Title:
Lotharingia
Creator:
Herrmann, Hans-Walter
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-91559
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-91727
Reinhard Schneider 
DIE EINHEIT DES FRANKENREICHES UND DAS TEILUNGSPRINZIP 
Nach allgemeinem Verständnis ist „Lotharingien" ein „zwischen dem West- und Ostfran¬ 
kenreich gelegenes 'Regnum' des Frankenreiches".1 Es ist eingebettet in die Geschichte und 
die Räume des fränkischen Großreiches, das sich seit dem 9. Jahrhundert in einem 
Auflösungsprozeß befand und aus seinem politischen Gesamtverband eine Reihe anderer 
Reiche entließ, die allerdings nicht alle von längerer Dauer waren. Sichtbar werden die 
wesentlichsten Einschnitte dieser Großreichsauflösung in Teilungsverträgen. Insofern zielt 
unser Thema: „Die Einheit des Frankenreiches und das Teilungsprinzip" auf den Ausgangs¬ 
punkt der Geschichte Lotharingiens und seiner allgemeinen Grundlagen, wohl auch auf 
entscheidende Bedingungsfaktoren seiner Existenz. Warum, so könnte man fragen, wirkte 
sich das im Frankenreich seit rund vier Jahrhunderten praktizierte Teilungsverfahren erst im 
Verlauf des 9. Jahrhunderts und besonders im Falle Lotharingiens, das seit König Lothars II. 
Alleinherrschaft im weiten Land „zwischen Maas und Rhein, der Nordseeküste und dem 
Gebiet von Besançon"2 im engeren Sinne so bezeichnet wird, in anderer Weise aus als 
zuvor, d.h. warum führte es zu dauerhafterem Bestand der Teile? Sollte sich das fränkische 
Teilungsprinzip im Verlauf der Jahrhunderte so erschöpft haben, daß es keine irgendwie 
doch noch einigende Kraft mehr besaß? Es liegt sogar nahe, eine paradox anmutende These 
zu formulieren von dem Teilungsprinzip als letztendlichem Bedingungsfaktor des fränki¬ 
schen Gesamtreiches. -Die aufgeworfenen Fragen zielen auf Kernprobleme der fränkischen 
Geschichte, ihre auch nur andeutende Beantwortung zwingt zur Rückschau bis zu Chlod¬ 
wig, den Begründer des Frankenreiches; sie erfordert aber auch Ausblicke über die Wende 
vom 9. zum 10. Jahrhundert hinaus. Die längsschnittartige Anlage meiner Betrachtung ist 
mithin vorgegeben, ich selbst werde mich um thematische Straffung bemühen. 
Über die allgemeine Relevanz einer Thematik von Einheit und Teilung bedarf es in unserer 
Jahrhunderthälfte kaum rechtfertigender Worte. Auch handelt es sich nicht nur um einen 
deutschen Erfahrungshorizont. Immerhin hat der englische Historiker Timothy Garton Ash in 
seinem Buch von 1993: „Im Namen Europas. Deutschland und der geteilte Kontinent" dar¬ 
auf hingewiesen, daß es in Europa durchaus unterschiedliche Teilungsformen seit jeher gab. 
So definierte Ash die von ihm erörterte Jalta-Teilung Europas, deren zentraler Aspekt die 
Teilung Deutschlands betraf, in folgender Weise: „Sie unterschied sich von vorangegange¬ 
nen Teilungen Europas durch ihre historische Willkür, ihre Absolutheit, die asymmetrischen 
Rollen der teilweise außereuropäischen atomaren Supermächte und die Kongruenz der 
militärischen, politischen und wirtschaftlichen Unterschiede".3 
1 Michel Parisse, Lotharingien, in: LMA, Bd. 5 (1991) Sp. 2128. 
2 Ebd. Sp. 2129. 
3 Timothy Garton Ash, Im Namen Europas. Deutschland und der geteilte Kontinent (München, Wien 
1993) S. 24. 
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