Full text: Der Bergmannsfreund (3)

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Ueber die Erziehung der Kinder in 
der Familie. Echluß.) 
3. Höher als die Entwicklung des Verstandes steht aber 
die Seele und das Gemüth. Es muß den Eltern nicht ge⸗ 
nügen, ihre Kinder zu verständigen Menschen zu erziehen, 
sondern ihr Wunsch muß es sein ihre Kinder auf Er— 
den glücklich und rechtschaffen zu sehen. Darum 
ist es die vornehmste Aufgabe der Erziehung, den Unmün— 
digen die Wege zu zeigen, die sie wandeln muͤssen, um glück 
lich zu leben und selig zu sterben. Die Kinder also tugend— 
haft, oder, wie die heilige Schrift sagt, „in der Zucht und 
Vermahnung zum Herrn“ zu erziehen, das ist Pflicht der 
Eltern. Geld und Gut, großes Wissen, glänzende Fertig— 
keiten machen allein nicht wahrhaft glücklich; aber „selig 
sind, die reines Herzens sind“. 
Vornehmlich nun muß das Kind angeleitet werden zur 
Liebe, ebenso zur Liebe gegen Gott, als zur Liebe gegen 
seinen Nächsten. Denn „die Liebe ist des Gesetzes Erfül— 
lung“; aus ihr entspringt eine freudige Befolgung aller 
Lebenspflichten. 
Ebenso muß das Kind zum unbedingten Gehorsam 
gewöhnt werden. Ein Sklave soll es nicht werden, auch 
nicht eine Maschine, die Vater und Mutter nach ihrer Laune 
leiten und lenken. Aber der Erzieher muß den natürlichen 
Eigensinn und die wilde Störrigkeit des Kindes brechen. 
Mit dem Kinde dürfen die Eltern nimmermehr unterhandeln 
und ihm nicht die Wahl lassen, ob es dem Befehl Folge 
zu leisten gesonnen ist oder nicht. Nein, das Kind muß 
von frühester Jugend an dienen und gehorchen lernen; der 
Wille der Eltern muß ein Gesetz sein, dem sich das Kind 
ohne Widerrede zu unterwerfen hat. Denn wer nicht ge— 
horchen lernt, lernt auch nicht gebieten. Es versteht sich 
dabei von selbst, daß die Eltern von ihren Kindern nur 
das Rechte verlangen dürfen. Und sehen die Kinder, daß 
die Eltern es gut mit ihnen meinen, so werden sie ihnen 
auch mit Lust und Eifer gehorchen und alle Zwangsmittel 
zu verhüten suchen. — 
Eine andre Haupttugend des Kindes ist die Wahr— 
haftigkeit. Lüge, Falschheit und Verstellung dürfen dem 
Kinde nie gestattet werden, weil sich dasselbe sonst einen 
schlimmen Charakter aneignet, und weil daraus mancherlei 
andere Laster entstehen. Jeder Lug und Trug muß von 
vornen herein gerügt und selbst strenge bestraft werden; und 
Liebe zur Wahrheit, Lauterkeit und Offenheit ist in der 
kindlichen Brust zu wecken, zu nähren, zu stärken. 
Endlich erwähnen wir noch als einen koͤstlichen Schmuck 
der Jugend die Bescheidenheit. Anmaßung, Vorwih 
und Dünkeihaftigkeit dürfen nicht geduldet werden. Einschüch— 
terung der Kinder ist verwerflich, des gleichen liebloses Züchtigen 
und Zurechtweisen in Gegenwart fremder Personen; aber 
bei aller Freundlichkeit und Lebendigkeit muß das Kind in 
seinen Reden und Handlungen bescheiden und höflich auf— 
zutreten lernen. 
4. Um nun die große Aufgabe der Kindererziehung 
zum Heile des heranwachsenden Geschlechts zu vollenden, 
ist vor allen Dingen erforderlich, daß iin Elternhanuse 
ein christliches Leben herrscht. Gottentfremdete 
Eltern, denen Nichts mehr heilig ist, können ihre Kinder 
wohl groß ziehen und zu nützlichen, bürgerlichen Arbeiten 
abrichten; aber eine waͤhrhaft chriftliche Nachtommenschaft 
heranzubilden, das ist ihnen unmöglich. Und worauf sollen 
* müssen die Eltern mehr bedacht sein, als gerade auf 
de isdung und Veredlung des Gemürths ihrer 
Darum ist es nöthig, schon von frühster Jugend an 
dem Kinde eine religiöse Erziehung zu geben. Die 
Mutter ist die erste Religionslehrerin und Erzieherin. Sie 
bersäume es nicht, dem Kinde schon zeitig ein frommes 
Herz in die Brust zu pflanzen. Es brauchen keine Ueber⸗ 
freibungen stattzufinden, aber ein Kind, welches zum Gebet, 
zum Lesen in der Bibel und andern guten Bü— 
hern, sowie zum Besuch des Gottesdienstes ange— 
halten wird, wird ein frommes Gemüth gewinnen und den 
Eltern ein treugehorsames Kind werden. 
