kastilien) zugunsten 
Portugals korrigiert worden: Die Demarkationslinie verlief nunmehr 270 Meilen 
weiter westlich. 
Von Grenzziehungen der angesprochenen Art wird im folgenden keine Rede 
sein, wohl aber sollen Vor- und Frühformen einer bewußt linearen Grenzziehung 
ermittelt werden4. Es soll also auf Festlegungen geachtet werden, die sich nicht 
nur an Fluß- und Gewässerrändem, an Meeresküsten oder ähnlichen relativ klar 
1 Die sog. Arae Philaenorum in Tripolitana galten als Berechnungspunkt. 
2 
Kastilien/Aragon - bzw. die Katholischen Majestäten sind damit gemeint 
3 
Alexander Supan, Die territoriale Entwicklung der Europäischen Kolonien (Gotha 1906), S.18. 
4 Ohne Belang für diese Fragestellung ist der Versuch von Charles Higounet, "À propos de la perception 
de l'espace au moyen âge", in: Media in Francia ... Recueil de Mélanges offert à Karl Ferdinand 
Werner (Maulevrier 1989), S.257-268, das Aufkommen eines "zweidimensionalen" Denkens seit Ende 
des 12. Jh. als Voraussetzung künftiger Kartographie zu erweisen. 
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