Title:
Zwischen Saar und Mosel
Creator:
Haubrichs, Wolfgang
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-111761
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-113139
Josef Adolf Schmoll gen. Eisen werth 
Zur Parler-Strömung in der lothringischen Skulptur der zweiten 
HÄLFTE DES 14. JAHRHUNDERTS: STILISTISCHE BEOBACHTUNGEN UND FRAGEN 
an die Historiker 
An der Wende von der Hoch- zur Spätgotik in der zweiten Hälfte des 14. 
Jahrhunderts spielt die Stilströmung, die mit dem Namen der Architekten- und 
Bildhauerfamilie der Parier - und ihrer Schulen - verbunden ist, eine bedeutende 
Rolle. Der Name gründet in der Berufsbezeichnung für den Sprecher einer 
Bauhütte, lateinisch „parlare“, französisch „parier“, daraus später deutsch „Polier“. 
Mit diesem Begriff wird der praktisch leitende Künstler eines Bau- und Steinmetz¬ 
betriebs an sakralen und profanen Bauvorhaben bezeichnet. Als Familienname aus 
der oft in Sippen gepflegten Berufstradition (wie Müller, Schmied, Weber usw.) 
abgeleitet, tritt er im 14. Jahrhundert im Kreis einer Gruppe von führenden 
Baumeistern (und zugleich Bildhauern) auf, die an fast allen wichtigen Orten und 
Brennpunkten des Baugeschehens im gesamten alten Deutschen Reich (im Römi¬ 
schen Reich deutscher Nation und seinen mit ihm politisch-historisch verbundenen 
Gebieten) auf. Der bisher nachweisbare ältere Angehörige der Pariersippe ist ein 
Heinrich (von Gmünd), der zuerst Polier in Köln war, dann („magister operis“ 
-Bauleiter) in Schwäbisch-Gmünd, wo er 1352 (vermutlich nach dem Vorbild der 
Zisterzienserkirche von Zwettl, Niederösterreich) den Hallenchor begonnen hat. 
Nicht ganz gesichert ist, ob er auch am 1377 unternommenen Chor des Ulmer 
Münsters und an der Frauenkirche in Nürnberg (Halle) beteiligt war. Sein Sohn 
Peter Parier, um 1330 in Gmünd geboren, dort zuerst ausgebildet, dann in Köln 
(Dombau) tätig, wurde - sehr jung - um 1355 f. durch Kaiser Karl IV. nach Prag 
berufen, um den von dem französischen Architekten Matthias von Arras begonne¬ 
nen St. Veitsdom auf dem Hradschin, nach dem Tod seines Vorgängers 1352, 
weiterzubauen. Diese gewaltige Aufgabe beschäftigte Peter Parier bis zu seinem 
Tod 1399 in Prag. Er modifizierte die Pläne des Meisters Matthias und schuf den 
berühmten Chorbau mit Umgang (eingewölbt 1385) und weitere Bauabschnitte der 
Prager Kathedrale, die Sakristei, die Wenzelskapelle (1367), das Turmuntergeschoß 
und das Südquerhaus mit dem damaligen Hauptportal. Daneben entwarf er die 
Allerheiligen-Stiftskirche auf der Prager Burg, den mächtigen Chor der Maria- 
Schnee-Kirche in Prag, die berühmte Moldaubrücke (Karlsbrücke) ab 1357 mit 
dem nach 1370 aufgeführten Altstädter Brückenturm. Peter Parier und seine 
Bildhauerwerkstatt formten gleichzeitig zahlreiche Skulpturen: Im Prager Dom die 
Tumbengräber der böhmischen Könige, der Vorfahren der Mutter des Kaisers, mit 
den Liegefiguren (Gisants) der Premysliden, in den Chortriforien die Büsten der 
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