Full text: Der Bergmannsfreund (3)

bleibt es nur, daß trotz des wirthschaftlichen Vortheils, den 
die Consumvereine gewaͤhren, die Betheiligung an denselben 
keine größere und lebhaftere ift und daß noch immer die 
verlangte Baarzahlung den größten Theil der Grubenbeleg— 
schaften den Vereinen fernhält. 
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Zwei Unglücksfälle in Folge Entzündung schlagender 
Wetter durch einen Schuß. II. 
Nun sollte man meinen, daß ein so trauriger Fall, wie 
der in voriger Nummer beschriebene, wenigstens für einige 
Zeit und wenigstens auf derselben Grube als abschreckendes 
Exempel gewirkt hötte. Leider ist das Gegentheil zu be— 
richten. 
In der Nacht vom 4. auf den 5. Februar d. J. ar— 
beiteten auf derselben Zeche Erin die Hauer Wilhelm Kruse 
von Beringhausen und Franz Sibbe von Castrop in der 
334 m. langen östlichen Grundstrecke der Wettersohle in dem 
O,470 m. mächtigen, mit 60 Grad nach Norden geneigten 
Flötze Matthias Nebenbank. Schlagende Wetter hatten we—⸗ 
der sie, noch die im Frühdrittel beschäftigten Häuer Anton 
Grothe und Hermann Stratmann bemerkt und bisher hatte 
jede Schicht geschossen. Die Feuermänner Joseph Wächter 
und Joseph Köhler, welche das Ort am 4. Abds. bei Be— 
ginn der Nachtschicht befuhren, fanden die Wetterlutte von 
17 Quadrateentimeter Querschnitt nur 1 Meter von Orf 
zurück, bemerkten aber in der Firste ein wenig schlagende 
Wetter und verboten in Folge dessen das Schießen aus— 
drücklich. Gleichwohl bohrte Kruse ein Loch und erwiderte 
dem ihn warnenden Sibbe: „Ach was! Ich muß verdienen!“ 
Sibbe, der schon sechs Explosionen erlebt hatte, besaß nicht 
die Energie, den Kruse zu hindern und fuhr etwa 80 Meter 
vom Ort zurück; hatte auch nicht gesehen, ob Kruse vor 
dem Abschießen mit der Sicherheitslampe abprobirte. Der 
Schuß ging los und sogleich stand das Ort in Flammen 
Sibbe wurde zu Boden geworfen und flüchtete vor dem 
alsbald nachdringenden Schwaden, ohne dem Hülfe rufenden 
Kruse beizuspringen, welcher später mit schweren Brandwun— 
den an Gesicht ünd Händen todt gefunden wurde. 
Aber der Versuch, ihn zu retten, sollte noch zwei bra— 
ven Bergleuten das Leben kosten! 
Unter Leitung des Steigers Gibson begann man so— 
fort, an Stelle der durch die Explosion theilweise zerstörten 
Wetterlutten einen Luttenstrang von 62 Ientimeter 
Querschnitt auf der Streckensohle herzustellen. Da die Hoff— 
nung, den Kruse noch lebend zu finden, gering war, so un— 
tersagte der inzwischen herbeigekommene Betriebsführer Koll— 
mannñ auf das Bestimmteste, daß irgend Jemand sich weiter 
vorwage, als die neue Luttentour reiche, durch deren leb— 
haftes Ausblasen der starke Nachschwaden sofort vertrieben 
wurde. 
Da kamen gegen 8 Uhr Morgens die Bergleute Hein— 
rich Budde und Heinrich Renkhoff von Rauxel, welche bei ihrer 
Einfahrt gehört hatten, daß Kruse in der Strecke liege. 
Beide Männer, welche sich schon bei den Rettungsarbeiten 
am 25. October v. J. rühmlich ausgezeichnet, so daß für 
Budde die Rettungsmedaille beantragt war, — liefen, ohne 
auf die Warnung des Steigers Gibson zu hören, in die 
Strecke, kehrten aber nicht wieder zurück. 
Gibson drang nun mit einigen Leuten vor, um Budde 
und Renkhoff zu retten. Die Lampen verlöschten jedoch 
und sie kamen nur bis an einen Förderwagen, der ca. 100 m. 
von Ort zurück die Strecke sperrte. Inzwischen war der 
Betriebsführer Kollmann wieder eingetroffen. Gibson warnte 
vor weiterem Vordrindgen. aber Kollmann. welchem Budde 
— n 
am 28. October selbst das Leben gerettet hatte, erklärte 
entschieden, Budde und Renkhoff müßten gerettet werden. 
