Full text: Der Bergmannsfreund (3)

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Wangen rannen die hellen Thränen. Das war zum ersten 
Male in ihrem Leben, daß sie empfand, man könne auch 
aus lauter Freude und Glückseligkeit weinen. Ach, so glück— 
lich war sie ihr Lebenlang nicht gewesen, eine sichere Zu— 
kunft schien nun vor ihnen zu liegen und das Lob der 
Dienstfrau, das sie ihr soeben in dem schönen Bibelspruch 
gespendet, der des Gottlieb Lieblingsspruch war, das galt 
ihr heute fast am Meisten. — Aber reden konnte sie nicht. 
Dafür redete heute die Schichtmeisterin um so mehr. Sie 
meinte, sie habe weder Kind noch Kegel, nur entfernte 
Verwandte, denen es wohl ginge, und die ihrer nicht be— 
dürften; da der Mensch aber gern um sich haben möge, 
die zu ihm gehörten, so wolle sie fortan Gottlieb und An— 
nemarie als Solche ansehen und denken, sie habe sich nicht 
schlechter gebettet als Viele, die auf eigene Kinder sich stützten. 
„Frau“, sagte Gottlieb, „das sollet Ihr erfahren, will's 
Gott, der Euch noch lange am Leben lassen möge! Ihr habet 
ein wahr Wort geredet, alle Tage kann man Treue üben, 
und Ihr sollet es erfahren, daß wir es vermögen. Ihr 
seid uns Mutter und Wohlthäterin geworden, Frau Schicht— 
meisterin, das sollen Euch unsere Kindeskinder noch gedenken.“ 
„Wir wollen Jedes an seinem Ort thun, was es kann“, 
sagte die Frau, „und das vergesset nicht und gebet es ein— 
mal Euren Kindern als die beste Mitgift, daß es nicht des 
Großen bedarf und gewaltiger Thaten, um vor Gott treu 
erfunden zu werden. Wer jedes Tages Pflicht genügt 
und sich bescheidet, das recht zu thun, was von ihm gefor— 
dert wird, wer das Kleine nicht mißachtet und bedenkt, daß 
ohne das Kleine das Große nicht werden könne, der hat 
sich das Lob des treuen Knechtes erworben, den Gott über 
Vieles setzen will, und wo nicht hier, so dort — — und 
jetzt geht.“ — 
Da gingen die Glücklichen hinaus in den Wald und 
saßen da Hand in Hand, Eins in des Anderen Liebe ver— 
trauend und freudig. Sonnenschein und Frühlings-Glanz 
lag über dem Lande. Da seufzte auf einmal Annemarie 
tief auf: „Ach Gottlieb, mir kommt es zu Sinne, wie elend 
ich hätte werden können, wenn Du mir nicht begegnet wärst 
vor fünf Jahren. Wer weiß, wo ich jetzt wäre, denn wer 
weiß, was aus dem Andreas geworden? — Seit er damals 
von England aus geschrieben, ehe er sich einschiffte, hat 
kein Mensch mehr von ihm Etwas gehört.“ 
„Ja, wer weiß, wie es ihm gehen mag?“ sprach 
Gottlieb nachdenklich. „Wer weiß, wo und wie er das 
ihm anvertraute Pfund verschleudert haben mag? Wenn 
ich an ihn denke, wird mir's weh zu Sinne. Und gerade 
heute, gerade an diesem Ort, da wir nun so glücklich sind, 
muß ich seiner gedenken wie eines Sterbenden, für den 
man die letzten Gebete sprechen möcht'.“ 
Unwillkürlich faltete das Mädchen die Hände, und so 
saßen die Liebenden beisammen, während um sie die Mai— 
blumen dufteten und die Vögel sangen im Laub. — 
Aber während das geschah, zur selben Stunde, da die 
Jugendfreunde ahnungsvoll für ihn beteten, wand sich auf 
seinem Lager von dürrem Moos und Lumpen, brennend 
vom Fieber und gequält vom Durste, in seiner heißen, 
zerfallenen Hütte der Andreas in der Qual des Sterbens 
Beim Spiel hatte er Streit angefangen mit einem ver— 
wilderten Mexikaner, und sie hatten gethan, wie es dort 
Brauch, wo man alle Streitigkeiten mit dem Messer und 
dem Gewehre schlichtet, sie hatten ihre Messer gezogen. 
