Full text: Lotharingia

neswegs auf sie auch nur irgendeine Rücksicht genommen. Selbst zum überwiegend roma¬ 
nischen Westreich Karls des Kahlen gehörten in Flandern zwischen Somme und Schelde 
germanische Sprecher, so wie im Süden des Ostreiches Ludwigs des Deutschen in der Rae¬ 
tia Curiensis Romanen, genauer Raetoromanen. Auch die Teilung von Meerssen 870 beließ 
Flandern beim Westreich, ja gab noch die Niederlande bis zur unteren Maas bei Maastricht 
hinzu, während das romanische Stablo in Belgien, Metz und Teile des romanischen Landes 
an oberer Mosel und Maas sowie Teile der Franche-Comté und des Jura an das Ostreich fie¬ 
len. Lotharingien war und blieb auch nach dem Vertrag von Ribémont 880 ein regnum 
„zwischen den Sprachen". Freilich sollte man - wenn man anerkennen muß, daß die 
Großen des Reiches sich nicht um die Sprache der Bewohner ihres Reiches gekümmert 
haben - daraus doch nicht den Schluß ziehen, daß die Mehrsprachigkeit eines solchen poli¬ 
tischen Gebildes für Politik und Kultur des Landes keine Probleme stellte.,8 
Die Mehrsprachigkeit des regnum Lotharingiae besaß einen besonderen Charakter. Denn 
das Phänomen der uns so linear erscheinenden heutigen oder für die frühe Neuzeit rekon¬ 
struierbaren 'Grenze' muß für das frühe Mittelalter in Zeit und Raum dynamisiert werden. 
Als die Großen in Verdun entschieden, gab es noch keine lineare Sprachgrenze, eine solche 
war erst im Werden. Der Raum zwischen Somme und unterer Maas, zwischen oberer Maas, 
Mosel und Vogesen war bis etwa 1100 in allmählich abnehmendem Maße ein Kristallisati¬ 
onsraum der beiden großen Sprachgruppen Romanisch und Germanisch, der aus bilingua¬ 
len, sich um die spätere Sprachgrenze verdichtenden Zonen und mehr oder minder ein¬ 
sprachigen langsam assimilierten Sprachinseln zusammengesetzt war. Lotharingien ist der 
Schauplatz der zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert sich vollziehenden Entmischung der 
Sprachen. 
Die Quellen, die wir für diese Feststellungen haben, sind freilich keine direkten, sondern 
indirekte Quellen: die Namen, die an Räumen und Orten haften, die Namen der Siedlun¬ 
gen, Gewässer, Berge, teilweise auch der Fluren, welche die Siedler einer jeweiligen Spra¬ 
che kultivierten. Da diese Zeugen massenhaft auftreten, fest am Raum haften, sich chrono¬ 
logisch staffeln lassen und in der Mehrzahl der Fälle einen ganz eigentümlichen und 
unverwechselbaren Sprachcharakter tragen, kommt ihnen eine hohe Beweiskraft für die 
Rekonstruktion früher sprachlicher Verhältnisse zu. Die Ergebnisse der von der belgischen 
und schweizerischen Forschung früh vorangetriebenen, heute aber auch für das deutsch¬ 
französische Kontaktgebiet um Mosel und Saar fortgeschrittenen Rekonstruktions¬ 
bemühungen lassen sich in drei Punkten zusammenfassen:19 
ln: RhVjbll. 31. 1966/67 S. 223-290; Ders., Die Ortsnamen. In: Ur- und frühgeschichtliche Archäologie 
der Schweiz. Bd. 6. Basel 1979 S. 75-96; Ders., Die Schweiz als Sprachgrenzland. Eine historisch- 
typologische Standortbestimmung, ln: Li Li. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 21, Fl. 83. 
1991 S. 13-39; Peter Clatthardt, Ortsnamen zwischen Aare und Saane. Namengeographische und 
siedlungsgeschichtliche Untersuchungen im westschweizerischen Sprachgrenzraum. Bern/Stuttgart 
1977. 
18 Vgl. stellvertretend die Darstellung bei Hans K. Schulze, Vom Reich der Franken zum Land der Deut¬ 
schen. Merowinger und Karolinger. Berlin 1987, S. 330ff. 
19 Zur Sprachgrenztheorie und -typologie vgl. Wolfgang Haubrichs, Über die allmähliche Verfertigung 
von Sprachgrenzen. Das Beispiel der Kontaktzonen von Germania und Romania. In: Wolfgang Hau¬ 
brichs / Reinhard Schneider (Hgg.), Grenzen und Grenzregionen - Frontières et régions frontalières 
- Borders and Border Régions. Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschichte 
und Volksforschung 22. Saarbrücken 1994, S. 99-129. 
186
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.