Title:
Grenzen und Grenzregionen
Creator:
Haubrichs, Wolfgang
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-108918
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-110814
Emst Eichler 
Historische Sprachgrenzforschung im deutsch-slawischen 
B ERÜHRUNGSGEBIET 
In einem Raum zwischen "Ostsee und der Adria" (E. Schwarz) haben Deutsche und 
Slawen nebeneinander gewohnt, wie auch zum Teil noch heute (Lausitz, Kärnten, 
Burgenland usw.). Oftmals wurde eine Grenze - u.E. wohl verfehlt - postuliert und 
vom "Grenzland" gesprochen, vor allem in der Zeit zwischen 1933 und 1945. 
Terminologisch sollte man hier eher das Wort "Grenzzone" oder "Grenzsaum" usw. 
gebrauchen, denn scharfe Grenzen hat es wohl im frühen und späten Mittelalter, ja 
auch in der Neuzeit kaum gegeben. Stets gab es "jenseits" und "diesseits" einer 
gedachten, hypothetischen Grenze auch Enklaven und Sprachinseln, Objekte der 
Sprachinselforschung, die hier außer Betracht bleiben muß, vor allem deutscher 
Sprachinseln im slawischen und romanischen Sprachraum. Es sind auch noch 
weitere terminologische Präzisierungen angebracht: einerseits sollte man nicht 
pauschalisierend nur von "Slawen" sprechen, sondern von Polaben, Sorben, 
Kaschuben, Polen, Tschechen, Slowaken, Kroaten, Slowenen, Serben usw. (vom 
Norden nach Süden blickend), andererseits hat man Germanen und Deutsche zu 
trennen und zu beachten, daß sich z.B. die in den 30er und 40er Jahren 
erscheinende Zeitschrift "Germanoslavica" und auch die seit 1965 erscheinende 
Publikationsreihe "Onomastica Slavogermanica" weniger den germanisch- 
slawischen, als vielmehr den deutsch-slawischen Beziehungen widmet. 
Es gilt heute als anerkannt, daß die slawischen Stämme erst verhältnismäßig spät, 
etwa im 6. Jahrhundert, die Gebiete zwischen Weichsel und Oder eingenommen 
haben: sie sind in diesem Gebiet offenbar nur vereinzelt noch mit einer 
germanischen Restbevölkerung zusammengetroffen - darauf weisen die archäo¬ 
logischen Funde auf der einen und die Gewässernamen, die sie bereits vorfanden 
und für die wichtige Orientierung übernahmen, auf der anderen Seite. Einerseits 
konnte es hierbei um germanische Flußnamen (wie z.B. Havel), andererseits um 
sogenannte alteuropäische (indogermanische) Flußnamen, wie z.B. Elbe, Oder, 
Saale, Warthe und Weichsel gehen, abgesehen auch von Namen für kleinere Flüsse, 
die man ebenfalls als vorslawisch bzw. alteuropäisch (indogermanisch) ansprechen 
muß. Da offenbar nur eine germanische Restbevölkerung in verschiedenen 
Landschaften mit den neuen Ankömmlingen, (ten Slawen, zusammenkam, kann man 
offenbar keine zusammenhängende germanisch-slawische Grenzzone annehmen, 
geschweige denn lokalisieren. 
Zur Rekonstruktion historischer Sprachgrenzzonen eignen sich gut verschiedene 
Arten von Eigennamen, deren Aussagekraft jedoch zu differenzieren ist. Bekannt¬ 
lich geben die Siedlungsnamen mit ihren oft alten Bezeugungen gute Auskünfte 
über die ethnische Situation in früheren Epochen. Siedlungsnamen (bzw. Orts¬ 
namen im engeren Sinne) sind geeignete Festpunkte für die Rekonstruktion, wenn 
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