Sie kamen bis nahe vor Ort, sahen hier die Körper des 
Budde, packten ihn und zogen ihn 50 bis 60 m. zurück, fielen 
aber entkräftet hin und wurden von Gibson und Anderen 
ohnmächtig zu Tage gebracht. Budde und Renkhoff muß— 
ten nun aufgegeben werden; man setzte den Lutteneinbau 
fort. Gegen 6 Uhr Abends zerstörte ein Streckenbruch 
einen Theil der Lutten wieder und erst gegen 12 Uhr Nachts 
wurde die Leiche des braven Budde gefunden. Gegen 2 
Uhr erfolgte ein neuer Bruch und erst nach dessen Aufwäl— 
tigung gegen 6 Uhr früh fand man 12 m. von Ort zurück 
die Leiche des Kruse. Betriebsführer Kollmann und viele 
Hülfsmannschaften sanken ohnmächtig hin und mußten ab— 
gelöst werden. Um fernere Brüche zu verhüten, mußte zu— 
aächst eine gründliche Reparatur der Strecke dewirkt werden, 
und endlich am 6. Februar Mittags 12 Uhr gelang es, 
die Leiche des Renkhoff zu erreichen. Derselbe war an 
Kruse vorbei bis vor Ort gerannt und dort im Schwaden 
erstickt. — 
Dieser Fall liegt insofern anders, als der vom October 
v. J., als einmal der Thäter selbst zu Tode kam und da 
durch der gerichtlichen Anklage und Bestrafung entging, an— 
dererseits sonstige Todesfälle und Verletzungen nicht vorge— 
kommen wären, wenn nicht Budde und Renkhoff unüber— 
legt vordrangen, um Kruse zu retten, der doch nach mensch— 
lichem Ermessen nicht mehr zu retten war. Der Fall ist aber um 
so betrübender, als beide Männer das Opfer ihrer todes— 
muthigen Nächstenliebe wurden, während die im October v. 
J. zu Tode Gekommenen ohne ihr Zuthun das Leben ein— 
büßten. (Schluß folgt.) 
Die Thätigkeit der Post. 
Daß unsere deutsche Reichspost keinen ganz leichten 
Dienst hat, mag wohl Jeder begreifen. Allerdings so schwer 
und auf so unermeßlich große Entfernungen zu bestellende 
Briefe, wie sie sich beispielsweise in einer Stadt Südameri— 
ka's zu Hunderten „an die heilige Jungfrau im Himmel“ 
in einem an einer Kirche befindlichen Briefkasten vorzufin— 
den pflegten oder wie sie auch um die Weihnachtszeit im 
deutschen Vaterlande von gläubigen Kleinen an das „liebe 
Christkindlein“ geschrieben werden, — solch schwierige Auf⸗ 
träge hat allerdings bei uns die Post verhältnißmäßig wenig 
zu besorgen. Gleichwohl schüttet das Füllhorn der zahl— 
reichen Briefkasten unaufhörlich eine Fluth von Briefen aus, 
bei deren Anblick oft manchem Postbeamten angst und bange 
werden wird, und deren pünktliche und rasche Bestellung an 
ihre Adressaten dem Uneingeweihten als ein wahres Wun— 
derwerk vorkommen kann. 
Da finden sich oft wunderbare Adressen vor. „An un— 
sern Fritz in Frankreich“ war freilich eine leicht verständliche 
Aufschrift in jenen Tagen glorreichen Kampfes. Auch wird 
„der Herr Fiskus“, an welchen ein bekannter gelehrter Bauer 
aus Masuren noch immer alljährlich schreibt, in Berlin jedes— 
mal von der gutherzigen Post ermittelt. Und selbst Adres— 
saten, wie „Herr Cohn am Molkenmarkt“ und der „Ent— 
spektor von der Charitöh“ (Inspektor der Charite) oder 
„unser Sohn beim 1. Garde-Regiment in Potsdam“ sind 
noch immer zu ermitteln. Nur die vielen Briefe ohne 
Adresse scheinen unlösbare Aufgaben zu sein, aber sie 
scheinen es nur; denn das Retourbriefamt bringt „die Tod— 
ten“ wieder in's Leben zurück. d. h. zu den verwunderten 
Absendern
	        
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