Title:
Grenzen und Grenzregionen
Creator:
Haubrichs, Wolfgang
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-108918
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-110394
Bistümer sind Glieder dieser Kontinuitätsfäden, wenn auch besonders wichtige4. 
Diese so spezifische Situation - so ist zu erwarten - dürfte kaum folgenlos für die 
'Alpenromania' geblieben sein, spezifisch eben deswegen, weil die langobardischen 
und bajuwarischen Siedlungsgebiete sich im 7. Jahrhundert keineswegs über den 
gesamten mittleren Alpenraum flächendeckend ausdehnen, sondern - wie der ar¬ 
chäologische Befund dies klar ausweist - sich keilförmig von Norden und Süden in 
diesen vorschieben (Abb. 1-2). Es hängt also nun von den Mechanismen und der 
Intensität dieser beiden Landnahmevorgänge ab, ob - und wenn ja - wo die territo¬ 
riale und kulturell-zivilisatorische und vor allem auch sprachliche Einheit der 
'Alpenromania' so gestört wurde, daß die Kontinuitätslinien immer brüchiger wur¬ 
den, ja mit bleibenden Folgen dann sogar abrissen. Dies darzustellen ist das 
Hauptanliegen dieses Beitrags, was aus der Sicht der Archäologie allein auf sied¬ 
lungsarchäologischem Wege möglich ist. 
Kann also im Sinne der Symposiumsthematik zwar durchaus von Grenzregionen 
gesprochen werden, so lassen sich Grenzen hingegen im 677. Jahrhundert noch 
nicht darstellen; auch wenn man aufgrund der spärlichen und zudem wenig kon¬ 
kreten Schriftquellen kontrovers über den Verlauf sich verschiebender, rein poli¬ 
tisch-territorialer Grenzen zwischen Langobarden und Bajuwaren in unserem Un¬ 
tersuchungsraum streiten kann - sollte es sie überhaupt im kontinuierlich, mehr 
oder minder vertraglich präzise geregelten Sinne gegeben haben -, so kam ihnen 
jedoch noch keine ethnisch prägende und stabilisierende Rolle im Kleinraum zu, 
schon gar nicht für die romanische Bevölkerung. Zu vieles ist noch in Bewegung, 
noch nicht stabil genug auf dem Hintergrund der fränkischen Alpen- bzw. Italien¬ 
politik und der in sie teilweise kontrovers eingebetteten engen bajuwarisch-lan- 
gobardischen Verbindungen5. Dennoch werden Grenzen in unser Blickfeld gera¬ 
ten, wenn ab dem ausgehenden 8. Jahrhundert sich herausbildende und erst im 11. 
-13. Jahrhundert ethnisch (und sprachlich) verfestigende Strukturen sich erkennen 
lassen; sie sind - was zu zeigen sein wird - in hohem Maße bereits grundgelegt in 
den beiden sehr unterschiedlich strukturierten Überschichtungsvorgängen von 
Langobarden und Bajuwaren über die 'Alpenromania'. Archäologie und Sprachge¬ 
schichte kommen für die 'Frühzeit' hierbei besondere Bedeutung und Beweiskraft 
zu; sind die fachspezifisch erzielten Ergebnisse allein schon beeindruckend6, so 
läßt sich das siedlungskundliche Bild im interdisziplinären Verbund noch einmal 
erheblich verdichten7. 
4 Zur Kirchenorganisation zuletzt: Berg, Bischöfe, S. 74fF. und S. 89ff.; Sydow, Frühes Christentum, S. 
32ff.; Bierbrauer-Nothdurfter, Sähen, S. 28lf.; zur gestaltenden Rolle der Kirche angesichts verfallender 
staatlich-lenkender Institution im Dukat von Trient u,a. Jamut, Herzogtum Trient, S. 170f. und Conti, 
La spedizione, S. 306fF. 
5 Zuletzt: Schneider, Alpenpolitik, S. 23ff. und Schmid, Bayern und Italien, S. 5 lff. 
6 Zuletzt: Pfister, Entstehung des Zentral- und Ostalpenromanischen, S. 49ff. 
7 
Hierfür ist der Saarbrücker Forschungsschwerpunkt ein beneidenswertes Musterbeispiel; vgl. für das 
mittlere Alpengebiet: Bierbrauer, Insediamento, S. 133; Pfister, Ln popolazione, S. 175. 
149
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.