Full text: Grenzen und Grenzregionen

hundert bezeugte frühe Flur- und Bachnamen, die immerhin für eine gewisse Prä¬ 
senz bairischer Siedler seit karolingischer Zeit sprechen. Dagegen treffen wir 
nördlich dieser Linie in weit überwiegendem Maße deutsche Ortsnamentypen an 
wie jene auf -heim, -wang, -dorf -ing(en), die für das frühe Mittelalter charakte¬ 
ristisch sind. Daneben finden sich jedoch unmittelbar an dieser Linie und entlang 
der Römerstraße von /wvtfVHm-Salzburg nach Wels in Oberösterreich sogenannte 
Walchennamen wie Wals, Seewalchen, Straßwalchen, die das deutsche Wort für 
Romanen enthalten, also eine Außenbezeichnung für autochthone Bewohner dar¬ 
stellen. Diese Namen sind auch in anderen ehemals romanisch besiedelten Land¬ 
schaften der Germania charakteristisch für untergegangene Sprachgrenzstücke. 
Hinzu kommen 'Mischnamen', in denen lateinische Personennamen (wohl die Na¬ 
men von Grundherren) mit deutschen Grundwörtern wie -Jor/kombiniert wurden: 
z.B. Eugendorf, 8. Jh. Iubindorf zum Personennamen Iubianus. Auch Lehnnamen, 
die ins regionale Bairische übernommene Lehnwörter aus dem Romanischen ent¬ 
halten, kommen vor. All dies zeugt von einer gewissen Einmischung romanischer 
Sprecher auch im Norden des Gebietes, die aber nicht überschätzt werden darf: Die 
Benennung erfolgt, wie die herrschenden Ortsnamentypen zeigen, von einer ger¬ 
manischsprechenden Bevölkerung. 
Erst lautchronologische Analysen erlauben Aussagen darüber, wie lange die Ro¬ 
mania Iuvavensis, die Salzburger Romania, bestand. Diese lautchronologischen 
Analysen beruhen auf zwei einfachen methodischen Prinzipien: 
- Ein Name, der noch Lautprozesse der Spendersprache, hier des Romani¬ 
schen, aufweist, kann erst nach Vollzug dieses Lautwandels in die 
Zielsprache, hier das Bairisch-Deutsche integriert worden sein. 
— Ein Name, der schon Lautprozesse der Zielsprache aufweist, kann nur vor 
Vollzug dieses Lautwandels, enthält er sie aber nicht, nur nach 
Vollzug dieses Lautwandels integriert worden sein. 
Die Anwendung dieser Prinzipien auf das Namenmaterial, das hier nur in Aus¬ 
wahl (Nr. 1-10) vorgestellt wird13, ermöglicht Rückschlüsse auf die Kontinuitäts¬ 
dauer einer Sprache und auf den Zeitpunkt der Integration in das dominante 
Sprachsystem. 
1) Adnet, 8. Jh. adAtanate < rom. *Adanade < *Atanate; 
2) Kuchl, 4. Jh. Cuculle, 8. Jh. ad Cucullas, ad Cuchil, a. 930 ad Chuchulam-, 
3) Grödig, 8. Jh. ad Crethica, a. 930 ad Gretticham < *Gradica (?); 
4) Vigäun, 8. Jh. adFigun < rom. * Vicone "Großdorf'; 
5) Gugelän-Alm, 8. Jh. Cuculana\ 
6) Rif, a. 1194 Rive < Ripa "Ufer"; 
7) Larosen(bach) n. Berchtesgaden, 8. Jh. Ladusa < *Latosa (Gewässernamen); 
8) +Tuval n. Hallein, nach 1191 Toval, a. 1198 Tubal < rom. *Tubalis (zu lat. 
tubus "Röhre"); 
9) Marzöll, 8. Jh. ad Marciolas (zum Personennamen Marciolus)\ 
13 Belege aus Reiffenstein (wie Anm. 12), S. 59ff. 
104
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.