Title:
Grenzen und Grenzregionen
Creator:
Haubrichs, Wolfgang
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-108918
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-109173
Entwicklung bestimmter wirtschaftlicher, sozialer oder militärischer Faktoren. In 
dem Maße, in dem die Besiedlung auch der staatlichen Randzonen voranschritt 
und der wirtschaftliche Wert von Grund und Boden stieg, verschwanden räumliche 
Elemente der Landgrenze i. e. S.. Es lag auf der Hand, daß Grenzwall, Grenz¬ 
mauer oder Grenzgraben wesentlich platzsparender waren als etwa ein undurch¬ 
dringlicher Grenzwald. Ihn aber als Grenze im Rechtssinn entbehrlich zu machen, 
bedurfte in aller Regel einer Absprache mit dem Nachbarstaat bzw. dem Inhaber 
der Hoheitsgewalt in der Nachbarregion. 
Damit tritt eine verbreitete Rechtsform der Feststellung des Grenzverlaufes in den 
Mittelpunkt: die vertragliche Festlegung, Bestätigung oder auch nur Klärung des 
Grenzverlaufs. Im Idealfall wird zur Vermeidung späterer Konflikte dem Text des 
Vertrages eine Landkarte beigefugt, die ebenso wie der reine Vertragstext von bei¬ 
den Parteien unterschrieben wird. Der bloße Hinweis auf natürliche Gegebenheiten 
würde nicht genügen, da auch diese, wie wir sehen werden, rechtliche Fußangeln 
aufweisen. 
Geht es darum, eine Grenze zu ziehen, so verfügt die moderne Technik über aus¬ 
reichende Hilfsmittel, um durch Grenzvermarkung und Grenzvermessung im 
Rahmen einer meist eigens gebildeten Grenzkommission mögliche Unklarheiten 
zu vermeiden. Schwieriger ist es dagegen, den Verlauf historisch entstandener 
Grenzen zu beschreiben bzw. zu ermitteln. Denn hier fehlt es nicht selten an 
einem ausdrücklich formulierten Grenzvertrag, vielmehr sind historische 
Dokumente ergänzender Art maßgeblich. Sie bestätigen in vielen Fällen nicht 
einmal den Grenzverlauf selbst, sondern lediglich die faktische Ausdehnung des 
staatlichen Besitzstandes. 
Dies kann dadurch geschehen, daß Belege für die längerfristige (historische) Dul¬ 
dung des Grenzverlaufs durch den nunmehr protestierenden Nachbarstaat oder für 
einen historisch längeren unbestrittenen Besitzstand beigebracht werden. Sie ma¬ 
chen deutlich, daß neben der vertraglichen Festlegung das sogenannte Effektivi¬ 
tätsprinzip eine besondere Rolle im geltenden Völkerrecht spielt14. Ohne Mühe ist 
vorstellbar, daß der Streit über die vorgelegten Belege nicht selten die internatio¬ 
nale Gerichtsbarkeit beschäftigte oder auch besondere Schiedsgerichte zur Fest¬ 
stellung der Grenzlinie zwischen zwei Staaten eingerichtet werden mußten, wie 
vor kurzem im Taba-Fall über den Grenzverlauf zwischen Ägypten und Israel15. 
Hier ging es um einen landschaftlich reizvollen Küstenstreifen am Golf von 
Akaba, auf dem sich ein ansehnliches Hotel nebst Badestrand befinden. Dieser erst 
14 Vgl. Verdross/Simma, a.a.O,, § 69; Krüger, "Das Prinzip der Effektivität oder: über die besondere 
Wirklichkeitsnähe des Völkerrechts", in: Festschrift f. Spiropoulos, 1957, S. 265 ff; Fiedler, Das 
Kontinuitätsproblem im Völkerrecht, 1978, S. 59, 70, 122 f. 
15 Vgl. Lapidoth, "Taba Arbitration", in: Bernhardt (ed.), Encyclopedia of Public International Law 
(EPIL), Inst. 12 (1990), S. 365 ff; Raafat, "The Taba Case", in: Revue Egyptienne de Droit 
International 1983, S. 1 ff; Bowett,"The Taba Award of 29 September 1988", in: Israel Law Review 
1989, S. 429 ff; Lauterpacht, "The Taba Case: Some Recollections and Reflections", in: Israel Law 
Review 1989, S. 443 ff. 
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