Full text: Lotharingia

privilegierte 856 Münster im Gregoriental und 866 Münstergranfelden und Leberau.69Zwei¬ 
mal hielt er sich in der Pfalz Marlenheim auf, zuerst im Zusammenhang mit der Verstoßung 
seiner Gemahlin Theutberga, was auf ca. 857 schließen läßt,70 und erneut im Frühjahr 866, 
als er das Kloster Münstergranfelden privilegierte.71 
Auf das Elsaß richtete allerdings auch schon bald nach Lothars I. Tod dessen Bruder Ludwig 
der Deutsche begehrliche Blicke und traf mancherlei Vorbereitung, um wieder in den Besitz 
dieser Provinz zu kommen.72 Dabei kam ihm sozusagen die kirchliche Geographie zu Hilfe. 
Denn wenn er im März 856 dem Straßburger Bischof Ratold die Immunität bestätigte, so tat 
er dies - rechtens - nur für die Besitzungen der Straßburger Kirche infra ditionem nostri 
imperii, also rechtsrheinisch,73 doch versäumte er nicht, vom Bischof zu erwarten, daß er 
treu dem imperium, also dem herrschaftlichen Befehl Ludwigs gehorche und obendrein für 
sein Heil, das seiner Gattin und Nachkommenschaft und seines ganzen, ihm von Gott 
übertragenen und mit dessen Güte per inmensum, in unermeßlicher Weite zu bewahrenden 
Reiches zusammen mit Klerus und Volk bete. Man hat den Eindruck, daß in den zuletzt 
zitierten Worten die Absicht der Reichserweiterung durchaus anklingt. 
Was Straßburg betrifft, so blieb es nicht bei diesem einen Kontakt. Bischof Ratold, der ent¬ 
sprechend der Zugehörigkeit seines Bischofssitzes zum regnum Hlotharii mehrfach in der 
Umgebung Lothars II. zu sehen ist, so auf der lotharingischen Landessynode von 862, auf 
der Heerfahrt gegen die Normannen 864 und auf westlichen Synoden, die mit der 
Ehescheidungsangelegenheit Lothars befaßt waren,74 war 868 auf der Wormser Synode 
ostfränkischer Bischöfe anwesend, die in Gegenwart Ludwigs des Deutschen stattfand.75 
Hier wirkte sich die Zugehörigkeit der Straßburger Diözese zu Mainz aus, führte zur Begeg¬ 
nung Ratolds mit dem ostfränkischen König. Die Doppelorientierung des Elsaß spiegelte 
sich damals in der kirchlichen Sondersituation Straßburgs. 
Ludwig der Deutsche konnte überdies von der politischen Großwetterlage profitieren, die 
sich für Lothar II. ab 857 infolge seiner Ehescheidung von Theutberga zugunsten seiner 
früheren Friedelfrau Waldrada zunehmend verschlechtert hatte.76 Wie die Annales 
Bertin¡ani zum Jahre 860 berichten, schloß Lothar aus Angst vor seinem Onkel Karl dem 
Kahlen ein Bündnis mit seinem anderen Onkel Ludwig dem Deutschen und trat ihm 
deswegen im Gegenzug einen Teil seines Reiches, nämlich das Elsaß, ab.77 Um diese Zeit 
69 MGH DLoll 4, 28, 30. 
70 Vgl. Th. Schieffer, Lothar II., in: Neue Deutsche Biographie 15. 1987 S. 216-220. 
71 Regesta Alsatiae Nr. 549 und 572 (MGH DLoll 28). Das Regest Nr. 573 ist zu streichen. 
72 Die Bezeichnung provincia begegnet für das Elsaß in dem Brief Papst Leos IV. an die Kaiserin Irmingard 
vom 28. April 850. Regesta Alsatiae (wie Anm. 1) Nr. 534. Zur Echtheitsfrage, die aber die hier 
angesprochene Terminologie nicht berühren dürfte, vgl. Germania Pontificia 3,3 S. 31 Nr. 2. Zum 
Begriff provincia vgl. unten S. 69. 
73 MGH DLDt 75. Dazu Büttner, Elsaß (wie Anm. 1) S. 131 mit Anm. 203a. 
74 Regesten Straßburg (wie Anm. 15) Nr. 85-92. 
75 Regesten Straßburg (wie Anm. 15) Nr. 94. Regesta Alsatiae (wie Anm. 1) Nr. 578. 
76 Vgl. hierzu Boshof, Lotharingien (wie Anm. 1) S. 134 ff. und jüngst überblickhaft L. Böhringer in der 
Einleitung zur Edition der Schrift Hincmars von Reims, De divortio Lotharii regis et Theutbergae reginae 
(MGH Conc. 4 Suppl. 1) 1992 S. 4 ff., ferner R. Schieffer, Die Karolinger. 1992 S. 159 ff. 
77 Regesta Alsatiae (wie Anm. 1) Nr. 556. Dazu Büttner, Elsaß (wie Anm. 1) S. 133. 
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