Dabei mögen die Eltern nicht versäumen, ihren Kleinen 
mit einem guten Beispiel voranzuleuchten. Denn wie 
önnen Kinder in der Liebe zu Gottes Gesetz gestärkt wer⸗ 
den, und wie können Vater und Mutter die Unarten, Fehler 
und Verirrungen strafen, wenn sie selbst fehlen? Das Bei— 
piel ist eine gar gewaltige Macht; und alle Lehren, Er—⸗ 
nahnungen und Warnungen fruchten nicht soviel, als ein 
gegebenes Beispiel. Waudeln Vater und Mutter allezeit 
quf dem Wege des Rechten und thun sie selber das, was 
sie von ihren Kindern verlangen, dann werden die Kleinen 
den guten Geist des Hauses erben und gerne all ihr Thun 
und Lassen nach dem Vorbild der Eltern einrichten. — 
Nicht minder wichtig zu einer segensreichen Kinderer— 
ziehung ist die Uebereinstimmung von Vater und 
Mutter. Nichts wirkt nachtheiliger auf das Herz und 
den Willen der Jugend, als wenn die Eltern in ihrer Be— 
sandlungsweise gegen die Kinder nicht Hand in Hand geben. 
Ist der Vater zu streng und zu hart, die Mutter dagegen 
zu weich und zu nachsichtig, oder nimmt gar ein Gatte die 
Unarten des Kindes in Schutz gegen die gerechten Strafen 
des andern Gatten, dann stellen sich Falschheit, Trug, List, 
Trotz und Tücke in der kindlichen Brust ein. Sind aber 
Mann und Weib in ihren Erziehungsgrundsätzen mit ein— 
inder einverstanden, gehen sie mit ihren Lehren, Ermahn⸗ 
uingen und Strafen Hand in Hand, verfolgen sie einen wohl⸗ 
iberlegten festen Plan, dann muß dem kindlichen Herzen 
eine sittliche Tüchtigkeit eingepflanzt werden. 
Napoleon und die Geuferin. ) 
Im Jahre 1786 zog ein junger Krieger mit seinem 
Regimente durch Lyon, wo er krank wurde und in einem 
Wirthshanse liegen bleiben mußte. Er hatte wenig Geld 
hei sich, und die Kosten seiner Krankheit hatten bald das 
Wenige erschöpft. Seine hartherzige Wirthin schaffte ihn 
in eine Bodenkammer, wo ein Strohsack und ein Stuhl das 
zanze Geräth ausmachte und ein wenig Gerstenschleim seine 
einzige Nahrung war. Sie weigerte sich, einen Arzt rufen 
zu lassen, um sich nicht der Verantwortlichkeit auszusetzen, 
welche, wie sie fürchtete, ein solcher Schritt ihr auferlegen 
könnte. 
Im ersten Stockwerk des Hauses wohnten zwei Genfer— 
innen, Frau und Fräulein Agiee, die sich ihrer Gesund— 
heit wegen eine Zeit lang in Lyon aufhielten. Beide waren 
schon bejahrt, und Fräulein Agiee beinahe fünfzig Jahr 
alt. Das Schicksal des jungen Kriegers hatte die Theil— 
nahme aller Hausgenossen erweckt, und auch Fräulein Agiee 
erfuhr durch ihr Kammermädchen seine hülflose Lage und 
die Grausamkeit der Wirthin, die schoͤn den Entschluß ge— 
faßt hatte, ihn in's Spital zu schicken. Es gelaug dem 
Nädchen, ihre Gebieterin zur Theilnahme zu bewegen. Das 
Fräulein ließ sogleich einen Arzt holen, erklärte sich gegen 
die Wirthin, alle Kosten der Verpflegung zu tragen und 
zy Aus den Blättern für das Armenwesen. Stuttgart 18723
	        
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