Jetzt mit einer schweren Wunde im Unterleibe lag der 
Andreas sterbend, allein, ein verlassener Mann. Im wilden 
Drucker und Verleger: Gebruder Hofer in Saarbracken. (Exrpedition der Saarbrücker Zeitunqg. 
Sinnentaumel der zwei vergangenen Jahre, in der Leiden⸗ 
schaft des Spieles, das ihn zum reichen Mann hatte machen 
follen, hatte er nimmer der Heimath gedacht, aber jetzt in 
der bitteren Todesstunde kam ihm das Sehnen, das unend— 
liche Sehnen darnach und die Reue, die herzzernagende 
Reue, daß er die Heimath und Alles, was sie ihm geboten, 
von sich geworfen habe, um nach dem Flittergolde zu greifen, 
das ihm zwischen den Fingern zerronnen war. — „Ach 
nur noch einmal den Wald rauschen hören, nur noch einmal 
die Stimmen aus der Heimath zu vernehmen, nur noch 
inen linden Hauch von da!“ — Seine Wunde brannte, 
sein Kopf schmerzte und seine Glieder rüttelten das Fieber. 
Da mit einem Male ging es wie ein leiser Hauch durch 
die Hütte, eine sanfte Kühle senkte sich auf die Stirne des 
Sterbenden. „Herr Gott, vergib mir!“ stammelte er, dann 
zing es wie ein Lächeln über sein frühgealtertes Gesicht. 
„Annemarie, Gottlieb, ich sehe Euch,“ murmelte er, „ach 
vpie die Maiblumen duften, wie es klingt und singt im 
Walde! — — — —“ Da war er hinüber. — 
„Amen!“ sagte Gottlieb laut als Schluß des stillen 
Gebetes, und die Liebenden standen auf und gingen Hand 
in Hand heim. 
Wie die Schichtmeisterin gesagt, so geschah es. Am 
Tage, da Gottlieb und Annemarie Hochzeit hielten, ließ sie 
hnen Haus und Garten als Eigenthum zuschreiben. Noch 
Jahre lang genoß sie der treuen Anhänglichkeit der durch 
sie Beschenkten, freute sich ihres Gedeihens und ihrer Kin⸗ 
der. Als die alte Frau endlich starb, war Gottlieb ein 
gemachter Mann, wie man so sagt. Seine älteste Tochter, 
die der Verstorbenen Pathin gewesen, erbte deren Mobiliar 
und Weißzeug. Was an Geld die Schichtmeisterin besessen, 
das hatte sie einer wohlthätigen Anstalt für verwahrloste 
Kinder vermacht, damit, wie sie in ihrem Testamente sagte, 
das Scherflein der Wittwe Zinsen trage in gerettelen 
Menschen. 
Das Zimmer, wo die alte Frau gelebt und gestorben, 
das hielten Gottlieb und Aunemarie wie eine Kapelle, da 
blieb Alles am alten Platze, nur an der Wand hing unter 
GBlas und Rahmen, schön geschrieben von ihrem ältesten 
Sohne, der Schullehrer werden wollte, das Gleichniß vom 
zetreuen Knechte. — 
Räthsel. 
Alles beginnt mit mir, und Nichts kann ohne mich enden; 
Himmel und Hölle, die Welt selber umfasset mich nicht; 
Aber im winzigsten Halm und Samen erschein' ich; in An— 
dacht 
Spürest du doppelt mein Wehn, doppelt bei jedem Altar. 
Groß in Athen, doch klein in der weltbeherrschenden Roma, 
Bin ich verbannt aus Berlin, Petersburg, London und Wien, 
Aber in Ehren hält mich Frankreichs üppige Hauptstadt. 
Alt ist der Witz. Höret ihn freundlich und rufet dann: Aht! 
(Auflösung folgt in nächster Nummer.) 
Marktpreise am 18. September 1878. 
55 au St. Johann. 
N -A 
1 5 — 
2 13 6 
— 7 * 
7
	        
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